Strafe

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Strafe

Erschienen: Januar 2015

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Albert Bonniers Förlag, 2014, Titel: 'Straff', Originalsprache
  • München: Der Hörverlag, 2015, Übersetzt: Katja Riemann, Bemerkung: ungekürzte Lesung

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Almut Oetjen
Auf Schreiben und Tod

Buch-Rezension von Almut Oetjen Jun 2015

Der Schriftsteller Max Schmeling – den Namen hat er seinem Vater zu verdanken, einem Fan des berühmten Boxers – erhält überraschend den Brief eines ehemaligen Schulkameraden aus seinem Heimatort Gimsen. Tibor Schittkowski meint, dass Max ihm einen Gefallen schuldet, denn er hat ihm zweimal das Leben gerettet. Oder zumindest anderthalbmal, denn sicher ist nicht, ob der Rowdy von Gimsen wirklich seine Drohung, dem zehnjährigen Max den Kopf abzuschneiden, in die Tat umgesetzt hätte. Vermutlich nicht. Gewiss ist allerdings, dass Max als Sechzehnjähriger jämmerlich im Moerkerzee ertrunken wäre, hätten Tibor und sein Cousin ihn nicht herausgezogen. Obwohl er Tibor seit rund fünfundvierzig Jahren nicht gesehen und ihn damals für einen etwas schrägen Vogel gehalten hat, ruft Max die angegebene Nummer an. Tibor erzählt, dass er an einer tödlichen Krankheit leidet und bald sterben wird. Vorher möchte er noch eine wichtige Angelegenheit regeln, bei der er Hilfe benötigt. Widerwillig fährt Max nach Gimsen zu einem Mann, der ein eigentlich Unbekannter für ihn ist. Es ist eine Reise in die Vergangenheit und der Auftakt zu einem ungewöhnlichen Verbrechen. Tibor gibt ihm ein Manuskript, einen Bericht über sein Leben. Max beginnt widerwillig mit der Lektüre des Berichts, an dessen Glaubwürdigkeit er mitunter zweifelt, bis der Name seiner ersten Freundin und großen Liebe Kristiana Henkel auftaucht.

Mit Frauen hatte Max anscheinend schon immer Probleme, vor allem mit seiner letzten Freundin, der Schriftstellerin Brigitte. Nachdem sie ihn vor einigen Monaten verlassen hatte, musste er sich wegen Depressionen und Selbstmordgedanken in therapeutische Behandlung begeben. Seit kurzem befürchtet er, dement zu werden. Möglicherweise ist seine Vergesslichkeit aber auch pathologischer Ausdruck von Verdrängung.

Über den Umweg zur Wahrheit

Strafe ist ein Roman über die Entstehung eines Romans, mit einem Schriftsteller als Hauptfigur, der zumindest einige Parallelen zu Nesser aufweist. Das Alter stimmt in etwa, beide sind sehr erfolgreich, schreiben fast jedes Jahr ein Buch, ihre Themen sind, kurz gefasst, alternative Lebenswege (die Formulierung wird im Roman für Max verwendet), beide waren zuvor als Lehrer tätig, Max außerdem als Lokomotivführer. Max ist alleinstehend und lebt in Maardam, seine dritte Frau hat ihn vor einem halben Jahr verlassen, er hat zwei Kinder und zwei Enkelkinder – wie Nessers familiären Verhältnisse aussehen, darüber vermag die Rezensentin nun wirklich nichts zu sagen. Jedenfalls lebt er nicht in Maardam, der Stadt, die bei Nesser häufig vorkommt, so in den Van Veeteren-Romanen. Zweifellos verbirgt sich Nesser, wenngleich nicht unverändert, hinter seiner Hauptfigur und auch im Text. So erwähnt Tibor, dass er den Roman Die Perspektive des Gärtners von Erik Steinbeck gelesen hat. Den Roman gibt es wirklich, nur heißt dessen Autor Håkan Nesser und Erik Steinbeck ist die Hauptfigur darin, ist folglich in Strafe ein fiktiver Autor.

Nesser lässt seine Figuren, ob Schriftsteller oder Verbrecher oder beides in Personalunion, Fiktionen erschaffen. In Strafe ist er so konsequent, sich selbst (mehr oder weniger) zu einer Figur in einem Roman zu machen, ein Verwirrspiel treibend mit der Übersetzerfiktion, Herausgeberfunktion und Autorenfiktion. Nesser ist in der fiktionalen Landschaft dieses Romans leichter auszumachen und zuverlässiger zu finden als Nessie in ihrem schottischen Loch. Alle Parameter definieren diese Landschaft eindeutig als Nesserland. Vorangestellt ist dem Roman eine Zeile auf Englisch, die von Archie Moore stammt und übersetzt heißt:

 

"Es gefällt mir zu glauben, dass ich auf einer wahren Geschichte beruhe."

 

Man könnte meinen, dass es sich dabei um einen Autoren handelt. Tatsächlich war Archie Moore der älteste Titelträger in der Geschichte des Boxsports, er hielt den Titel von 1952 bis 1962, als er im Alter von 49 Jahren gegen Cassius Clay (später Muhammad Ali) verlor. Nesser bringt gleich zwei Profiboxer ins Spiel, die er als Autorenfiguren etabliert.

Man mag andere Menschen belügen, mahnt die Therapeutin ihren Klienten Max, aber man sollte nie sich selbst belügen, es könne schlimme Folgen haben – ein Schlüsselsatz. Max schreibt an einem neuen Manuskript, in dem er genau die Städte erwähnt, die auch in Tibors Lebensbericht vorkommen, der älter als das Manuskript ist und erst später von Max gelesen wird. Da aber das Echo nicht vor dem Geräusch, die Kausalkette logischerweise nicht umgekehrt funktioniert, wirft das zwei wichtige Fragen auf: Wer ist der Autor und welches Motiv treibt ihn an?

Der Klappentext der deutschen Übersetzung informiert oder desinformiert darüber, dass Paula Polanski das Pseudonym einer deutschen Publizistin sei, die das Buch gemeinsam mit Nesser verfasst habe und aus Gründen, die sich bei der Lektüre des Romans erschließen, lieber anonym bleiben möchte. Paula Polanski, deren Name an den bekannten polnischstämmigen Regisseur gemahnt, worauf auch im Roman verwiesen wird, sei dem Autor auf einer Lesereise begegnet und habe ihm ihre Geschichte erzählt.

Im Original heißt der Roman "Straff", das Cover nennt Paula Polanski als Autorin und Håkan Nesser als Übersetzer. Die Angabe der Originalsprache fehlt, was ungewöhnlich ist. Oder auch nicht, wenn es nicht anders geht, weil es sich nicht um eine Übersetzung handelt. Der schwedische Titel wurde jedenfalls ins Deutsche übersetzt von Paul Berf, der bereits Die Lebenden und die Toten von Winsford übertragen hat, auch ein Roman über variable Lebensgeschichten.

Strafe ist ein spannender, raffiniert und stringent erzählter postmoderner Roman über einen Schriftsteller, der für ein Verbrechen bestraft wird - adäquat möchte man meinen - und er erzählt die Entstehungsgeschichte eines Romans, der zu siebenundachtzig Prozent Belletristik und zu dreizehn Prozent Kriminalroman ist.

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