Old School

  • Heyne
  • Erschienen: Januar 2017
  • 3
  • Köln: Random House Audio, 2015, Seiten: 2, Übersetzt: Gerd Köster
  • München: Heyne, 0, Seiten: 350, Übersetzt: Stephan Glietsch
  • München: Heyne, 2017, Seiten: 400, Übersetzt: Stephan Glietsch
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Andreas Kurth
85°1001

Krimi-Couch Rezension vonJun 2015

Vier Ladys und ein Halleluja

Die 60-jährige Susan Frobisher erleidet mehr als einen Kulturschock, als sie von zwei Polizisten mitgeteilt bekommt, dass ihr eher bieder wirkender Ehemann Barry bei perversen Sexspielen mit einer Prostituierten einen Herzinfarkt erlitten hat. Sie muss akzeptieren, nicht mehr gut versorgt, sondern völlig mittellos zu sein - Barry hat Kredite aufgenommen, um sein geheimes Sexleben zu finanzieren, und sie hat die Verträge ahnungslos mit unterzeichnet.

Susans Freundin Julie schlägt sich mit einem Putzjob im Altersheim durch, wo die 89-jährige Ethel der Zeit nachtrauert, als sie eine bekannte Tänzerin war. Susans weitere Freundin Jill braucht dringend Geld für ihren schwer kranken Enkel, den nur ein teure Operation retten kann. Und so entschließt sich das Quartett nach vielem Gerede, eine Bank zu überfallen, um sich finanziell zu sanieren. Julie hatte mal einen Liebhaber, der Bankräuber war. So kommt Nails ins Boot - doch bei dem Überfall geht einiges schief, Nails wird festgenommen, und die vier Mädels entkommen nur in einer wilden Flucht. Zwei Polizisten jagen sie hartnäckig - durch Frankreich und bis ans Mittelmeer. Es gibt Verwicklungen und Turbulenzen ohne Ende - die alten Damen müssen ihre ganze Fantasie einsetzen.

Großes Amüsement beim Lesen und nachdenkliche Momente

Was für ein pralles Lesevergnügen! John Niven hat mit Old School einen mehr als lesenswerten Kriminal-Roman geschrieben, dem man die Herkunft aus einer Drehbuchidee zwar deutlich anmerkt, was aber zur Qualität in meinen Augen einiges beigetragen hat. Wobei mir unverständlich ist, warum dieser tolle Stoff nicht verfilmt wurde.

Im Schicksal der vier Damen transportiert der Autor auch einige aktuelle gesellschaftliche Fragen, die neben dem großen Amüsement beim Lesen auch für nachdenkliche Momente sorgen. Es geht um Altersarmut, ein derzeit in Deutschland mehr als aktuelles Thema. Es geht aber auch um die finanzielle Abhängigkeit von Frauen von ihren Männern, um Offenheit und Vertrauen in Partnerschaften. John Niven benutzt dabei keinesfalls einen erhobenen Zeigefinger, bringt vielmehr seine Leser eher unterschwellig zum Nachdenken.

Vier hochgradig unterschiedliche Frauen mit einem Ziel

Neben der spannenden und zugleich amüsanten Geschichte lebt dieser Roman vor allem von den grandiosen Protagonistinnen, von viel Situationskomik und von den spritzig-derben Dialogen. Nails scheidet früh aus, Vanessa ist nur nettes Beiwerk, aber das ursprüngliche Quartett hat es wirklich in sich.

Da ist zunächst Susan, die auf brutale Art aus ihrem alten gutbürgerlichen Leben gerissen wird. Sie zeigt stets Initiative, behält auch in Krisen stets die Nerven und ist so etwas wie der Ruhepol der Gruppe. Ihre Freundin Jill ist dagegen zurückhaltend, ängstlich und leicht mal pikiert. Sie kommt mit Ethels ordinärer Art überhaupt nicht klar, ist das bürgerlich-brave Gewissen der Gruppe - wird aber von ihren Komplizinnen einfach mitgerissen.

Da ist Julie deutlich lebensnaher, pragmatischer und zupackender. Gemeinsam mit Susan sorgt sie dafür, dass immer wieder Lösungen und Auswege gefunden werden. Und sie ist es auch, die dafür sorgt, dass sich in Frankreich die junge Ausreißerin Vanessa der Gruppe anschließt - zu sehr erinnert diese Julie an ihre eigene Vergangenheit.

Und dann ist da noch Ethel - die schon wegen ihres vorlauten und ordinären Mundwerks unbezahlbar für den Unterhaltungswert des Romans ist. Trotz ihres Alters und ihres Übergewichts ist sie ein Powerfrau - und so agiert sie auch in der Gruppe, und vor allem im Konflikt mit der Polizei. Da gibt es schon einige Szenen, die ich gerne mal im Film sehen würde...

Die Geschichte ist Kopfkino der allerfeinsten Sorte

Eine irre Truppe, ein irrer Plan, und eine irre Verfolgungsjagd. Richtig schräg und humorvoll erzählt, voller englisch-französischer Vorurteile und Klischees - die Geschichte ist derart rasant, dass man vorab dafür sorgen sollte, sie nahezu in einem Stück lesen zu können. Ich fand jedenfalls jede einzelne Unterbrechung der Lektüre höchst lästig.

Der Realitätsgehalt der Geschichte tendiert natürlich gegen Null, aber das ist bei diesem Buch völlig irrelevant. Viel zu sehr wünscht man sich als Leser, dass die vier dynamischen Ladies mit ihrer Nummer durchkommen - zumal nur eine Bank dabei geschädigt wird.

John Nivens Geschichte ist ein Roadmovie zum Lesen, Kopfkino der allerfeinsten Sorte. Wenn das Buch nicht verfilmt wird, werde ich es eben mehrfach lesen, denn alle feinen Nuancen bekommt man bei der ersten Lektüre vermutlich gar nicht mit.

Old School

John Niven, Heyne

Old School

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