TAKEOVER

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Erschienen: Januar 2015

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Kopenhagen: Politiken, 2008, Titel: 'Og hun takkede guderne', Seiten: 605, Originalsprache
  • Valby: Egmont, 2003, Titel: 'Firmaknuseren', Seiten: 603, Originalsprache
  • Berlin: DAV, 2015, Seiten: 8, Übersetzt: Wolfram Koch
  • München: dtv, 2016, Seiten: 605

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Jürgen Priester
Liebesroman oder Thriller?

Buch-Rezension von Jürgen Priester Apr 2015

TAKEOVER - Und sie dankte den Göttern ist der neuste Roman von Erfolgsautor Jussi Adler-Olsen auf dem deutschen Buchmarkt. Schon äußerlich macht das Buch, in Grüntönen auf Weiß, mit Schmetterling auf Dornenzweigen, einen frischen, jungen Eindruck. Die Titelgebung der deutschen Ausgabe mit einem englischen Schlagwort und einem deutschen Untertitel ist zur Zeit auch angesagt. Leider ist der Roman nicht so frisch, wie er den Anschein erweckt. Das Original ist Adler-Olsens zweiter Roman ("Firmaknuseren") aus dem Jahr 2003, der in Dänemark in 2008 noch einmal unter dem Titel "Og hun takkede guderne" (Und sie dankte den Göttern) veröffentlicht wurde.

Wie der Rezensent schon an anderen Stellen (Das Alphabethaus) und (Das Washington Dekret) feststellte, sind die Frühwerke des Autors mit Vorsicht zu genießen. Was die Einbettung der Romanhandlungen in einen historischen und/oder politischen Kontext betrifft, geht Adler-Olsen sehr eigenwillige Wege. Mit einer aus dieser Erfahrung resultierenden Skepsis schlug der Rezensent das Buch auf und wurde erst einmal vom Vorwort des Autors positiv überrascht. In sehr nachdenklichen Worten geht Adler-Olsen auf die realen Hintergründe der dann folgenden fiktiven Handlung ein. Es geht um Ereignisse in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts und deren Darstellung in den Medien. Adler-Olsens These ist, dass sich hinter vielen Ereignissen ganz andere Wahrheiten verbergen als die veröffentlichten. Da können wir ihm besonders aus heutiger Sicht nur zustimmen. Wir wissen, dass die sogenannten Leitmedien Nachrichten selektieren und eine bestimmte, nämlich eine transatlantische Interpretation favorisieren.

Als ein Beispiel unter anderen erwähnt der Autor den schrecklichen Chemieunfall (1986) bei der Firma Sandoz in der Schweiz und stellt als Tatsache fest, dass diese Katastrophe durch einen Anschlag der Stasi im Auftrag des KGB ausgelöst wurde. Eine kurze Recherche ergab nun leider, dass diese Behauptung eine von vielen Spekulationen rund um das Unglück war, der aber keinerlei Relevanz beigemessen werden konnte. Wenn Adler-Olsen nicht über geheime Quellen verfügt, ist er genau dem Manipulationsversuch aufgesessen, vor dem er warnen will. Es bleibt ein etwas fader Geschmack in Bezug auf das, was folgen wird.

Amsterdam - 1996. Marlene „Nicky" Landsaat, eine 27-jährige eurasische Schönheit, lebt in prekären Verhältnissen. Ihr holländischer Vater hängt seit Jahren an der Flasche und tyrannisiert, auch handgreiflich, seine Familie. Die Mutter aus einem alten indonesischen Geschlecht vegetiert mehr tot als lebendig zurückgezogen in einer kleinen Kammer. Nickys jüngere Geschwister geben auch nicht viel her: der Bruder treibt sich im kriminellen Milieu herum, die beiden Schwestern sind drogenabhängig und/oder prostituieren sich. Es grenzt schon an ein Wunder, dass Nicky eine Fachhochschule erfolgreich abschließen konnte und sich jetzt bei Christie NV, der Beratungsfirma von Peter de Boer, bewerben kann.

Peter de Boer, ein stattlicher Mann Ende 50, ist in seinem Beruf sehr erfolgreich. Seine Firma lässt sich anheuern, wenn ein Unternehmen einen lästigen Konkurrenten aus dem Weg geräumt haben will. Im Sinne des Auftraggebers setzt de Boers spezialisierter Mitarbeiterstab alle legalen und illegalen Mittel ein, um das Konkurrenzunternehmen nachhaltig zu schwächen oder ganz in den Ruin zu treiben. Diese schmutzige Arbeit lässt sich Mijnheer de Boer fürstlich honorieren. Man sieht, der Mann, der Nickys zukünftiger Chef werden soll, ist ein richtig netter Zeitgenosse.

Nickys erste Tage als Trainee in der Firma Christie gestalten sich turbulent. Zuerst verpasst sie einen wichtigen Termin und fällt dann durch ihre unkonventionelle Denkweise auf. Dem Chef gefällt das, wie ihn auch Nickys äußere Erscheinung begeistert, erinnert sie ihn doch an seine erste Liebe, einer indonesischen Häuptlingstochter. De Boer ist dort aufgewachsen. Seine Zuneigung findet Erwiderung. Auch Nicky ist ganz angetan von dem Mann mit dem knackigen Hintern und den magischen Augen.Trotz der fordernden Arbeit und des Chaos in ihrer Familie träumt sie ab und an von einer rosigen Zukunft mit Peter de Boer. Der aber hat zur Zeit viel um die Ohren und kann sich nur auf seine Geschäfte konzentrieren. Irgendetwas rumort in seiner Firma und er weiß bald nicht mehr, wem er überhaupt noch trauen kann. Außerdem drohen längst verdrängte Familiengeheimnisse plötzlich ans Tageslicht zu treten. Um dem ganzen Trouble die Spitze aufzusetzen, wird de Boer gezwungen, zwei Aufträge anzunehmen, in die der irakische Geheimdienst involviert ist, was ihm gar nicht schmeckt.

Jussi Adler-Olsen hat diesen Roman vor fünfzehn Jahren geschrieben. Den internationalen Durchbruch schaffte der Autor allerdings erst ab 2007 mit seiner Carl-Mørck-Sonderdezernat-Q-Reihe. Was die jüngeren Serienromane mit den Frühwerken verbindet, ist, dass Adler-Olsen in jeden Roman unheimlich viel hineinpackt, so dass man nie behaupten könnte, einer von ihnen sei langweilig. Eine geballte Ladung an Informationen, Personen und Handlungen sucht nach der Aufmerksamkeit des Lesers und man weiß nicht recht, wem man sie schenken soll. Da steht zu vieles gleichberechtigt nebeneinander, ohne dass die Prioritäten des Autors erkennbar wären. Das gilt auch für das vorliegende TAKEOVER.

Obwohl die Handlung fast ausschließlich in Amsterdam angesiedelt ist, bilden die Auseinandersetzungen im kurdischen Teil des Iraks Mitte der 1990er Jahre den historischen Hintergrund des Romans. (Später kommt noch der Absturz eines Frachtflugzeugs der EL AL im Jahre 1992 über Amsterdam hinzu, in einer fantasievollen Interpretation des Autors.) Aus dem Irak importiert sind denn auch die Spannungselemente, die aus einem Roman einen Thriller machen sollen. Sie treten in Gestalt von mehreren Geheimagenten des Diktators Saddam Hussein auf. Leider sind sie nicht so recht ernstzunehmen, da ihr uniformer Habitus mit Saddam-Schnäuzer, Knoblauch-Atem und penetranter Aftershave-Wolke eher an Witzfiguren denken lässt. Dennoch sind sie zuständig für Action und Spannung, die hauptsächlich in der zweiten Hälfte des Romans zu finden sind.

TAKEOVER beginnt wie ein Liebesroman - als die Geschichte der holden Maid aus ärmlichen Verhältnissen mit ihrer dramatischen (völlig überladenen) Familienchronik, die alles versucht, ihrem Schicksal (Fluch, ja richtig) zu entrinnen. Schon die erste Begegnung mit dem (nicht ganz so) edlen Ritter löst unerklärliche Gefühlswallungen in ihr aus. Dass der Herr ein skrupelloser Geschäftemacher ist, stört sie nicht weiter. Menschen können sich ja ändern. Ob man jedoch solchen Carsten-Maschmeyer-Typen, die ihren Reichtum und ihr Glück auf Kosten anderer generieren, die Absolution erteilt, muss jeder Leser für sich entscheiden. Die Lösung, die der Autor gewählt hat, wird nicht allen gefallen, ist aber die realistischste.

Um auf die in der Überschrift der Rezension gestellte Frage zurückzukommen: Liebesroman oder Thriller? TAKEOVER ist beides, und das widerspricht sich ja nicht grundsätzlich. Auf die Gewichtung kommt es an. Dem Rezensenten war die Liebesgeschichte zu theatralisch und die angedeutete Mystik (Götter, Fluch) und Symbolik (Schmetterling) zu penetrant. Als Rezensent ist man ja der Redaktion gegenüber verpflichtet, das auch zu Ende zu bringen, für das man sich entschieden hat. Unter anderen Umständen hätte der Rezensent den Roman wohl abgebrochen. Schmonzetten sind nicht sein Ding. Das Thriller-Finale ist dann zu weit hergeholt und kann nicht wirklich überzeugen. Spannung kommt nicht mehr auf, da der Ausgang der Geschichte schon festliegt.

Man muss schon anerkennen, dass Jussi Adler-Olsen schon zur Jahrtausendwende bemerkt hat, dass oft eine Diskrepanz besteht zwischen den tatsächlichen und den veröffentlichten Hintergründen von Ereignissen. Man hätte ihm ein besseres Händchen bei der Auswahl seiner Beispiele gewünscht, denn auch seine EL AL-Geschichte ist hoch spekulativ. Jetzt könnte man darüber diskutieren, ob man das als künstlerische Freiheit toleriert oder ob sich Spekulationen über Ereignisse, die mit viel Leid verbunden sind, verbieten, wenn der äußere Rahmen nicht gegeben ist. Der Rezensent tendiert zu letzterem.

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