That Night - Schuldig für immer

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • New York: St. Martin's Press, 2014, Titel: 'That Night', Originalsprache
  • Berlin: Argon, 2015, Seiten: 6, Übersetzt: Christiane Marx

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Brigitte Grahl
That Night – Die Heldin lässt sich lange bitten

Buch-Rezension von Brigitte Grahl Mär 2015

Chevy Stevens legte 2010 (2011 in Dt.) mit Still Missing ein beeindruckendes Thriller-Debut hin. Ihr zweiter Streich Never Knowing überzeugte ebenfalls mit einem originellen Plot und einer Menge Spannung. Dagegen fiel ihr drittes Buch Blick in die Angst deutlich ab. Die Autorin nahm sich sehr lange Zeit für die Entwicklung und Biografie ihrer Hauptfigur. Zur Sache ging es erst spät. Bei ihrem vierten Buch stellt sich daher die Frage: Findet Chevy Stevens zu ihren Thriller-Anfängen zurück oder geht sie weiter in Richtung Charakter-Drama? Leider entscheidet sie sich in That Night für letzteres. Das Buch schwächelt an den gleichen Zutaten wie schon der Vorgänger.

That Night lässt sich in zwei Hälften teilen. Die erste Hälfte erzählt über 230 Seiten mehr oder weniger eine Coming of Age Geschichte – an der Highschool und im Gefängnis. Erst der zweite Teil entwickelt einen kontinuierlichen Spannungsbogen und wird zum Thriller.

Die Protagonistin Toni wird nach 15 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird, wo sie unschuldig wegen des Mordes an ihrer Schwester Nicole gesessen hat. Mit 18 Jahren betritt sie den Knast als rebellischer Teenager, als abgehärtete und resignierte Erwachsene verlässt sie ihn. Die Ich-Erzählerin springt ständig zwischen der Gefängniszeit und Rückblenden in ihre Teenagerzeit. Die Themen erinnern an die amerikanischen Highschool-Soaps: Ärger mit den Eltern, Mobbing durch eine Mädchenclique, unerwünschte Liebesbeziehung zu einem von allen Mädchen begehrten "Bad Boy". Die Ereignisse laufen auf die Nacht zu, in der ihre Schwester stirbt und sie und Ryan verhaftet werden. Für erwachsene Leser ist die Zeit im Gefängnis der interessantere Handlungsstrang. Hier zeigt sich, welchen Wandel Toni durchmacht und wie ihre Familie zerbricht.

Im zweiten Teil kehrt Toni – auf Bewährung – in ihren Heimatort zurück. Hier wird das Buch endlich zum Krimi, denn eine frühere Zeugin verschwindet und Schulmobberin Shauna setzt alles daran, Toni wieder ins Gefängnis zu bringen. Aber lange Zeit bleibt Toni passiv. Sie geht jedem Ärger aus dem Weg, um nicht wieder ins Gefängnis zu kommen. Das mag zwar realistisch sein, macht es dem Leser aber schwer, sich mit der Heldin zu identifizieren. Das typische Verhalten, dass der Krimileser von einem unschuldig Verurteilten erwartet, übernimmt ausgerechnet eine Nebenfigur: Tonis Jugendfreund Ryan, der ebenfalls im Gefängnis saß. Er ist zurückgekehrt, um den wahren Täter zu überführen und beider Unschuld zu beweisen. Erst als Tonis Nemesis Shauna ihr systematisch ihr neu aufgebautes Leben zerstört und Toni kurz davor ist, zum zweiten Mal unschuldig im Gefängnis zu landen, wird die Heldin endlich aktiv und die Spannung steigert sich. Im Finale auf den letzten Seiten überschlägt sich die Action dann und Chevy Stevens überrascht die Leser noch einmal mit einer Wendung. Wo das Buch vorher Längen hatte – hier würde man sich ein bisschen mehr Worte wünschen. Die knappe Auflösung verschenkt Spannungsmomente.

Stevens Stärke liegt im Erfinden origineller Plots. Sie versteht es, den Leser mit unvorhergesehenen Wendungen zu überraschen, ohne dass die Handlung ins Unglaubwürdige abrutscht. Ihre Protagonistinnen sind vielschichtige Charaktere mit gut ausgearbeitetem Background, die gründliche Recherche des Stoffes sorgt für Realismus.

Leider überzeugt Stevens stilistisch weniger. Das kapitelweise Springen zwischen den Zeitebenen stört den Lesefluss und die Spannung im ersten Teil deutlich. Ein weiteres Problem ist die eigentümliche Konstellation, dass für Toni und damit auch für den Leser mehr oder weniger feststeht, wer den Mord begangen hat. Die Frage ist nicht "Wer wars?" sondern "Warum?". Daraus machen andere Autoren spannende Krimis (siehe Keigo Higashino). Aber Chevy Stevens Hauptfigur ist nicht getrieben - ob von Rache oder Neugier – das Rätsel um jeden Preis zu lösen. Die passive Protagonistin ist ein weiteres Manko. Sie macht es dem Leser schwer, sich mit ihr zu identifizieren.

Kann Chevy Stevens ihren Ruf als Thriller-Queen behaupten? Wenn man in ihrem Werk eine Entwicklung sieht, so zeigt die Kurve abwärts. Sportlich gesehen lautet das Urteil bei zwei sehr guten und zwei mäßigen Thrillern: Unentschieden. Hoffen wir, dass Chevy Stevens mit ihrem nächsten Buch ins Schwarze trifft. Dass sie es kann, hat sie ja mit ihren ersten beiden Büchern bewiesen!

That Night - Schuldig für immer

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Letzte Kommentare:
10.11.2017 10:11:15
plusundminus

Ich finde, dass die Rezensentin Brigitte Grahl die Latte etwas hoch hängt. Es ist wahr, daß der Täter früh feststeht und daß die Motivlage die einzige offene relevante Frage ist. Aber der Weg dorthin ist unterhaltsam und spannend. Man liest sich in einen "flow" und möchte das Buch nicht mehr weglegen, bis man nicht das Ende kennt. Schön geschrieben sind auch die Gefängnisszenen. Man wundert sich dabei über das amerikanische Rechtssystem. Unter dem Strich: sehr empfehlenswert.

05.03.2016 20:00:36
simsa

Hörbuch Rezension:

Es ist der Abend am See, der Tonis Leben für immer verändern wird.
Zusammen mit ihrer Schwester Nicole und ihrem Freund Ryan, ist das 18 Jahre alte Mädchen an einem Sommerabend unterwegs. Das Paar geht kurz eigene Wege und da passiert es. Nicole wird ermordet.
Als wenn dies nicht schon schlimm genug wäre, Toni und Ryan werden als Täter in Betracht gezogen und verurteilt.
Viele Jahre später wird die nun erwachsene Frau aus dem Gefängnis entlassen und versucht neu zu starten. Doch der Tod ihrer Schwester lässt sie nicht los, denn der Mörder ist immer noch auf freien Füßen...
Es gibt Bücher, da weiß man einfach nicht, wo man anfangen soll. „That Night – Schuldig für immer“ von Chevy Stevens ist so ein Buch für mich.
Die Autorin, die für spannende Thriller steht, machte mich schon sehr lange neugierig. Habe ich doch immer nur von begeisterten Lesern gehört und auch ein paar ihrer Werke zieren nun mein Bücherregal.

Und so hoffte ich, als ich mir „That Night – Schuldig für immer“ als Hörbuch nach Hause holte, auf spannende Unterhaltung.
Was ich erhielt war so viel mehr, als ich je erwartet hätte. Dieses Buch machte das Abschalten unmöglich, so dringend musste ich erfahren, was mit Toni passieren wird.

Gleich zu Beginn lernen wir Toni kennen, erleben wie sie aus dem Gefängnis entlassen wird und erahnen, was der Grund für ihren Aufenthalt gewesen sein muss.
Die Autorin Chevy Stevens berichtet aus der Sichtweise von Toni, die in Rückblenden und in der Gegenwart Einblicke in ihre Geschichte gibt. So ist es auch für uns Leser und Zuhörer gewiss, dass die junge Frau den Mord an ihrer Schwester Nicole nicht begangen hat.
Und doch erfahren wir, was in den Monaten vor der Tat und nach dem Mord mit Toni passiert ist.

Ich selber würde das Buch nicht unbedingt als Thriller betiteln. Es hatte für mich eindeutig etwas von einem Drama, dessen Lauf ich so gerne aufgehalten hätte. Es geht um Missgunst, Justizirrtum und den Super-Gau, wenn Personen deinen Kopf hinter Gitter sehen möchten.

Dabei ist es Chevy Stevens, die ihre Geschichte packend und atmosphärisch erzählt, aber gerade hier beim Hörbuch von „That Night – Schuldig für immer“ war es die Sprecherin Christiane Marx, die alles in den Händen hält.
Sie ist es, die Toni eine Stimme gibt und Christiane Marx ist es auch, die dem Schicksal sehr einfühlsam, aber auch bestimmend und atmosphärisch zu einem spannenden Verlauf verhilft.

Für mich war die Geschichte eine Überraschung, was weniger mit dem Ausgang zu tun hat, als viel mehr mit dem großen Ganzen. Es war für mich so mitreißend, dass ich mitfühlen konnte und ab und an ein paar Tränchen vergießen musste.

Großartig und sehr zu empfehlen.

Mein Fazit:
Es war eine andere Geschichte, als ich sie zu Beginn noch vermutet hätte, aber auch eine die mich überzeugen konnte und mich nicht mehr losgelassen hat. Dies liegt nicht nur an der Story selber, sondern ganz sicher auch an der tollen Sprecherin.

18.08.2015 20:40:02
dani.p

Hach - endlich mal wieder ein super spannendes, fesselndes und gut geschriebenes Buch, dass man schwer aus den Händen legen kann. Ich habe mitgelitten, geweint und war wütend - es ist einfach so toll geschrieben, dass man mit Toni und Ryan mitleidet und mitempfindet. Eine absolute Empfehlung! von mir auch 100 %

19.07.2015 02:36:30
Jazzylin

Chevy Stevens: That Night.

Eine Geschichte, die mich von der ersten Seite an in ihren Bann gezogen hat. Die Spannung war beinahe unerträglich, und zwar durchgehend bis zum Schluss. Ich musste das Buch zwischendurch ein paar mal für einige Minuten weglegen, um 'Luft zu holen'.
Toni, Ryan und die anderen Charaktere wirken dermaßen real und authentisch, dass man meinen könnte, sie aus einer Doku 'Wahre Kriminalfälle' zu kennen.

100%