Eisige Schatten

  • Droemer
  • Erschienen: Januar 2022
  • Oslo: Gyldendal, 2013, Titel: 'Hulemannen', Originalsprache
  • Oslo : Gyldendal Norsk Forlag 2013

  • München : Droemer Verlag 2015. Übersetzung: Andreas Brunstermann. 432 Seiten.

  • München : Droemer Knaur Verlag Januar 2022. Übersetzung: Andreas Brunstermann. Cover: ZERO Werbeagentur, München. 432 Seiten.

  • München : Droemer Knaur Verlag Januar 2022 [eBook]. Übersetzung: Andreas Brunstermann.

Eisige Schatten
Eisige Schatten
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Michael Drewniok
85°

Krimi-Couch Rezension vonMär 2015

Zurück zu den (serienmörderischen) Wurzeln

In Stavern, einem norwegischen Hafenstädtchen, scheint sich eine heutzutage nicht ungewöhnliche Tragödie ereignet zu haben: In seinem Haus wurde Viggo Hansen gefunden. Schon vor Monaten muss er dort gestorben sein. Niemand hat es bemerkt; der ältere Mann galt als verschrobener Einzelgänger, der jeden Kontakt mit Nachbarn und Mitmenschen gemieden hat.

Kommissar William Wisting interessiert sich beiläufig für diesen Fall, weil Hansen quasi sein Nachbar war und nur drei Häuser ‚entfernt‘ wohnte. Ansonsten wird diese Sache ad acta gelegt; Hansen starb offenbar einsam eines natürlichen Todes. Dagegen wurde der Mann, dessen Leiche man gerade in einer Christbaumschonung entdeckte, definitiv ermordet.

Das traurige Ende des auch ihr bekannten Nachbarn lässt Wistings Tochter Line nicht los. Sie arbeitet als Journalistin und möchte Hansens einsames Leben und Sterben zum Thema eines Artikels machen. Ihre Recherchen sind mühsam; viele Spuren hat Hansen nicht hinterlassen. Line bleibt hartnäckig - und steht vor einem Problem: Die Indizien wollen sich nicht zu den von ihr festgestellten Tatsachen fügen. Ist Hansen womöglich einem Verbrechen zum Opfer gefallen?

Den Vater will Line vorsichtshalber nicht informieren. Sie wittert eine Story, aus der sie sich nicht von der Polizei beiseite drängen lassen will. Zu ihrem Glück ist Wisting abgelenkt: Die Leiche im Wald könnte zu Lebzeiten ein Serienkiller gewesen sein, der vor Jahren sein Unwesen in den USA getrieben hat. Robert Godwin konnte rechtzeitig untertauchen - offenbar in Norwegen, dem Land seiner Vorfahren. Das FBI schickt ein Team nach Stavern, denn wie sich bald herausstellt, ist Godwin auch in Norwegen nicht untätig geblieben …

Die doppelte Spur zum unsichtbaren Täter

Im hohen Norden wird normalerweise melodramatisch gemordet und über den Verfall der modernen Gesellschaft räsoniert. Als Leser wird man zudem mit psychologischen Verstrickungen bombardiert, denn die Ermittler sind keine ‚Helden‘, sondern ebensolche Trauerklöße wie die Täter. In der Regel werden alte, sorgsam gehütete bzw. vertuschte Geheimnisse aufgedeckt. Der Versuch, die Büchse der Pandora zu schließen, führt verhängnisvoll zu weiteren Übeltaten. Darüber hinaus regnet oder schneit es unaufhörlich, was die allgemeine Schwermut unterstreichen soll.

Zumindest das Wetter entspricht in „Eisige Schatten“ dem Klischee: Vom Klimawandel kann keine Rede sein, Norwegen wird im Winter von Schneefällen und Frost heimgesucht. Die Witterung ist ein wichtiges Element des Geschehens, denn die Kälte wird mehrfach zum Hindernis einer Ermittlung, die ohnehin auf zunächst eiskalter Spur starten muss: Serienkiller Robert Godwin ist schon vor langer Zeit nach Norwegen verschwunden. Der ohnehin intelligente Mann hatte Zeit genug, sich eine neue Identität zuzulegen und sich durch seine jahrelange Anwesenheit unverdächtig zu machen.

Autor Horst vermeidet das oben skizzierte Nordkrimi-Einerlei. „Eisige Schatten“ ist nicht nur, aber auch bzw. vor allem ein „police procedural“: Die Fahndung nach dem Killer prägt die Handlung. Wisting und sein Team müssen ihre Erfahrungen nutzen und einen Mörder jagen, der mehr als einen Vorsprung hat. Die üblichen Probleme, die eine solche Ermittlung mit sich bringt, werden durch die Zusammenarbeit mit den US-amerikanischen ‚Kollegen‘ erschwert, die sehr von sich überzeugt sind und mit wichtigen Informationen geizen.

Der Zufall als bedingt hilfreiche Hand

Parallel zum Vater recherchiert Journalisten-Tochter Line im Fall eines modernen „Hullemannen“; so lautet der (bessere und wesentlich plotnähere) Originaltitel: Viggo Hansen lebte und starb wie ein Eremit, der einsam in seiner Felsklause hockt. Die sozial engagierte Line hat den Spürsinn, aber auch den Jagdtrieb des Vaters geerbt. Dies garantiert hier nicht nur Erfolg, sondern sorgt genregerecht für Lebensgefahr: Wie der ‚Zufall‘ (= Autor Horst) es will, steckt hinter den vom Senior untersuchten Serienmorden und dem Tod des Nachbarn derselbe Täter.

Diese schon früh herausgestellte Konstellation sorgt leserseitig zunächst für Fruststöhnen, denn theoretisch wächst die Gefahr, mit einem in den Dienst der Handlung gezwungenen Zufall konfrontiert zu werden. Horst hält die Dualität von Ermittlung und Recherche erstaunlich lang durch. Als Profi gelingt es ihm, die Unwahrscheinlichkeit der ‚Funkstille‘ zwischen Vater und Tochter elegant zu begründen. Dem Klischee unterwirft sich Horst erst im dramatischen Finale.

Robert Godwin bleibt bis auf diese letzten Romanseiten ein Phantom. Herkunft, Lebensgeschichte, Tatverläufe, Flucht und neues Leben in Norwegen lernen wir Leser parallel zur ermittelnden Polizei und nur indirekt über Fahndungsdateien, Obduktionsberichte, Zeitungsartikel und Befragungsprotokolle kennen. Godwin ist kein überlebensgroß überspitztes Genie des Verbrechens, sondern ein intelligenter Soziopath, der sich in seine Gegenüber ‚hineindenken‘ und wenn nötig in deren Leben schlüpfen kann - eine vollendete Mimikry, die ihn erst recht erschreckend wirken lässt. Gleichzeitig vermag Horst die Mechanismen eines mörderischen Wahns zu vermitteln, der Godwin dazu zwingt, zeit seines Lebens einen Mord zu wiederholen, der ihm nie ‚perfekt‘ gelingen will - und kann.

Ermittlung = harte Arbeit + Erfahrung

Der Verzicht auf skandinavische Tristesse muss abermals hervorgehoben werden, wenn man Horst als Autor beurteilt. Während er Indizien, Vermutungen, Irrtümer und Geistesblitze zu einer geschlossenen Ereigniskette schmiedet, bleibt die Handlung stets in Bewegung. Es gibt keine ‚Zwischenstopps‘, um - womöglich in Gestalt endloser Rückblenden - Vergangenes aufleben zu lassen, das diesen Aufwand nicht wert ist.

Ebenfalls unnötig sind trotz des erstaunlichen Bodycounts jene schrillen Metzel-Szenen, mit denen weniger fähige Autoren ihre Thriller ‚aufwerten‘. Horst präsentiert Fakten, bleibt im Hier und Jetzt und führt uns mit leichter, aber fester Schreibhand durch die Geschichte.

Die ausgezeichnete Übersetzung erhält einen soliden Erzählton, der auf jegliche ‚literarische‘ Aufwertung verzichtet. Wie dankbar man als erfahrener (und geplagter) „Nordkrimi“-Leser ist, merkt man erst, wenn man Seite um Seite dieses modernen, niemals prätentiösen Kriminalromans verschlingt und erst einhält, wenn das Ende erreicht ist!

Fazit

Band 9 der Serie um Kommissar William Wisting erzählt von der Suche nach einem Serienkiller, wobei sowohl die üblichen Klischees dieses Subgenres als auch jegliche „Morden-im-Norden“-Munkel-Melancholie ausgespart bleibt. Der eigentlich unwahrscheinliche ‚Doppel-Plot‘ fügt sich spannend zu einer fabelhaft getakteten, leerlauffreien Krimi-Handlung: eine Neuauflage mit Sinn!

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