Der Psychiater

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Argon, 2015, Übersetzt: Uve Teschner

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Andreas Kurth
Die Junkies und der Killer

Buch-Rezension von Andreas Kurth Mär 2015

Der 24-jährige Geschichtsstudent Timothy Warner ist Alkoholiker, und auch nach einer Entziehungskur fällt es ihm unendlich schwer, trocken zu bleiben. Halt und Hilfe bieten ihm die Selbsthilfegruppe in einer Kirche, und sein Onkel Ed – Psychiater und selbst Alkohol-abhängig. Ed ist aktuell die zentrale Person im Leben von Moth – so nennen ihn seinen Freunde – und hilft ihm über viele Untiefen hinweg. Deshalb bricht die Welt des jungen Mannes förmlich in sich zusammen, als er seinen Onkel erschossen in dessen Praxis findet. Auf einem Zettel auf dem Schreibtisch stehen nur zwei Worte: "Meine Schuld". Die Waffe liegt noch neben Ed, deshalb ist für die Polizei schnell klar, dass es sich um einen Suizid handelt. Aber Moth kann und will das nicht glauben, und beginnt eine verzweifelte Suche nach dem vermeintlichen Mörder seines Onkels. Als Helferin holt er sich Andrea – Andy Candy – an Bord, seine große Jugendliebe. Die beiden wissen zunächst nicht, wie sie ihre Recherchen systematisch vorantreiben können, aber schon bald stellen sie entscheidende Zusammenhänge her. Dadurch geraten sie selbst in das Visier des Killers, und es geht für die beiden jungen Leute plötzlich auch um das eigene Überleben.

Mischung aus Krimi und Psychothriller

Der neue Roman von John Katzenbach ist spannend und unterhaltsam, reicht aber nach meiner Auffassung nicht ganz an seine Bücher aus den letzten Jahren heran. Der Verlag deklariert Katzenbachs Werke stets als Psychothriller, das mag bei diesem Roman manche Leser verwirren. Zwar hat der Plot etliche Elemente eines Psychothrillers, aber es geht auch um die akribische und verzweifelte Recherche zweier Amateure, also um fast klassische Polizeiarbeit. Daraus ist eine gute Mischung geworden, aber ein Psychothriller – wie es etwa Der Professor war – ist dieses Buch in meinen Augen eher nicht. Das schmälert den Lesegenuss nicht wirklich, nur sollte man angesichts der Etikettierung auf dem Buch-Cover nicht enttäuscht sein.

Informationsvorsprung gegenüber den Protagonisten

Wie man es von John Katzenbach gewohnt ist, lässt sich das Buch flüssig lesen. Die Dialoge hat er recht dramatisch gestaltet, das wirkt zuweilen nicht so authentisch, wie man es aus seinen anderen Romanen kennt. Der ständige Perspektivwechsel macht die Lektüre dagegen reizvoller, der Leser begleitet auch den Mörder bei dessen unheilvollen Aktivitäten. Motiv und Zielsetzung des Killers sind daher schnell zu verstehen, und man hat gegenüber den Protagonisten einen großen Informationsvorsprung. Stark sind auf jeden Fall die wichtigen Charaktere des Romans. Timothy hat ein wirklich tiefgreifendes Alkohol-Problem. Der gewaltsame Tod seines Onkels, der seine wichtigste Bezugsperson und Stütze im Kampf gegen die Sucht war, lässt Moth in ein dermaßen tiefes Loch fallen, dass man sich kaum vorstellen kann, wie er da wieder heraus kommt. Der junge Mann ist eigensinnig, intelligent – und versteht es, sich die richtigen Verbündeten zu suchen. Eine zentrale Aktion für den weiteren Verlauf ist seine Kontaktaufnahme mit seiner Ex-Freundin.

Selbsthilfegruppe ist unverzichtbar

Andrea – woher der Spitzname "Andy Candy" kommt, wird nicht erläutert – zweifelt anfangs an Moth und seinen Absichten, aber die beiden raufen sich zu einem starken Team zusammen, und ergänzen sich bei der Suche nach dem Mörder in hervorragender Weise. Andrea bestärkt Timothy schließlich in seinen Absichten, und unterstützt ihn nicht nur moralisch. Neben seiner (Ex-)Freundin ist vor allem die Selbsthilfegruppe in der Kirche von zentraler Bedeutung für Moth, die ich hier mal als weiteren Protagonisten bezeichnen möchte. Katzenbach schildert mehr als eindrücklich, wie sich die Gespräche in einer solchen Gruppe auf Handeln und Nichthandeln eines Abhängigen auswirken können. Neben dieser direkten Auswirkung ist die Gruppe in einer weiteren Hinsicht unverzichtbar, denn dort hat Moth die junge Staatsanwältin Susan Terry kennengelernt. Sie ist drogenabhängig – und wird für Moth und Andrea nach vielen Zweifeln und langem Zögern zur wichtigen Helferin bei der Suche nach dem Killer.

Guter Plot und interessante Protagonisten

Der Psychiater fällt gegenüber den bisherigen Romanen von John Katzenbach etwas ab, weil er stellenweise ungewohnt langatmig ist. Der Autor hat schon immer Romane in dieser Länge geschrieben, aber sie waren in der Regel kurzweiliger als das neue Buch. Hier wären 100 Seiten weniger angebracht gewesen – der Spannung hätte das keinen Abbruch getan. Die eine oder andere Wiederholung der Gefühlslage könnte gestrichen werden, und manches müsste nicht so umständlich ausgewalzt werden. Der gute Plot und die interessanten Protagonisten machen dieses Manko zwar weitgehend wett, aber aus einem guten hätte ein sehr guter Roman werden können. Insgesamt ist es dennoch ein spannendes und unterhaltsames Buch – gemessen an den Vorgängern jedoch nur "zweite Reihe".

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