Brothers and Bones - Blutige Lügen

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • USA: e-book only, 2012, Titel: 'Brothers and Bones', Originalsprache
  • München: Piper, 2015, Seiten: 512, Übersetzt: Alice Jakubeit

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Andreas Kurth
Schimären jagen kann tödlich sein

Buch-Rezension von Andreas Kurth Mär 2015

Der junge Staatsanwalt Charlie Beckham leidet seit Jahren darunter, dass sein großer Bruder Jake unter ungeklärten Umständen verschwunden ist und mittlerweile auch offiziell für tot erklärt wurde. Zeitweise hat er sogar Privatdetektive für die Suche nach Jake eingesetzt. Der war als Journalist an einer offenbar gefährlichen Geschichte dran, als er spurlos verschwand. Auf dem Weg zu einem wichtigen Prozess spricht ihn ein Obdachloser mit einem Spitznamen an, den nur sein Bruder kannte.

Charlie ist daraufhin komplett von der Rolle, verpatzt seinen Auftritt beim Prozess, und ist völlig von der Idee paralysiert, dass Jake offenbar wirklich noch am Leben ist. Er beginnt mit der Suche nach dem Obdachlosen - und landet in einer einer gefährlichen Odyssee. Die Nachforschungen nach dem Verbleib seines Bruders sind eine gefährliche Obsession für Charlie. Er greift verzweifelt nach dem scheinbar letzten Strohhalm, wodurch nicht nur sein bisheriges Leben völlig umgekrempelt wird, sondern er auch selbst in Lebensgefahr gerät. Bis zur Lösung des Rätsels geht Charlie durch Höhen und Tiefen, die ihn für immer verändern werden.

Verschiedene Rätsel fesseln den Leser

James Hankins ist Drehbuchautor und Jurist. Da liegt es auf der Hand, einen Thriller mit einem Staatsanwalt als Hauptperson zu schreiben. Das ist ihm recht ordentlich gelungen, wie die Bewertung von 65 Grad zeigt. Das Rätsel um den verschwundenen Bruder und die merkwürdige Rolle des Obdachlosen in der U-Bahn vermögen den Leser schnell zu fesseln. Charlie steckt ziemlich schnell in der Klemme, vor allem im Hinblick auf seinen Beruf und sein Privatleben. Das ist James Hankins alles recht gelungen, man merkt schon - und das ist keinesfalls negativ gemeint - das hier ein versierter Drehbuchautor am Werk ist.

Schnelle Umschnitte und viele Verwicklungen deuten darauf hin, dass Hankins sein Handwerk versteht. Aber leider verliert er sich in Nebenaspekten seiner Geschichte. Und die Beschreibung des Gefühlslebens seines Protagonisten wird unendlich ausgewalzt, ohne dabei die psychologische Seite der ganzen Geschehnisse wirklich angemessen zu beleuchten. Dem rund 500 Seiten starken Werk hätten 100 Seiten weniger gut getan, dann wäre aus dem recht ordentlichen ein sehr guter Thriller geworden.

Dynamik der Handlung leidet unter den Abschweifungen

Dabei ist Charlie eine durchaus faszinierende Figur. Er ist ein aufsteigender Stern am Himmel der Staatsanwaltschaft, überaus geschätzt von seinem Vorgesetzten, mit dessen Tochter er auch noch liiert ist. Wie schon beschrieben ist der Einstieg in den Roman mit der Begegnung mit dem Unbekannten auf dem Weg ins Gericht richtig gut gelungen. Charlie wird davon komplett aus der Bahn geworfen. Der Leser erfährt dann schrittweise, warum das so ist, und dass der junge Jurist seit Jahren einige Probleme mit sich herumschleppt. Und unter der ausufernden Beschreibung der Vorgeschichte leidet dann allerdings die zuvor angedeutete Dynamik der Handlung.

Die Gemeingelage aus kriminellen Machenschaften, Machtkämpfen und Intrigen, in die der junge Staatsanwalt hinein gerät, wird realistisch und mit authentischen Dialogen geschildert. Es überrascht den Leser kaum, dass sich Jake bei seiner journalistischen Arbeit offenbar in tödliche Gefahr begeben hat. Der Obdachlose Bones - neben dem Brüderpaar die Titel-gebende Figur des Buches - wird so zum einzigen Verbündeten, den Charlie wirklich hat.

Im Finale läuft der Autor nochmals zu großer Form auf

Die Leidensgeschichte des jungen Mannes ist insgesamt beeindruckend, ein guter Plot, der leider durch die Längen und Abschweifungen verwässert wird. James Hankins kultiviert dabei durchaus einen flüssigen Schreibstil. Wenn er es künftig vermeidet, sich - von seiner eigenen Erzählung berauscht - zu allzu langen überflüssigen Passagen verleiten zu lassen, hat dieser Autor noch viel Luft nach oben. Vieles hätte er auslassen können, das hätte die Seitenzahl wohltuend verkürzt. Im Finale läuft der Autor dann - wie im ersten Viertel des Buches - nochmals zu großer Form auf. Insgesamt also ein durchaus lesenswertes Buch, allerdings mit den beschriebenen Schwächen. Wenn Hankins daran arbeitet, wird er sich in der Liga der Thriller-Autoren noch deutlich nach oben bewegen können.

Brothers and Bones - Blutige Lügen

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Letzte Kommentare:
09.08.2015 15:52:57
dani.p

Anfangs habe ich mich richtig gefreut, endlich mal wieder ein Buch, dass man nicht aus den Händen legen kann. Aber mich nervte es, dass ein erfolgreicher Staatsanwalt doch stellenweise so richtig dumm /naiv sein kann. Zwei gegen alle und jedem. Keinem kann man vertrauen.. nunja ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Der Schluss sehr sehr unglaubwürdig. Ich kann das Buch leider nicht empfehlen, da guck ich im Urlaub lieber aufs Meer und beobachte die Wellen oder am Himmel den Wolken beim Vorbeiziehen zu. Schade!

04.06.2015 21:32:03
Torsten

Locker leichte Urlaubslektüre mit einem hohen Action- und niedrigem Glaubwürdigkeitsniveau - mehr leider nicht.
Die wirklich nicht sehr tief und ausführlich gezeichneten Protagonisten agieren teils schon extrem überzeichnet und wenig logisch - so ist die Naivität von Charlie ebenso gross wie die Kampfstärke von Bonz - völlig ungeachtet seiner Lebens- und Leidensgeschichte.
Mich hat z.B. eine Kleinigkeit am meisten genervt: Mindestens ein Dutzend Mal wurde der schwache Akku eines Handys erwähnt (als ob da Spannung aufkommt - schafft der Akku es durchzuhalten bis das lebenswichtige Gespräch zuende ist?) - aber nicht ein einziges Mal wurde darüber nachgedacht mal kurz aufzuladen, trotz unzähliger Gelegenheiten.
Wenn man nicht zu sehr über das doch sehr an den Haaren herbeigezogene Grundmotiv und die Auflösung dieses Rätsels verschwendet, ist das durchschnittliche, kurzweilige Strandlektüre.

27.05.2015 10:12:26
Amica65

Als der junge aufstrebende Staatsanwalt Charlie Beckham auf dem Weg zu seinem wichtigsten Prozess in seiner bisherigen Karriere von einem Obdachlosen mit 'Wiley' angesprochen wird, bricht für ihn eine Welt zusammen. Verständlich, wurde dieser Spitzname doch nur von seinem seit 13 Jahren verschwundenen Bruder Jake benutzt. Dieser war ein investigativer Journalist und nach dem frühen Tod der Eltern hatte er sich fürsorglich um den jüngeren Bruder gekümmert. Nachdem Charlie jahrelang verzweifelt nach Jake gesucht hat, lässt er jetzt seinen wichtigen Termin platzen und macht sich auf die Suche nach dem Obdachlosen Bonz. Mit dessen Hilfe geht er der neuen Spur nach und bald finden sich beide in einem Strudel von Gewalt und Kriminalität wieder.

Zwei total unterschiedliche Protagonisten, die auf den Straßen Bostons gegen finstere Gestalten der Unterwelt und Mafia um ihr Leben kämpfen. Die Grundidee des amerikanischen Autors James Hankins hört sich vielversprechend an.

Leider konnte der Autor in seinem Debüt meine Erwartungen nicht erfüllen. Obwohl der Plot tatsächlich über einige überraschende Wendungen verfügt, und ich bei einigen Dialogen schmunzeln musste, erschienen mir die Handlungen nicht immer logisch oder glaubwürdig. Ich fand es zum Beispiel total unrealistisch, dass fast alle Menschen aus Charlies Umfeld im Endeffekt für die Mafia arbeiteten, ob freiwillig oder aufgrund von Bedrohung. Das war einfallslos und damit hat es sich der Autor etwas zu einfach gemacht. Es ist auch nicht glaubhaft, dass eiskalte Mafiabosse sich auf stundenlange Gespräche einlassen. Ein Handy, dass trotz eingehender Durchsuchung im Auto übersehen wurde etc. etc.

Zum anderen nahmen mir ständige Wiederholungen, Zusammenfassungen und Erklärungen den Spaß, machten es zäh und langatmig. Zum Beispiel wurde gefühlte 1000 mal erwähnt, dass Charlie ein 'eidetisches' Gedächtnis besitzt und die Erklärung, dass es sich hierbei um ein fotografisches handelt, gleich mitgeliefert, aber für die eigentliche Geschichte war das völlig unerheblich.

Die Charakterzeichnungen blieben recht oberflächlich. Der Hauptprota Charlie agiert teilweise sehr naiv, für einen studierten, erfolgreichen Staatsanwalt, der in Boston gegen die organisierte Kriminalität kämpft, sehr unglaubwürdig. Die verschiedenen Straftaten, an denen er im Verlauf der Geschichte mitwirkt, tut er allerdings mit einem Achselzucken ab. Dann Bonz, durch Folterungen schwer traumatisiert, lebte er im verwirrten Zustand 13 Jahre auf der Straße, aber dann hat er so scharfsinnige Ideen und ist körperlich so fit wie eine Kampfmaschine?

Mein Hauptkritikpunkt sind aber die vielen Klischees, an denen sich der Autor bedient. Auf Seite 68 kommt es beispielsweise zu folgenden Beschreibungen:

"Ich war von narbigen, gepiercten, tätowierten Schlägertypen umzingelt, von denen einer einen Baseballschläger schwang und die übrigen gestählten Muskeln und fiese Grimassen spielen ließen..."

Oder ein paar Seiten weiter heißt es über die Mafiosi, die in einem Hinterzimmer (wo sonst :-) ) sitzen: "... deren Visagen eine niederträchtiger und brutaler war als die anderen. " Seite 334.

Beim Finale, wenn alle Bösewichter hinter Gitter verfrachtet wurden, hatte ich das Gefühl, dass Hankins die Story nicht richtig durchdacht hatte und sich dann das abrupte Ende am Reißbrett zusammengestückelt hat. Dieses war für mich teilweise schon starker Tobak.

Schade, eine Geschichte, die vielversprechend und spannend begann, aber leider hat der Autor viel Potential verschenkt.

25.04.2015 17:49:18
M.Reinsch

Der junge Staatsanwalt Charlie Beckham steht vor seine größten Anklage, als sich ein Obdachloser auf der Straße mit „Danke, Wiley!“ bei Ihm bedankt. Plötzlich gerät sein so gepflegtes Leben völlig aus den Fugen, den diesen Spitznamen kannte nur sein, seit 143 Jahren vermisster Bruder! Charlie versucht Alles um den Obdachlosen wieder zu finden, vergisst seinen Fall, seine Freundin, sein Leben und schliddert in eine Situation, die Ihn nicht nur seine Karriere kosten wird, sondern vielleicht auch seinen verschollenen Bruder zurück bringt…
James Hankins ist Drehbuchautor, das merkt man schon auf den ersten Seiten. Schnelle Handlungen, die mit kurzen Sätzen beschrieben werden. Eine lockere, recht angenehm zu lesender Schreibstil und das Alles in erster Person. Auch seine eigene Tätigkeit als Jurist kann er nicht verbergen, denn in Gerichtlichen Dingen schreibt er sehr detailliert. Die Basis der Geschichte ist klasse, die Ausführung hätte etwas mehr Tiefe verlangt. Seine Hauptfiguren sind in manchen Dingen sehr überzeichnet (hier vor Allem Onkel Carmen und Grossi). Auch der Sidekick des Helden (Bonz/Bones) ist überzeichnet (gerade in seinen Fähigkeiten) – wie geschrieben man merkt den Actionkino-Drehbuchautor. Trotz Allem ist die Geschichte spannend und wartet mit einigen unerwarteten Wendungen auf, die den Leser bei der „Stange“ halten. Auch in den Actionszenen hat sich Hankins ausleben dürfen und so bekommt man Insgesamt einen Roman, den man wunderbar als Urlaubslektüre nutzen kann!
Fazit: Schnell, Unterhaltsam, leider mit zu wenig Tiefe, aber als „Gute Urlaubslektüre“ allemal zu empfehlen