Sayonara, Bulle

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Reinbek bei Hamburg: rororo, 2015, Seiten: 336, Originalsprache

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Jörg Kijanski
Packender Plot, nicht nur für Japanfans ein Muss

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Mär 2015

Bernie Ahlweg hat zurzeit einfach keinen Lauf. Anfang 50, allein lebend und zudem verstärkt Probleme mit seinem Chef Bender. Dieser fordert Teamarbeit und den Einsatz modernster Technik zur Lösung akuter Kriminalfälle, doch Ahlweg verlässt sich als Einzelkämpfer lieber auf Intuition und Menschenkenntnis. Höhepunkte in Bernies Leben sind daher die Skatabende in seiner Stammkneipe im niedersächsischen Peine als Bender ihm eine Fortbildung aufdrängt. Ein Jahr soll er in Tokyo arbeiten, für Bernie droht seine beschauliche Welt zusammenzubrechen. Sein bester Freund sowie seine Stammwirtin ermuntern ihn jedoch die Aufgabe anzunehmen und allein die Aussicht, seinem Chef für längere Zeit nicht mehr täglich zu begegnen, lässt ihn schließlich umstimmen.

Bernie bereitet sich auf seine Reise vor, lernt ein paar Brocken Japanisch, um gleich bei seiner Ankunft in die ersten Fettnäpfchen zu treten. Seine ihm zugeteilte Partnerin Yoko Fukuda verliert recht schnell die Geduld mit ihm, denn Teamarbeit ist Bernies Stärke nie gewesen und sein neuer Chef Sato macht ihm klar, dass er unerwünscht sei.

 

"Yoko ist über dreißig, immer noch nicht verheiratet und hat nur ein großes Ziel. Sie will schnell Keibuho, Inspektor, werden."
"Na, dann müsste sie sich doch freuen, mich in Zukunft an ihrer Seite zu haben. Bei unseren Fällen wird Yoko automatisch die Hauptrolle spielen."
"Du glaubst doch nicht im Ernst, dass Sato dir hier auch nur einen Fall geben wird?"

 

Dann werden Bernie und Yoko jedoch zu einem Todesfall gerufen. Eine 92-jährige wird in ihrer Wohnung tot aufgefunden, die Ermittlungen aber schnell als natürlicher Todesfall eingestellt.

 

"Das ist eine Beschäftigungstherapie."
"Sollen Sie mir die Akten ungelöster Fälle vorlesen?"
"Schlimmer. Wir haben eine richtige Leiche. Eine Frau, 92, wahrscheinlich Herzversagen."
"So etwas machen bei uns die Mediziner."
"Bei uns normalerweise auch. Aber jetzt haben wir hier ja einen deutschen Spezialisten."

 

Bernie entdeckt in der Wohnung der armen Greisin eine Flasche sehr teuren Whiskys und vermutet, dass es sich womöglich um einen Mord handeln könnte, in dem man der Frau zu viel Alkohol eingeflößt hat. Schnell sind die vermeintlichen Täter gefasst, doch Bernie hat Blut geleckt, zumal er auf einen Zeitungsartikel stößt, der in die 1940er Jahre führt. Offenbar wurde die betagte Dame gegen Kriegsende aus Korea verschleppt und musste in einem Frontbordell arbeiten. Verantwortlich war der Großvater von Tomonaga Goto, dem Anführer eines mächtigen Yakuza-Clans. Schon bald zieht der Fall weite Kreise und Bernie bringt mit seinem verbissenen Ehrgeiz und dem Ignorieren aller gesellschaftlichen Tabus mächtig Unruhe in die Stadt...

 

"Alkohol baut sich nach dem Tod im Körper nicht mehr ab. Wir müssen die Frau obduzieren lassen."
"Leichenschnippelei scheint der deutschen Polizei Spaß zu machen. Wir sind da nicht ganz so schnell bei der Sache."
"Vielleicht ist das Grund dafür, dass es in Japan statistisch nur so wenige Morde gibt."

 

Spannung, Verschwörung, Lokalkolorit, Kultur und Humor – Was will man mehr?

Carsten Germis war über fünf Jahre Ostasienkorrespondent der FAZ und legt mit Sayonara, Bulle einen durchweg gelungenen Polizei- und Mafiathriller vor. Mit viel Hintergrundwissen vermittelt der Autor ein lebendiges und vielschichtiges Bild der japanischen Hauptstadt und führt seinen ebenso sympathischen wie eigenbrötlerischen Protagonisten nicht nur in die Rotlichtviertel der Stadt, sondern auch in die Machtgefüge des organisierten Verbrechens. Dass Bernie Ahlweg allerdings nach nur wenigen Tagen schon persönlichen Kontakt mit einem Boss eines führenden Yakuza-Clans erhält, sorgt für leichte Abstriche, da dies in der Realität wohl höchst unwahrscheinlich sein dürfte. Sei es drum.

 

"Du hast mich nicht bestellt, um Sex zu machen, nehme ich an. Vielleicht überlegst du es die noch mal?"
"Nein, ich will mit dir reden."
"Reden? Bist du einer von diesen Perversen?"
"Nein. Wie du weißt, bin ich ein Bulle."
"Also doch ein bisschen pervers. Wer wird sonst schon Bulle? Ein Bulle aus Deutschland beim Keishichou. Verrückt."

 

Sieht man von diesem Punkt und dem Umstand ab, dass sich der Provinzpolizist zudem auffällig schnell alleine in der Mega-City orientieren kann, gibt es nichts zu meckern. Bald drängen sich Fragen auf: Wird Bernie absichtlich auf eine falsche Spur gelenkt und welcher Polizist steht womöglich auf der Gehaltsliste der Yakuza? Wem kann er trauen und findet er am Ende einen Weg aus dem wirren Gestrüpp von Intrigen, Korruption und Macht; kann er die mitunter traditionelle Vernetzung von Mafia, Polizei und Politik entzerren?

Neben dem packenden Plot lernt man viel über Japan, die Lebens-, Arbeits- und vor allem Denkweise der Menschen und so ist der vorliegende Roman eine rundum lesenswerte Lektüre, der man unbedingt eine Fortsetzung wünscht.

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