Die Farm

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Diaphanes, 2014, Seiten: 192, Originalsprache

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Jürgen Priester
Ein einziger Showdown

Buch-Rezension von Jürgen Priester Feb 2015

Alljährlich seit 1985 werden im Januar die Gewinner des Deutschen Krimi-Preises bekanntgegeben. Schaut man sich die von einer Fachjury auserwählten Titel im Überblick an, kann man vermuten, dass die meisten von ihnen nicht unbedingt auf der Einkaufsliste des Otto-Normal-Krimilesers gestanden haben. Auch in diesem Jahr befinden sich unter den Erstplatzierten (national) mit Franz Dobler und Max Annas zwei bis dato eher unbekannte Autoren. Letzterer erweckte schon Ende vergangenen Jahres das Interesse des Rezensenten, weil sein Debütroman Die Farm in der noch relativ jungen Penser-Pulp-Reihe des schweizerischen diaphanes-Verlags erschienen ist. Diese Reihe wird verantwortlich betreut vom bekannten Krimi-Experten Thomas Wörtche, der einfach ein Näschen für außergewöhnliche Kriminalgeschichten hat.
Max Annas war früher Journalist und arbeitet jetzt an einem Forschungsprojekt an der University of Fort Hare in East London, Südafrika. Dort an der Ostküste des Landes spielt auch sein erster Roman – ein Thriller, der von der ersten bis zur letzten Zeile ein furioser Showdown in weniger als acht Stunden ist.

Im weiten Grasland des Ostkaps besitzt die Familie Muller eine Farm. Kein pompöses, sondern eher ein rustikales Anwesen, wie auch die Mullers einen sehr bodenständigen Eindruck machen. Doch irgendetwas scheinen sie zu besitzen, zu verbergen oder getan zu haben. Vielleicht ist es aber ihre bloße Existenz. Denn eines Abends werden sie brutal überfallen. In einem Augenblick herrscht noch friedliche Feierabendstimmung, die Mullers, ihre Landarbeiter, Hausangestellte und einige Besucher beenden den Arbeitstag mit einem Plausch auf dem Hofplatz. Wie aus dem Nichts und scheinbar aus allen Richtungen werden Gewehrschüsse auf die Gruppe abgegeben. Es gibt Tote und Verletzte. Die Überlebenden flüchten ins Haus und verbarrikadieren sich. Die kommenden Stunden werden für alle zum Albtraum. Und es sind nicht die Angreifer und Verteidiger, sondern von Außen kommen noch Gruppen hinzu, die das Chaos befeuern. Der Boss der Auftragskiller telefoniert verzweifelt nach Verstärkung, da er die Gegenwehr der Farmbewohner unterschätzt hat. Aus der Nachbarschaft machen sich die Frauen der Landarbeiter auf den Weg, weil sie sich um ihre Männer Sorgen machen. Auch die Polizei nähert sich dem Ort des Geschehens.

Überfälle auf Farmen sind nichts Seltenes in Südafrika, nur hören oder lesen wir nichts davon im fernen Europa. Wie auch das alltägliche Morden in den dortigen Metropolen nur sporadisch in unseren Schlagzeilen auftaucht. Südafrika ist ein gewalttätiges Land. Daran hat auch das Ende der Apartheid nichts geändert. Die damalige Grenze zwischen Schwarz und Weiß ist eigentlich eine Grenze zwischen Arm und Reich gewesen. Und das ist heute immer noch so, nur dass die Diffusion von Oben nach Unten (und umgekehrt) nun alle Rassen betrifft. Armut begünstigt nun mal Gewalt und die kann sich wie im vorliegenden Roman auch irrational äußern. Auch wenn keiner der Beteiligten so recht weiß, warum das hier und jetzt geschieht, offenbaren sich unter dem Druck der akuten Todesangst patriarchalische und kolonialistische Strukturen. Manch eine Fassade zerbröckelt, während andere Personen über sich hinauswachsen. Der Mikrokosmos des Überfalls spiegelt den Zustand der Gesellschaft. Max Annas ist eine feine subtile Analyse der südafrikanischen Gegenwart gelungen und das im Gewand eines bekannten Filmgenres.

Von der Szenerie her erinnert Die Farm an den guten alten Western. Die klaustrophobische Enge und die relative Schutzlosigkeit des Farmhauses lassen an die provisorischen Wagenburgen der frühen amerikanischen Siedler denken, in denen sie sich vor wütenden Ureinwohnern oder marodierenden Banden zu schützen suchten. Anfänglich sind die Fronten zwischen den beiden Parteien noch gut auszumachen, aber mit zunehmender Dunkelheit und verschiedenen Stellungswechseln wird die Lage unübersichtlich. Der Autor gewährt den Lesern auch immer nur einen kurzen Blick auf einzelne Akteure oder Gruppen. Der Fokus wechselt im Minuten-, ja im Sekundentakt. Jedes Schlaglicht enthüllt eine Nuance mehr von den Beleuchteten, ohne aber ein Gesamtbild zu ergeben. Das Geschehen ist eine Momentaufnahme ohne Vorgeschichte und richtiges Ende. Ein Showdown eben, der aber alles Wesentliche beinhaltet.

Wenn man über die Jahre unzählige Krimis und Thriller gelesen hat, ist man irgendwann jeden stereotypen Ablauf leid. Man freut sich über jeden, der sich stilistisch, inhaltlich oder dramaturgisch etwas anderes (Neues?) traut. In diesem Sinne ist Max Annas´ Debütroman ein Glücksfall, der die Anerkennung der Krimipreis-Jury verdient hat.

Bevor die ersten Sätze der Protagonisten verklungen sind, geht so richtig die Post ab. Die schnellen Schnitte geben ein unheimliches Tempo vor. Aber es ist kein voyeuristisches Spektakel, denn im Vordergrund stehen immer die Menschen mit ihren Ängsten, Sorgen und Verfehlungen.
Ein bemerkenswertes Debüt. Es lohnt sich allemal, ein Auge darauf zu werfen.

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