Geheimer Ort

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Argon, 2014, Übersetzt: Gerrit Schmidt-Foß und Inka Löwendorf

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Almut Oetjen
Bienenstöcke im Mädcheninternat

Rezension von Almut Oetjen Dez 2014

Der Teenager Chris Harper wurde vor einem Jahr auf dem Anwesen des Mädcheninternats St. Kilda getötet. Detective Antoinette Conway vom Morddezernat in Dublin leitete die Ermittlungen in dem bislang ungelösten Fall. Die Schülerinnen gaben alle vor, nichts mitbekommen zu haben.
Der junge und ambitionierte Detective Stephen Moran arbeitet im Dezernat für Ungelöste Fälle, beruflich eine Sackgasse. Als die sechzehnjährige Holly Mackey ihm ein Foto Chris Harpers zeigt, auf dem steht "Ich weiß, wer ihn getötet hat", sieht Moran eine Gelegenheit, seine Karriere voranzubringen, indem er mit dem Morddezernat die Ermittlungen in dem Fall wieder aufnimmt. Das Foto war an einer Pinnwand befestigt, dem Geheimnisort, an dem die Schülerinnen von St. Kilda anonym Geheimnisse veröffentlichen können – eine Art Ventil für gelegentlich frustrierte Teenager.

Moran muss mit Detective Conway zusammenarbeiten, die von ihren Kollegen nach einigen erfolglosen und peinlichen Annäherungsversuchen als humorlos, hart und unnahbar bezeichnet wird. Gemeinsam fahren Moran und Conway zum Internat, führen Gespräche mit den Bewohnerinnen, darunter Hollys aus vier Freundinnen bestehende Clique und eine konkurrierende Gruppe. Alle Hinweise deuten auf diese beiden Gruppen, auch Holly steht auf der Liste der Mordverdächtigen.

Fortsetzung des Personalreigens

Mit Geheimer Ort führt Tana French ihr Konzept fort, Nebenpersonen aus einem früheren Roman zu Hauptfiguren im jeweils neuen Werk zu machen. Sie betritt zugleich neues Terrain, indem der wichtigste Handlungsort ein Refugium und Gefahrenort für weibliche Teenager ist. Wie in den Vorgängern, liegt der Autorin daran, einen Kriminalfall zu nutzen, um auszuloten, wie die Vergangenheit auf die Gegenwart wirkt und Menschen formt. In Frenchs Grabesgrün und Totengleich sind die Hauptfiguren junge Erwachsene mit Verletzungen aus der Kindheit. Sterbenskalt und Schattenstill setzen erfahrenere und abgebrühtere Ermittler ins Zentrum. Stephen Moran und Holly Mackey waren Nebenfiguren in Frenchs drittem Roman, Sterbenskalt.
Geheimer Ort erzählt die Vergangenheit der Freundinnen Holly, Julia, Selena und Becca, die Ereignisse, die zu den Ermittlungen in der Gegenwart führten, sowie die Untersuchungen der Detectives Moran und Conway. Mindestens so wichtig wie das prozedurale Element ist die Cliquenpsychologie. French bleibt sehr nahe an den Mädchen, deren kommunikativen Codes, vor allem in der Sprache und dem popkulturellen Rahmen. Der Blick auf die Vergangenheit ist bestimmt durch die Perspektive der Mädchen, der auf die Gegenwart durch die Morans.

Komplexe Charaktere, komplexer Roman

Der Mord und die spezifische Situation der Mädchen stehen in einem engen Zusammenhang zum Zerfall der Familie, einem offenbar bevorzugten Thema der Autorin. Ihre Romane sind zugleich Genretexte und diskursive Beiträge zur Frage, wer wir sind und wie wir dazu werden. Schließlich behandelt French immer auch die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse, die den Bezugsrahmen für ihre Figuren bilden. Gleichwohl ist Geheimer Ort, schon aufgrund des Settings, der Roman Frenchs, in dem diese Verhältnisse wie auch Irland am wenigsten erzählerisch bemüht werden. Dafür erfahren wir umso mehr über den sozialen und seelischen Raum von Mädchen als Kriegsgebiet. Geheimnisse sind in dieser Umgebung von zentraler Bedeutung, nicht nur solche, durch die eine Clique Identität erhält und sich von anderen Cliquen unterscheidet, sondern auch Geheimnisse, die die Individuen innerhalb der Clique erzeugen und bewahren. Man lebt zusammen auf engem Raum, teilt ein Zimmer auf noch engerem Raum, ist einander zugleich auf risikobehaftete Weise vertraut und fremd. Darin ähnelt das Internat dem Polizeirevier und der Familie.

Macht und Sexualität sind ein weiteres Thema, weniger als Betätigungs- denn als Wirkungsfeld. Bienenkönigin Joanne Heffernan aus der konkurrierenden Clique beansprucht alle möglichen Kontakte mit Drohnen für sich, während die anderen Mädchen ihrer Clique lediglich Bewunderungs- und Arbeitsbienen sind. Dennoch neigen die anderen Mädchen zu oftmals verhaltenen Bemühungen, männliche Aufmerksamkeit zu erlangen. Ein Mädchen testet an Moran ihre Wirkung aus, nicht, wie der Detective feststellt, weil er ihr gefällt, sondern weil er gerade da ist.

Manchen Lesern mag es gefallen, anderen weniger, wenn die Detectives sich durch das Eigentum von Mädchen wühlen, die markenfreudige Konsumenten sind. Wir erleben zwei Mädchencliquen, die gerne relativ flache Machtkämpfe austragen, telefonieren, lügen, zudem einen relativ eintönigen Tagesablauf haben. Hinzu kommen ein paar Jungs, die mit den Mädchen interagieren, wobei darauf zu achten ist, wer wann wem eine digitale Nachricht welchen Inhalts geschickt hat. Es gibt ein reges Öffnen und Schließen physischer und gedanklicher Türen.

Geheimer Ort ist trotz einiger Redundanzen und Längen ein unterhaltsam erzählter Roman mit gut konstrurierten Charakteren.

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