Geheimer Ort

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Argon, 2014, Übersetzt: Gerrit Schmidt-Foß und Inka Löwendorf

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Almut Oetjen
Bienenstöcke im Mädcheninternat

Buch-Rezension von Almut Oetjen Dez 2014

Der Teenager Chris Harper wurde vor einem Jahr auf dem Anwesen des Mädcheninternats St. Kilda getötet. Detective Antoinette Conway vom Morddezernat in Dublin leitete die Ermittlungen in dem bislang ungelösten Fall. Die Schülerinnen gaben alle vor, nichts mitbekommen zu haben.
Der junge und ambitionierte Detective Stephen Moran arbeitet im Dezernat für Ungelöste Fälle, beruflich eine Sackgasse. Als die sechzehnjährige Holly Mackey ihm ein Foto Chris Harpers zeigt, auf dem steht "Ich weiß, wer ihn getötet hat", sieht Moran eine Gelegenheit, seine Karriere voranzubringen, indem er mit dem Morddezernat die Ermittlungen in dem Fall wieder aufnimmt. Das Foto war an einer Pinnwand befestigt, dem Geheimnisort, an dem die Schülerinnen von St. Kilda anonym Geheimnisse veröffentlichen können – eine Art Ventil für gelegentlich frustrierte Teenager.

Moran muss mit Detective Conway zusammenarbeiten, die von ihren Kollegen nach einigen erfolglosen und peinlichen Annäherungsversuchen als humorlos, hart und unnahbar bezeichnet wird. Gemeinsam fahren Moran und Conway zum Internat, führen Gespräche mit den Bewohnerinnen, darunter Hollys aus vier Freundinnen bestehende Clique und eine konkurrierende Gruppe. Alle Hinweise deuten auf diese beiden Gruppen, auch Holly steht auf der Liste der Mordverdächtigen.

Fortsetzung des Personalreigens

Mit Geheimer Ort führt Tana French ihr Konzept fort, Nebenpersonen aus einem früheren Roman zu Hauptfiguren im jeweils neuen Werk zu machen. Sie betritt zugleich neues Terrain, indem der wichtigste Handlungsort ein Refugium und Gefahrenort für weibliche Teenager ist. Wie in den Vorgängern, liegt der Autorin daran, einen Kriminalfall zu nutzen, um auszuloten, wie die Vergangenheit auf die Gegenwart wirkt und Menschen formt. In Frenchs Grabesgrün und Totengleich sind die Hauptfiguren junge Erwachsene mit Verletzungen aus der Kindheit. Sterbenskalt und Schattenstill setzen erfahrenere und abgebrühtere Ermittler ins Zentrum. Stephen Moran und Holly Mackey waren Nebenfiguren in Frenchs drittem Roman, Sterbenskalt.
Geheimer Ort erzählt die Vergangenheit der Freundinnen Holly, Julia, Selena und Becca, die Ereignisse, die zu den Ermittlungen in der Gegenwart führten, sowie die Untersuchungen der Detectives Moran und Conway. Mindestens so wichtig wie das prozedurale Element ist die Cliquenpsychologie. French bleibt sehr nahe an den Mädchen, deren kommunikativen Codes, vor allem in der Sprache und dem popkulturellen Rahmen. Der Blick auf die Vergangenheit ist bestimmt durch die Perspektive der Mädchen, der auf die Gegenwart durch die Morans.

Komplexe Charaktere, komplexer Roman

Der Mord und die spezifische Situation der Mädchen stehen in einem engen Zusammenhang zum Zerfall der Familie, einem offenbar bevorzugten Thema der Autorin. Ihre Romane sind zugleich Genretexte und diskursive Beiträge zur Frage, wer wir sind und wie wir dazu werden. Schließlich behandelt French immer auch die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse, die den Bezugsrahmen für ihre Figuren bilden. Gleichwohl ist Geheimer Ort, schon aufgrund des Settings, der Roman Frenchs, in dem diese Verhältnisse wie auch Irland am wenigsten erzählerisch bemüht werden. Dafür erfahren wir umso mehr über den sozialen und seelischen Raum von Mädchen als Kriegsgebiet. Geheimnisse sind in dieser Umgebung von zentraler Bedeutung, nicht nur solche, durch die eine Clique Identität erhält und sich von anderen Cliquen unterscheidet, sondern auch Geheimnisse, die die Individuen innerhalb der Clique erzeugen und bewahren. Man lebt zusammen auf engem Raum, teilt ein Zimmer auf noch engerem Raum, ist einander zugleich auf risikobehaftete Weise vertraut und fremd. Darin ähnelt das Internat dem Polizeirevier und der Familie.

Macht und Sexualität sind ein weiteres Thema, weniger als Betätigungs- denn als Wirkungsfeld. Bienenkönigin Joanne Heffernan aus der konkurrierenden Clique beansprucht alle möglichen Kontakte mit Drohnen für sich, während die anderen Mädchen ihrer Clique lediglich Bewunderungs- und Arbeitsbienen sind. Dennoch neigen die anderen Mädchen zu oftmals verhaltenen Bemühungen, männliche Aufmerksamkeit zu erlangen. Ein Mädchen testet an Moran ihre Wirkung aus, nicht, wie der Detective feststellt, weil er ihr gefällt, sondern weil er gerade da ist.

Manchen Lesern mag es gefallen, anderen weniger, wenn die Detectives sich durch das Eigentum von Mädchen wühlen, die markenfreudige Konsumenten sind. Wir erleben zwei Mädchencliquen, die gerne relativ flache Machtkämpfe austragen, telefonieren, lügen, zudem einen relativ eintönigen Tagesablauf haben. Hinzu kommen ein paar Jungs, die mit den Mädchen interagieren, wobei darauf zu achten ist, wer wann wem eine digitale Nachricht welchen Inhalts geschickt hat. Es gibt ein reges Öffnen und Schließen physischer und gedanklicher Türen.

Geheimer Ort ist trotz einiger Redundanzen und Längen ein unterhaltsam erzählter Roman mit gut konstrurierten Charakteren.

Geheimer Ort

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Letzte Kommentare:
24.04.2019 12:10:45
Krümelzwerg

Begeisterte -Tana-French-Leserin (bisher)!!!
Schließe mich lückenlos der Rezension von Gerda an.
Ach ja: wer hat Chris denn nun ermordet?
Habe ich wohl wegen der massiven Ermüdungserscheinungen beim Lesen verpasst.
Vielleicht kann mir jemand helfen, diese WISSENS-Lücke zu schließen!
Resümee: keine Leseempfehlung.

24.03.2019 16:12:15
HellTraveller

So habe mich endlich durch GEKÄMPFT!!! Kann mich Gerda anschließen. Leider war es weder spannend noch geheimnisvoll, wurde auch keine Spannung aufgebaut, nur pubertierendes- Psycho- (Mädchen-) Gezicke....... Nervig! Schade, denn die Autorin war schon einmal besser. Wenn sie bei den nä. Büchern nicht die Kurve kriegt , werde ich sie nicht mehr lesen. Fange gerade mit "Schattenstill" an, der Buchrücken erinnert sehr an Cody Mc F.. Hoffentlich wird es besser...........

16.03.2019 11:56:03
HellTraveller

Es gibt doch immer wieder "irgendwelche" Deppen die die Lösung vorab verraten! Diesmal Vielen Dank an TheTrueMalfir!!! Soviel Bla Bla, hätten sie sich und den Leser (nicht den Avatar) den Schluß nicht ersparen können. Wenn ich jetzt zum lesen anfange und schon weiß wer die "geheimnisvollen" Zettel geschrieben hat! Ich hoffe das Buch bleibt trotzdem spannend

13.09.2018 18:20:54
Gerda Rucker

Die Sprachbilder häufen sich so aneinander, dass man gar nicht mehr weiß, worum es eine halbe Seite vorher gegangen ist. Die verschiedenen Erzählebenen erhellen nichts.
Dass die Iren einen Faible für Geister haben - schön und gut. Aber hier wirkt der Geist des Ermordeten als versuche die Autorin, so endlich Spannung zu erzeugen.

Kurz und gut: Die seltsamen Schülerinnen dieser seltsamen Schule sind mir nur auf die Nerven gegangen. Ich war froh, als ich endlich dieses Buch fertig gelesen hatte - in der (ungerechtfertigten Hoffnung), es gäbe ein kunstvolles Ende.

02.08.2018 11:35:26
Emilio

Mit grosser Erwartung machte ich mich hinter das Werk von Tana French "Geheimer Ort."
Die Begeisterung nahm aber schon frühzeitig ab. Das Geleier unter den frühreifen Mädchen machte mich vielfach schläfrig, sodass ich das Buch öfters als gewohnt zur Seite legte. Nach neuen Anläufen war ich soweit, dass ich etliche Seiten übersprang und dabei nichts verpasste. Auch die langen Verhöre von Detektiv Moran mit seiner Partnerin reissen einem nicht vom Stuhl. Meine Rezension lautet: Nicht lesenswert!

12.06.2018 11:43:35
Leser

Der Roman ist zäh wie Gummi und hat mit einem Krimi nichts mehr zu tun. Die blumigen Ausführungen Nerven irgendwann derart, dass man die Seiten nur noch grob überfliegt... ohne etwas vom Inhalt zu verpassen... Schade ... Ich bin von Frau French besseres gewohnt. So ein verschnulztes Geschreibe passt einfach nicht.

26.11.2017 16:55:43
TheTrueMalfir

Ich finde es tatsächlich etwas schade, dass der Roman offenbar so negativ aufgefasst wurde. Sind wir aber mal bitte ehrlich zu uns selbst - wir lesen Tana French nicht, weil sie so eine begnadete Kriminalautorin ist. Wir lesen sie, weil die Charaktere uns packen. Weil wir tatsächlich mit ihnen mitfiebern. Weil sie - hört sich nach einem Klischee an, finde ich aber tatsächlich - lebendig sind. Das ist ihre größte Stärke - die auch in diesem Buch wieder deutlich wird. Durch die ganzen Rückblenden und durch die scheinbar "unwichtigen" Details der Mädchencliquen können wir erst verstehen, wieso gewisse Charaktere gewisse Sachen machen. Wenn man dann sagt "Buh, interessiert mich doch nicht, was Mädchencliquen machen!", dann hat die Autorin exakt das geschafft, was sie wollte; sie hat uns dazu gebracht, eine Haltung gegenüber dieser Art von Gruppen zu haben. Deshalb finde ich das Buch gelungen. Weil ich eine klare Haltung gegenüber des ganzen Szenarios gebildet habe und tatsächlich wissen wollte, wie die Handlung weitergeht.

Ein Kommentar hatte die Frage aufgeworfen, wie man das Ende zu verstehen hat. Folgendermaßen: Holly hat das Buch gekauft und das Foto gedruckt, damit sie die Karte basteln kann, auf der steht "ICH WEISS, WER CHRIS GETÖTET HAT". Vor diesem Kapitel hat Holly gestanden, dass sie dachte, es sei Joanne gewesen, und so wollte sie quasi ihre "Feindin" in's Gefängnis bringen. Doch ihre Hauptintention war nicht, Joanne zu schaden. Sie ist davon ausgegangen, dass es Selena wieder besser gehen würde, wenn irgendwer in's Gefängnis für die Tat an Chris ginge, damit Selena dieses Kapitel "abschließen" konnte.

28.09.2017 09:52:20
charliene

Zäh, langweilig, übertrieben, bemühend . das sind einige Attribute die das Buch in etwa beschreiben.
Spannend, eine Prise Humor, logisch, lesenswert . diese Eigenschaften kann ich dem Buch leider nicht mal ansatzweise zuordnen.
Nach der Hälfte habe ich die Hoffnung auf eine positive Wende aufgegeben und angefangen quer zu lesen. Beim letzten Drittel habe ich dann lediglich noch die Kapitel der "Mädels" überflogen. Schade, ich denke der Stoff hätte besser umgesetzt werden können. Reduziert auf die Hälfte des Buchumfangs und all die "schönphilosophischen" Weltanschauungen weggelassen, hätte es einen einigermassen lesenswerten Krimi abgegeben.
Mein Tipp an Frau French; zwei Bücherschreiben. Ein Krimi und ein Küchentischpilosophisches Buch.

09.08.2017 19:07:33
Meike Klauschen

Ich habe den Krimi als Audio-CD gehört und war begeistert von der Spannung, die über 8 CDs aufgebaut wurde. Die Sprache der jungen Mädchen war altersgerecht und aus diesem Grunde zu ertragen. Ich freute mich nach jeder CD auf die nächste und war deshalb umso enttäuschter, als das Ende für mich völlig unverständlich war. Ein Kommentar hier lautet: "Wer es war" wird zweitrangig hinter dem "Wie konnte es dazu kommen". Für mich ist es keineswegs zweitrangig, wenn die Auflösung nicht eindeutig ist. Ich kann Signorinetta (3. Kommentar) nur beipflichten und war froh, dass ich mit meiner "Begriffsstutzigkeit" nicht allein da stehe. Die für mich kryptische Schilderung beginnt ziemlich zum Schluss mit dem Satz von Holly, den ihr Vater ihr mit auf den Weg gab, wie auch Signorinetta schreibt..."dass der Unterschied zwischen geschnappt und nicht geschnappt darin liegt, sich Zeit zu lassen." Dann folgt ein Text mit einem Buchkauf und Foto von Chris und der Fahrt im Bus zum Stephen. Bis dahin hielt ich Rebecca für die Täterin, sollte es doch nicht so sein? Ich wäre dankbar, wenn mir jemand das Ende erklären könnte.

23.06.2017 23:58:05
Mike

Ich bin nach der Lektüre des Buches zwiegespalten. Einerseits stimmt vieles, was meine Vorkommentatorinnen geschrieben haben: Exzellente Beschreibung der Figuren, die Sprache der Mädchen ist wirklich hervorragend wirklichkeitsnah getroffen, die Übersetzung ist sehr gut. Tatsächlich fühlte man sich häufig geradewegs in die Handlung versetzt, sozusagen daneben stehend. Aber: Natürlich waren viel zu viele Redundanzen auf viel zu vielen Seiten. Ich bin mir ziemlich sicher, daß man das alles auf vielleicht 400 Seiten statt auf 700 erzählen konnte. Und tatsächlich, trotz der wirklich scharfen, detailgetreuen Beobachtungsgabe sowie der logisch stimmigen Handlung (die verschiedenen Erzählebenen fand ich durchaus plausibel und auch auflockernd): Es ist und bleibt ein Buch, das in erster Linie für Menschen interessant ist, die sich dafür interessieren wie Mädchen in der Pubertät ticken. Wem das schnell langweilig oder nervig wird, sollte von diesem Buch die Finger lassen. Achso, irgendjemand hier hatte den letzten Teil nicht wirklich verstanden, glaube signoretta. Also Holly hat die Karte geschrieben. Die sie dann selbst Stephen Moran ins Präsidium brachte, um die Ermittlungen wieder anzukurbeln, die ja still standen. In der Hoffnung, daß der Täter/die Täterin gefunden würde - auf das Selena ihr Seelenheil wiederfinden möge. Denn Holly hatte ja selbst erfahren, daß man aus einer psychologischen Sackgasse wieder herausfindet wenn die Wahrheit ans Licht kommt. Sagt sie ja ein paar Seiten vorher.

15.12.2016 16:45:54
Kristina

Überraschend lebensecht ist die Sprache der jugendlichen Mädchen eingefangen, auch in der deutschen Übersetzung. Ich habe meine Tochter geradezu im Hintergrund rufen hören: omeingott oder o.mein.gott
Ebenso gut eingefangen fand ich erschreckenden Themen der Mädchen: Mode, Gewicht, die ist fett, die hat Schenkel wie... Jungen und Sexualität waren dauernd obenauf, immer irgendwie lauernd und, weil die Mädchen eben doch verletzlich sind, wie in einem Panzer aus Gekreische und Fiesheiten geschützt. Da ist man nur noch heilfroh, nicht mehr jung zu sein. Und neben dieser Beschreibung des jugendlichen Daseins erzählt der Roman auch von der Sehnsucht nach Freundschaft und echtem Zueinanderstehen und auch den Grenzen dessen, was man füreinander sein kann. Fand ich alles sehr gelungen.
Der Aufbau, das Jetzt der Ermittlung mit dem Geschehen vor dem Mord zu verschränken, war gut gemacht. Wir gehen als LeserInnen mit, wissen nie mehr als die Ermittler und, werden auf niemandes Seite wirklich gezogen.
Alles in allem, ein tolles Buch, mehr als ein Krimi, vor allem für Eltern vom Jugendlichen!

14.09.2016 11:18:41
signorinetta

Als Krimi mag dieses Buch tatsächlich etwas wenig spannend und langatmig sein, als Beschreibung des geheimen Lebens junger Mädchen, dieses starken aufeinander Bezogen-sein der Freundinnen ( und Feindinnen) hat es eine starke Faszination auf mich ausgeübt. Auch wenn ich ebenfalls nie in eienm Internat war oder zu der Schicht gehörte, die sich das leisten kann, hat mich die Beschreibung des reichen Innenlebens und des Herantastens ans Erwachsenwerden sehr berührt.

Aber nun kommts, ich muss mich als begriffsstutzig outen und ich hoffe, jemand hat das Buch noch so präsent, dass er mir weiterhelfen kann:
Den letzten Abschnitt des Buches, der so beginnt: "Vor langer Zeit hat Holly von ihrem Dad gelernt, dass der Unterschied zwischen geschnappt und nicht geschnappt darin liegt, sich Zeit zu lassen. "
Dann wird beschrieben, wie sie sich auf etwas vorbereitet ( Secondhandladen Buch kaufen, Foto von Chris ausdrucken etc. , Migräne vortäuschen ) am Ende des Abschnitts bewegt sie sich "die Strasse hinauf Richtung Stephen".
verstehe ich nicht. Hab ihn zweimal gelesen. Was bedeutet das alles? Rebecca i s t doch die Täterin? So etwas ist mir noch nie passiert
🤔

29.05.2016 11:32:25
ladyofflowers

Dies ist mein erstes Posting, aber das Buch ist so genial, dass ich mich auch mal äußern muss!
Die einzige Prämisse für den Lesespaß ist Liebe zu jungen Heranwachsenden, speziell Mädchen.
Es ist mein erstes Buch, dass ich von Tana French gelesen habe und jede einzelne Seite war spannend. Aber das trifft es auch nicht ganz genau, denn hier handelt es sich wirklich um LITERATUR. Sie versteht es, die Personen so zu schildern, als stünden sie neben einem. Differenziert, trotzdem kurz und knapp. Es kommt mir fast vor wie diese Erzählmethode "stream of consciousness", die auch von Autoren wie James Joyce verwandt wird. Man fühlt sich mittendrin im Geschehen, nimmt alle Geräusche, Laute, Düfte und Empfindungen wahr. So lebendig werden selten Personen (und Situationen) dargestellt, noch dazu ihre oft innere Widersprüchlichkeit. Psychologisch gut gemacht. 700 Seiten - ein Ermittlungstag. Ist das wohl eine Hommage an Ulysses?

21.04.2016 01:52:02
Groucho

Es erfordert schon ein gerüttelt Maß an Leidensfähigkeit, wenn man die sich über 700 Seiten hinziehende Vergewaltigung der Erzählsprache bis zum bitteren Ende durchstehen will: Was T. French da an bebilderter Sprache zur Beschreibung und Ausschmückung von Gefühlen, Ereignissen, Betrachtungen und Eindrücken hervorbringt, reicht von Schwelgerisch-überbordend über grotesk-bizarr bis hin zu verwirrend-abstrakt und leider teilweise gar albern-irreal. Es nimmt daher nicht Wunder, dass eine Geschichte, die inhaltlich so umfassend gar nicht ist, so viel Raum einnimmt. Mir sagt diese Über-Prosa nicht zu und deshalb bleibt von diesem Roman und seiner Autorin - ungeachtet der recht ansprechenden Handlung und der gut herausgearbeiteten Charaktere - ein insgesamt eher unbefriedigender Eindruck.

21.03.2016 22:07:57
Susan

Die ersten Krimis der Autorin waren prima konstruiert und spannend. Ich habe sie auch sehr gern wegen der elaborierten Sprache gelesen. Dieser Krimi hingegen strotzt vor Langeweile. Es könnte auch ein Bühnenstück sein, es spielt nur im Internat - eher ein Jugendroman. Langatmige Verhöre, die sich ähneln und wiederholen. Grauenvoll! Was für eine Enttäuschung.

05.03.2016 11:54:20
heike bröker

...ich schließe mich Heinz Pfeiffer an. Ich bin so enttäuscht von dem Inhalt, der sich so schwer lesen lässt, weil der Inhalt so lagweilig und langatmig ist, dass meine Gedanken immer abdriften. Diese Mädchenprobleme interessieren mich nicht!! Genauso erstaunt war ich auch über den Kommentar der Zeitung "die Zeit". Aber ich quäl mich da weiter durch.200 Seiten ist ja schon eine Menge..:-)

07.02.2016 16:59:10
Heinz Pfeiffer

Selten habe ich einen so langatmigen und langweiligen "Krimi" (Gone Girl war dagengen ja direkt "spannend") gelesen. Wer die Abgründe von Mädchencliquen mag, der ist hier gut aufgehoben. Den Roman als Kriminalroman zu bezeichnen ist m.E. total daneben. Wenn "Die Zeit", die ich sehr schätze, im Cover: Man möchte keine Seite missen, zitiert wird, dann verstehe ich die Krimiwelt nicht mehr. Habe das Buch nach 200 Seiten entnervt weggelegt

27.12.2015 17:23:15
Leseteufel

Wegen der begeisterten Kritiken u.a. bei Spiegel ONLINE Kultur habe ich mich mühsam durch dieses viel zu lange Buch gequält und am Ende an den berühmten Ausspruch von Arthur Miller gedacht: "Um von Kritikern als gut beurteilt zu werden, muss ein Buch vor allem eines sein: langweilig." Dem ist auch in diesem Fall nichts hinzuzufügen. Die seitenlangen, sich ständig wiederholenden Pubertätsblähungen der verwöhnten Rotznasen im Roman waren nicht gerade aufregend, und der angebliche Jugendjargon machte das Ganze auch nicht besser. Jedes zehnte Wort war "Hallo".
Wer ein Meisterwerk über die Probleme heranwachsender junger Mädchen sucht, sollte "Katzenauge" von Margaret Atwood lesen, und wer noch einen Kriminalfall dazu braucht, dem empfehle ich "Die geheime Geschichte" von Donna Tartt.

18.10.2015 11:18:26
walli007

Zicken halten zusammen

Vor einem Jahr wurde der Jugendliche Chris Harper auf dem Gelände der benachbarten Mädchenschule getötet. Noch immer ist nicht klar, wer den Mord begangen hat. Da wird der Dubliner Polizei ein Hinweis übergeben, der den Ermittlungen einen neuen Ansatz geben könnte. Detective Steven Moran sieht darin seine Chance, zur Mordkommission versetzt zu werden. Zunächst darf er jedoch nur an den aktuellen Untersuchungen teilnehmen. Seine Vorgesetzte Antoinette Conway versteht hervorragend auf das Spiel „guter Cop - böser Cop“. Beide begeben sich zu der Schule, um die Schülerinnen, denen ein Jahr zuvor nichts wirklich zu entlocken war, erneut zu befragen.

Während der Lektüre wirkt die Schule der Mädchen mehr und mehr wie ein Schlangennest. Besonders die im Internat untergebrachten Schülerinnen scheinen eng verbunden zu sein. Im gleichen Alter wie der Tote befinden sich unter den Mädchen zwei Gruppen, die sich spinnefeind sind. Zwei mal vier junge Frauen, aus deren Reihen die Karte stammen muss, auf der der geheimnisvolle Hinweis steht, und die sich gegenseitig beschuldigen und verdächtigen. Keine leichte Aufgabe für die Ermittler. Nur schwer lassen sich die Mädchen kleinste Informationen entlocken. Nach und nach entsteht ein Bild des vergangenen Jahres und auch der letzten Monate im Leben des Chris Harper.

Auf zwei Ebenen berichtet die Autorin von den Ereignissen. Hieraus entwickelt sich ein sehr spezielles Spannungsfeld und wenn man einzelne Teile der Geschichte langsam durchblickt, überläuft einem mehrfach ein Schauer. Wie Katzen umschleichen sich die Schülerinnen. Da kann es geschehen, das plötzlich die Krallen ausgefahren werden. Selbst als Leser kann man die geheimen Strömungen und Stimmungen spüren, die das Internatsleben der Mädchen bestimmen. Man lernt, dass hinter der glatten Fassade längst nicht alles so ist, wie Eltern und Lehrer vielleicht glauben mögen. Gerade wegen der besonderen Komposition bekommt dieses Buch etwas Einzigartiges. Doch verlangsamt dies auch die Entwicklungen und die spezielle Ausdrucksweise, die der Autorin eigen zu sein scheinen, verhindert das völlige Eintauchen in die ansonsten ausgesprochen intelligente und sich überraschend entfaltende Geschichte. Wer sich also auf die Art, wie sich die Autorin ausdrückt, einlassen kann, wird hier bestens unterhalten werden. Und auch die anderen werden zumindest ein gutes Buch zu lesen bekommen, auch wenn es in manchen Momenten ein wenig Überwindung kosten kann.

22.06.2015 14:32:55
heiwi

Was für ein genialer Psychokrimi. Dass es um einen zurückliegenden Mord geht, gerät manchmal schon beinahe in den Hintergrund durch die tiefgehenden Psychogramme von 8 Internatsschülerinnen. Stimmig das etwas düstere und strenge Internatsumfeld mit dem Kontrast durch das in diese Welt eindringende Ermittlerduo, das für Brüche sorgt und Oberflächlichkeiten und seelische Tiefen der jungen Mädchen ug um Zug bloß legt. "Wer war es" wird zweitrangig hinter dem "Wie konnte es dazu kommen".
Ein Tag, ein Ort und fast 700 Seiten mit einem nie abreißenden Spannungsbogen, der für großes Kopfkino sorgt.

29.01.2015 12:35:35
Krimi-Mietze

Tana French "Geheimer Ort"

Akribische Ermittlerarbeit für (weibliche) Fans des psychologischen Rätselratens und unsichtbarer Bindungen.

Glücklicherweise mußte ich nie in dieser Welt aus höheren Töchtern, Internaten, Mädchencliquen und Zwängen leben. Durch Tana Frenchs wunderbare Sprache entwickelte das Buch eine unwiderstehliche Sogwirkung. Ich konnte Tana Frenchs Beschreibungen schmecken, riechen, sehen und nachfühlen.

21.01.2015 17:20:09
Anna

Ich habe bisher alle Bücher von Tana French gern gelesen, aber "Geheimer Ort" gefällt mir von allen am wenigsten. Die Rückblenden fand ich wunderbar bewegend und sinnlich geschrieben und habe sie gern gelesen. Aber die Befragungen, dieses ewige Hin und Her mir Zickenkrieg und unzähligen "omeinGott" und "Hallo?!", ziehen sich m.M.n. wie Gummi. Ich war froh, als ich es durch hatte. Weniger wäre mehr gewesen. Übrigens fand ich auch das übernatürliche Element ziemlich aufgesetzt und überflüssig.

03.01.2015 22:42:57
Baerbel82

Lügen und Geheimnisse

Die Geschichte beginnt in der Gegenwart: Holly hat am Schwarzen Brett ihrer Schule eine Karte abgehängt - mit dem Bild von Chris und der Überschrift: ICH WEISS, WER IHN GETÖTET HAT.
Christopher Harper, ein 16-jährigen Schüler vom Colm, einem Jungeninternat, war ein Jahr zuvor im Park des Mädcheninternats St. Kilda mit einer Gartenhacke erschlagen worden. Und zwar auf einer Lichtung, dem geheimen Treffpunkt von Hollys Clique.
Holly ist die Tochter von Detective Frank Mackey. Nun übergibt sie diese Karte Detective Stephen Moran, den sie vor einigen Jahren in 'Sterbenskalt' kennengelernt hatte. Damals war Moran der Partner ihres Vaters. Moran und seine Kollegin Detective Antoinette Convay beginnen erneut zu ermitteln.
Es gibt aber auch Rückblicke in die Vergangenheit, als Chris noch 8 Monate zu leben hatte und es werden von Kapitel zu Kapitel weniger, wie bei einem Countdown. Die Geschichte hat mich ein wenig an „Die Lichtung“ von Linus Geschke erinnert. Auch dort konnte der Fall zunächst nicht aufgeklärt werden.
Auf der Suche nach der Wahrheit treffen die beiden Ermittler auf zwei verfeindete Mädchen-Cliquen, die von Joanne und ihren Freundinnen Gemma, Orla und Alison sowie die von Holly, Selena, Julia und Rebecca. Wer lügt, wer verschweigt etwas?
Dann wieder ein Rückblick: Hollys Clique trifft sich auf der Zypressenlichtung und schwört, keine Männergeschichten bis zum Ende der Schulzeit. Da hat Chris noch 6 Monate zu leben. Nichts ist wie es scheint. Niemand ist, wer er zu sein scheint.
„Geheimer Ort“ ist vor allem eins, eine extrem tiefenscharfe und nicht selten bissige Milieu-Beobachtung. Der Erzählrhythmus ist bis zum Ende perfekt austariert und die genaue Figurenzeichnung lässt darauf schließen, dass Tana French, die Meisterin des psychologischen Kriminalromans, das Milieu sehr genau kennt, um das es hier geht: In „Geheimer Ort“ dreht sich alles um Teenager in der Pubertät.
Das Zusammenspiel zwischen Convay und Moran gefällt mir, ebenso die Kapitel in der Ich-Perspektive, erzählt aus Sicht von Moran. Tana Frenchs Sprache ist kraftvoll, aber auch sehr poetisch. Den Spannungsaufbau finde ich äußerst gelungen, die Dialoge sind authentisch, insbesondere die Duelle zwischen der Polizei und den Mädels. Lediglich ein paar paranormale Phänomene haben mich gestört.

Fazit: „Geheimer Ort“ ist nicht nur ein Kriminalroman, sondern vor allem spannendes Drama, das letztlich in einer schrecklichen Tragödie endet. Insgesamt ein schöner Schmöker, der sich locker weg lesen lässt.

01.01.2015 17:12:33
Sagota

"Geheimer Ort" ist der 5. Krimi von Tana French und in neuem, beeindruckendem Gewand im Scherz-Verlag erschienen, der sehr gut zum recht komplizierten Inhalt dieses Kriminalromans passt: Es ist kein HC, aber broschiert und für ein Taschenbuch sehr stabil (so entstehen z.B. keine Rillen an den Falzkanten des Buches), was mir sehr positiv auffiel.
Das düster wirkende Herrenhaus auf dem (Krimifreunde sehr ansprechenden)Cover, völlig abgelegen, lässt den Charakter des Krimis bereits erahnen, der in St. Kilda, einem Mädcheninternat in Irland, spielt.
Inhalt:
(Buchrücken und Klappentext):
Ein Toter, acht Mädchen, nur ein Tag für die Wahrheit:
Anmutig, behütet und golden, so scheint die abgeschirmte Welt des traditionellen Mädcheninternats St. Kilda. Doch vor einem Jahr ist dort im Park ein Junge erschlagen worden. Nun hängt sein Bild am Schwarzen Brett - mit der Überschrift: ICH WEISS, WER IHN GETÖTET HAT.
Der junge Detective Stephen Moran ahnt nicht, in welch gefährliches Netz aus Träumen und Lügen er hinter den Mauern des Internats geraten wird.
Zwei Cliquen unverbrüchlicher Mädchenfreundschaften - erbarmungsloser Feindinnen - stehen sich gegenüber: Nur eine kann die Karte am "Geheimnisort" angebracht haben...
Stephen Moran, der sich nicht sehnlicher wünscht, als ins Morddezernat aufzusteigen und auf "seine" Chance wartet (die er in der Abteilung Ungelöster Fälle schmerzlich vermisst) sowie die toughe Ermittlungsleiterin Antoinette Conway begeben sich an den Ort des tragischen Verbrechens...
Meine Meinung:
Für mich war es der erste Krimi von Tana French, den ich teils mit Begeisterung, teils zwiespältig ob der Langatmigkeit vieler Passagen, gelesen habe: Ohne die Vorgänger also zu kennen (was sich aber noch ändern kann), fand ich den Krimi in jeder Hinsicht außergewöhnlich:
Die SPRACHE von Tana French ist teils prosaisch - teils salopp, knapp, ja stakkatoartig zu nennen: Dieser Wechsel macht einen gewissen Reiz für den Leser aus (wobei man diesen Stil mögen kann oder auch nicht). Ich fand ihn interessant und ungewöhnlich, auch gut zu lesen! Mir fehlte allerdings eine gewisse Spannung, die auch durch gut durchdachte und interpretierte Psychogramme der Mädels aus den zwei Cliquen und hier und da einem Hinweis oder möglichen Tatbestand, ziemlich ausblieb. Ich hatte in der Buchmitte einen Verdacht zu einem Schlüsselmotiv, was sich später bestätigt hat - und mir die Spannung u.U. genommen hatte..
Fasziniert und erstaunt bin ich jedoch nach dem Lesen des Buches, dass es die Autorin geschafft hat, EINEN einzigen Ermittlungstag auf 700 Seiten zu packen: Das war für mich neu und verdient meinen Respekt!
Mir fehlte - bei aller Genauigkeit und toller, psychogrammartigen Beschreibungen der Gedankenwelt der Protagonistinnen, auch etwas mehr Tiefe in der Darstellung des Opfers und dessen sozialen Umfeldes: Dem Gegenstück von St. Kilda: Das sich in der Nähe befindende Jungeninternat Colm, aus dessen Reihen das Opfer, Chris Harper, stammte - trotz dessen Austauschbarkeit (es hätte jeden anderen Jungen ebenso treffen können) hätte ich mir gerne ein näheres Bild der Welt des Opfers gemacht und aus welchen (vermuteten) Gründen er sich so verhalten hat, dass er trotz aller Sympathien der anderen - nicht nur Freunde hatte..
Fazit:
Als tiefgründig und hochspannend wird der Krimi auf dem Klappentext hinten beschrieben: Dem Urteil kann ich mich nur im Falle "tiefgründig" anschließen, hochspannend war er für mich keinesfalls, eher streckenweise sehr langatmig - und daher etwas anstrengend zu lesen.. Es ist eine Frage des Geschmacks, ob man dieses Buch als sehr spannend oder auch streckenweise erschlagend empfindet: Er hat mir dennoch gut gefallen - nur fehlte mir auf allen 700 Seiten etwas, vermutlich war es die Spannung, die sich kaum aufbaute und größtenteils über die wirklich guten sprachlichen Stilmittel erreicht wurde. Die Thematik des Krimis (Pubertät, Freundschaften, ein abgeschottetes und sehr reglementiertes Leben hinter Internatsmauern, wurde jedoch sehr gut und authentisch dargestellt; auch das Zusammenwachsen des Ermittlerteams Conway und Moran wurde sehr gut ausgeleuchtet sowie die Gründe, die zu dem Mord an Chris Harper letztendlich führten - leider war die Figur des Opfers recht bruchstückhaft gezeichnet, was ganz zum Gegenteil der Mädchencliquen stand (was jedoch auch mit der Austauschbarkeit des Mordopfers zu tun haben kann, vermute ich). Für Krimifreunde, die wirklich gut geschriebene Geschichten und außergewöhnlicher Stilmittel auf jeden Fall thrillerhaften und teils brutalen oder bluttriefenden Werken den Vorzug geben, kann ich Tana Frenchs "Geheimer Ort" guten Gewissens empfehlen - ich fand ihn interessant, aber durchaus nicht erstklassig.
Ich vergebe daher 3 Sterne und 79 Punkte auf der Werteskala.