Fever

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Kapstadt: Human & Rousseau, 2016, Titel: 'Koors', Originalsprache
  • Berlin: aufbau audio, 2017, Übersetzt: ?

Couch-Wertung:

82°
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Jochen König
Take The Highway To The End Of The Night*

Buch-Rezension von Jochen König Nov 2014

Mit Fever wagt sich Deon Meyer auf ungewohntes Gebiet. Kein gesellschaftskritischer Südafrika-Krimi, schon gar kein Verweis auf Serienfiguren, wie den alkoholkranken Polizisten Benny Griessel oder den toughen Bodyguard Lemmer. Stattdessen eine voluminöse Mischung aus Coming-of-Age-Roman, literarischem Road-Movie und apokalyptischem Thriller.

Das Ende der Welt wie wir sie kennen

Eine Virenmutation hat ein fürchterliches Fieber ausgelöst, das 95 Prozent der Weltbevölkerung darnieder rafft. Nico Storm und sein besonnener Vater Willem irren durch ein unwirtliches Südafrika, auf der Suche nach Nahrung, Benzin, Unterkunft, Medizin und anderen Überlebenden. Von denen nicht alle wohlgesonnen sind. Außerdem machen Hunde, die die Fesseln der Zivilisation schnell abgelegt haben, und andere Wildtiere ihnen das Leben schwer.

Geschildert werden die Begebnisse aus der Sicht des zu Beginn dreizehnjährigen Nicolaas Storm, dessen erster aufgeschriebener Satz lautet: Ich will euch vom Mord an meinem Vater berichten. Denn er erzählt nicht aus der Gegenwart, Deon Meyer lässt den dreiundvierzigjährigen Nico die Geschichte vom Aufbruch und dem Aufbau einer neuen Zivilisation rekapitulieren. Im Rahmen des Amanzi-Geschichtsprojektes werden weitere Stimmen zu Wort kommen, die Nicos Erzählung kommentieren, in ihrer eigenen Sichtweise darstellen oder kritisch in Frage stellen.

Wir bauen eine neue Stadt

Amanzi ist der Name der Siedlung, die Willem Storm gründet, in die es immer mehr Menschen zieht, die eine größer werdende Gemeinschaft bilden, die bald mit all den Konflikten zu kämpfen hat, die das Zusammenleben von Menschen kompliziert und komplex machen. So wird die Aufbruchsstimmung und Sehnsucht nach der Solidarität innerhalb einer demokratisch aufgestellten Gemeinschaft, bald getrübt von Liebes- und anderen Händeln, unterschiedlichen Ansichten über Politik, Religion und Regularien des Zusammenlebens. Jeder Erfolg ist hart umkämpft, Ressourcen sind knapp. Standards, die vor dem Ausbruch des tödlichen Fiebers, selbstverständlich waren, müssen mühsam wieder erarbeitet werden. Und dann gibt es noch eine Bedrohung von außen, die sogenannte KTM, ein Zusammenschluss herumstreifender Marodeure, die sich skrupellos und mit Waffengewalt bei denen bedienen, die versuchen sich eine neue Existenz aufzubauen. Blutige Kämpfe sind unausweichlich und irgendwo lauern weitere düstere Geheimnisse, die erst zum Finale entschlüsselt werden.

Der Mensch ist eine Bestie, und er hat seine Kultur vollendet, sobald er sich nur nichts mehr darauf einbildet, daß er es ist.**

Deon Meyer hat mit Fever eine epische Dystopie geschaffen, deren geschickte Dramaturgie und das sprachliche Vermögen des Autors (auch in der Übersetzung) die Spannung weitgehend hochhalten. Überflüssige Übertreibungen inklusive. Die Verweise auf den Tod von Nicos Vaters sind viel zu häufig gesetzt, Meyer hätte sich, nicht nur in diesem Fall, mehr auf die Imagination seiner Leser verlassen können. Doch meist funktioniert die beschwerliche Wegbeschreibung durch Nico Storms Pubertät ausgezeichnet. Meyer verbindet private Erlebnisse mit Weltpolitik und Philosophie, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Gelingt, da die Welt, in der sich die Storms bewegen, sehr überschaubar geworden ist. Philosophische Strömungen treffen aufeinander, werden ausdiskutiert und müssen manchmal Unvereinbares in Einklang bringen.

Während Willem Storm eine Gesellschaft auf der Grundlage von Spinozas Ethik der Ganzheitlichkeit vorschwebt, lebt der martialische Domingo, der zum Beschützer der Siedlung Amanzi avanciert, nach dem Credo, dass der Mensch ein mitleidloses Tier ist, das nur mit Mühe in Zaum gehalten werden kann. Und mancher agiert tollwütig. Dann bleibt nur eine letale Lösung.

Interne Spannungen werden aus unterschiedlichen Erzählperspektiven dargestellt

Als dritte Fraktion, die für die größte Unruhe und spätere Spaltung Amanzis sorgen wird, gesellen sich der pharisäerhafte Pastor Nkosi und sein Gefolge hinzu, die dem Allmächtigen ihr Leben und ihre Liebe widmen wollen (vertreten durch die Gewaltiger-Held-Partei). Wie all diese internen Spannungen, im Kleinen wie Großen, aus unterschiedlichen Erzählperspektiven dargestellt werden, macht einen großen Teil des Reizes von Fever aus.

Dazu gesellt sich noch die Fehde mit den Plünderern der KTM (benannt nach einem Logo auf Motorradtanks), vor allem deren Anführern, die Amanzi schon früh einen hinterhältigen Besuch abstatten und damit Domingos Theorien und seinem Machtanspruch Tür und Tor öffneten.

Nico ist hin- und hergerissen zwischen der menschenfreundlichen Lebensweise seines Vaters, die er als Schwäche interpretiert, und Domingos knallharter Interpretation des Homo homini lupus est. Es wird zur Entfremdung zwischen Nico und seinem Vater kommen, und zur vorsichtigen Wiederannäherung, der aufgrund der bekannten Ausganssituation kein Happy End beschieden ist. Dazwischen arbeitet Deon Meyer geschickt mit Vorurteilen und Erwartungshaltungen, vermeidet eine simplifizierende Schwarz-Weiß-Stilisierung. Zieht daraus allerdings die eher schlichte Schlussfolgerung: Menschen sind fehlbar, auch nach der Apokalypse.

The Walking Dead ohne Walker - und ein unbefriedigender Showdown

Über vier Jahre dauerte laut Deon Meyers Aussage die Arbeit an Fever. Ob zur Recherche auch ein ausführliches Studium von The Walking Dead gehörte, bleibt ungewiss. Fever wirkt über lange Strecken wie eine literarische Paraphrase des Comics/ der Serie - ohne Zombies. Das bekommt der Autor allerdings sehr gut hin. Denn auch als Abenteuerroman, verbunden mit filmreifer Action und anrührenden Liebesgeschichten funktioniert Fever. Bis zum Finale.

Das der Geschichte beinahe den Todesstoß versetzt. Zugunsten eines wenig glaubwürdigen Twists und einiger schockierender Enthüllungen, torpediert Meyer sein vorheriges Konstrukt. War er vorher akribisch und ausschweifend unterwegs, wirkt der Schluss atemlos und skizzenhaft. Unglaubwürdig und unbefriedigend. Um einen Eindruck wiederzugeben, ohne zu viel zu verraten, eine kleine, erfundene dialogische Szene:

Ein ehemaliges Liebespaar trifft sich, nach dem es sich schicksalhaft aus den Augen verloren hat, nach Jahren zufällig wieder.
Sie: Du, ich habe 95% der Weltbevölkerung ausgelöscht!
Er: Wieso?
Sie: Die waren voll mies drauf, propagierten Ausbeutung und totale Zerstörung. Das musste gestoppt werden. Radikal. Meine Crew und ich hatten keine andere Wahl [leider ein nachvollziehbarer Gedanke]!
Er: Okay. Ich habe dich trotzdem lieb!
Sie: Fein.

So ungefähr. Bis dahin ist Fever ein spannendes Unterfangen, das viel Raum zum Nachdenken bietet und auch aufgrund seiner unaufdringlichen Vielschichtigkeit so verstörend wie gut unterhält.

Für mich endet der Roman auf Seite 661 mit einem Satz, der fast zu plakativ ist, um nicht bewusst gesetzt worden zu sein: Nichts ergab einen Sinn. Dabei wissen wir genau, dass das Gegenteil der Fall ist. Es lohnt sich, Fever auf der Suche danach und bis dorthin zu folgen.

* The Doors "End Of The Night"
** Friedrich Hebbel

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