Zerrissen

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Barcelona: Editorial Planeta S.A., 2014, Titel: 'El Paciente', Originalsprache
  • Berlin: Der Audio Verlag, 2015, Seiten: 2, Übersetzt: Heikko Deutschmann, Bemerkung: ungekürzte Lesung

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Andreas Kurth
Integrer Mediziner am psychischen Abgrund

Buch-Rezension von Andreas Kurth Nov 2014

Aus dem Tagebuch von Dr. David Evans erfährt der Leser – in einer Art kurzem Prolog – dass der Mediziner seit 1843 Tagen im so genannten Todestrakt eines Gefängnisses sitzt. Die scheinbar perspektivlose Lage hat der Mediziner genutzt, um seine unglaubliche Geschichte aufzuschreiben. Ausgangspunkt ist seine eigenwillige Hilfe für einen jungen Mann, den er operiert, obwohl klar ist, dass niemand für die Kosten aufkommen wird.

Evans erregt damit einmal mehr den Unmut seiner Chefärztin und der Klinikleitung. In einer teuren Privatklinik am Rande Washingtons eine OP ohne Vergütung zu machen ist halt nicht förderlich für die Laune der Vorgesetzten. Doch es kommt noch deutlich schlimmer für den Neurochirurgen.

Er kommt später als üblich nach Hause, und seine Tochter ist offenbar entführt worden – und das osteuropäische Kindermädchen liegt ermordet im Keller. Mr. White – so der Fantasiename des Entführers – will kein Lösegeld, sondern Dave Evans soll bei einer Operation des amerikanischen Präsidenten dafür sorgen, dass dieser den komplizierten Eingriff nicht überlebt.

Komplexe Geschehnisse sorgen für Faszination

Juan Gómez-Jurado hat mit Zerrissen einen wirklich ungewöhnlichen Thriller vorgelegt. Wenn im Prolog geschildert wird, dass der Protagonist in einer Zelle im Todestrakt sitzt, ist man als Leser geneigt, davon auszugehen, dass man das Ende der Geschichte irgendwie schon kennt.

Gómez-Jurado gelingt es dennoch, mit seiner faszinierenden Erzählung für so viel Aufmerksamkeit zu sorgen, dass der Leser sich schon nach wenigen Seiten fesseln lässt. Schon der Ausgangspunkt der komplexen Geschehnisse sorgt für reichlich Faszination.

Dave Evans wird den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika operieren. Er soll einen tödlichen Hirntumor entfernen, und so dem mächtigsten Mann des Landes ein paar Wochen oder Monate zusätzliche Lebenszeit verschaffen. Der überaus riskante Eingriff kann ihm weltweiten Ruhm bringen. Aber die Entführung seiner Tochter stellt für David Evans seine Welt komplett auf den Kopf.

Tochter Julia ist das denkbar größte Faustpfand

Der Plot ist ziemlich ausgeklügelt. Durch regelmäßige Rückblenden erfährt der Leser, dass David Evans seine Frau ebenfalls durch einen Hirntumor verloren hat. Als sie die Diagnose erfuhr, nahm sie sich mit einem Medikamentencocktail das Leben.

Und nun hat Mr. White mit Davids Tochter Julia das denkbar größte Faustpfand in den Händen, um den brillanten Neurochirurgen dazu zu bringen, den Präsidenten an den Folgen der Operation sterben zu lassen – ohne dass es jemand bemerkt. Die Angst um seine über alles geliebte Tochter zerfrisst David Evans dabei förmlich die Nerven.

Dennoch gelingt es ihm – trotz totaler Überwachung durch den Entführer und seine Helfer - unbemerkt Kontakt zu seiner Schwägerin aufzunehmen. Kate Robson ist Agentin beim Sercret Service – ihrer Empfehlung verdankt Evans es überhaupt, dass er den Präsidenten operieren darf.

Psychische Probleme werden ausführlich geschildert

Für Kate Robson ist der Loyalitätskonflikt noch weitaus belastender als für David Evans. Sie liebt ihre Nichte, und würde alles für sie tun. Und seit Jahren ist sie auch heimlich in ihren Schwager verliebt. Dennoch ist sie auch mit Leib und Seele Agentin des Secret Service, und würde alles tun, um das Leben des Präsidenten und seiner Familie zu schützen.

Juan Gómez-Jurado schildert die aus diesen Konflikten resultierenden psychischen Probleme von Evans und Robson mit großer Ausführlichkeit, und der dadurch immer weiter ansteigende Spannungsbogen fesselt den Leser mit jeder Seite noch stärker. Der Autor lässt seine Protagonisten auch an der Situation des kleinen Mädchens teilhaben, die Evans von Mr. White per Video vor Augen geführt wird. Das ist wirklich nichts für schwache Nerven, und man mag kaum darüber nachdenken, wie man sich selbst in dieser Situation verhalten würde.

Viele Überraschungen und falsche Vermutungen

Das Ganze spielt sich auch noch mit enormem Tempo ab, denn dem Chirurgen bleibt nicht viel Zeit. Seine Tochter wird von Mr. White und seinen Helfern gerade mit genügend Sauerstoff versorgt, um bis zum Zeitpunkt der Operation am Leben zu bleiben. Ganze drei Tage liegen zwischen Julias Entführung und der Operation.

Juan Gómez-Jurado hat viele Überraschungen und falsche Vermutungen in seinen Thriller eingebaut. Zusätzlicher Nervenkitzel entsteht dadurch, dass der Leser aus dem im Todestrakt geschriebene Tagebuch von David Evans erfährt, wie sich alles abgespielt hat. Bis zuletzt bleibt daher unklar, was am Ende aus dem schier unlösbaren Problem geworden ist. Zerrissen ist feinstes Lesekino – ein Genuss für ein langes, verregnetes Wochenende.

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