Die rechte Hand des Todes

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • München: Knaur, 2014, Seiten: 331, Übersetzt: Marie-Luise Bezzenberger

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Michael Drewniok
Der unglückliche Sheriff & sein Freund, der Killer

Buch-Rezension von Michael Drewniok Nov 2014

Seit mehr als einem halben Jahrhundert beseitigt John Gload für seine kriminellen Auftraggeber unliebsame Zeitgenossen. Sein Service beinhaltet auch die möglichst spurlose Beseitigung der Leichen. Gload ist ein Profi, der zwar über Gefängnis-Erfahrung verfügt, dem aber seine Tätigkeit als Serienkiller nie nachgewiesen werden konnte.

Nun ist Gload 77 Jahre alt und spürt, dass seine Kräfte nachlassen. Stärker zu schaffen macht ihm die Unmöglichkeit, zuverlässige Hilfskräfte zu finden, die er in seinem Metier benötigt. Aktuell hat sich Gload notgedrungen mit einem halbstarken Angeber eingelassen, der das für einen Mordauftrag kassierte Geld in einen Alkohol- und Drogenrausch investiert, dabei eine Kellnerin vergewaltigt, dingfest gemacht wird und der Polizei einen Deal vorschlägt: Er liefert Gload ans Messer.

Der alte Mann wehrt sich nicht gegen die Verhaftung. Er sondiert die Lage, die ihm durchaus Möglichkeiten bietet: Ins Netz gegangen ist er den in Sachen Serienmord unerfahrenen Gesetzeshütern vom Copper County Sheriff Department im US-Staat Montana. Eifersüchtig hält man die Hand über den prominenten Häftling, der für Karrieresprünge sorgen könnte, wenn er ausplaudern würde, wo er seine Opfer begraben hat.

Gload spielt geschickt mit den Männern, die ihn bedrängen und ihm schmeicheln. Sein echtes Interesse findet nur der junge Deputy Sheriff Valentine Millimaki, in dem Gload einen Seelenverwandten entdeckt. Beide lieben die Natur und die Landwirtschaft, beide leiden unter geliebten Frauen, die sich ihnen entfremdet haben. Während Millimaki den Alten im Auftrag des Sheriffs aushorchen soll, spinnt Gload eigene Ränken, denn eine Sache will er in seinem Leben unbedingt noch erledigen ...

Der Blick in den Spiegel

Im Duell messen sich zwei Gegner. Der Preis ist das eigene Leben, weshalb die Konzentration hoch und auf das Gegenüber fokussiert ist. Die Walstatt wird nur einer lebend verlassen. Zielt man mit Pistolen aufeinander, gilt es bis zum regelkonformen Abdrücken zu warten: Ein Duell gewinnt nicht unbedingt der bessere Schütze, sondern der Teilnehmer mit den besseren Nerven.

Nicht jedes Duell endet tödlich. Man kann einander auch mit Worten beharken, den Gegner locken, provozieren, manipulieren, wenn dieser in seinem Hinterkopf Wissen hortet, das in Erfahrung gebracht werden soll. Bleibt Folter aus dem Spiel, sind beide Kontrahenten einander durchaus ebenbürtig, selbst wenn der eine der Gefangene des anderen ist. Das Duell verlagert sich auf die intellektuelle Ebene, kann aber trotzdem erbittert geführt werden.

Für sein Romandebüt wählt Kim Zupan zwei Gegner, die sich selbst gegen jeglichen Verdacht der Intellektualität vermutlich energisch verwehren würden. Dennoch ist zumindest John Gload ein Meister der Manipulation, dem es darüber hinaus gelingt, in seinem Gegenüber freundschaftliche Gefühle zu wecken, die von ihm erwidert werden.

Dabei könnte es auf den ersten Blick kaum unterschiedlichere Charaktere geben. Während er sonst drastische Gewaltszenen meidet, schildert Zupan einmal und exemplarisch den Berufskiller Gload bei der "Arbeit". Er zeichnet das Bild eines kontrollierten Psychopathen, der einerseits keine Freude am Töten und Verstümmeln hat, während es ihm andererseits keinerlei Probleme bereitet. Valentine Millimaki ist zwar ein Gesetzeshüter und in Freiheit, aber doch klar im Nachteil, weil ihm die gleichmütige Unerbittlichkeit Gloads fehlt.

Nichtsdestotrotz sind die beiden Männer Spiegelbilder. Gload erkennt es instinktiv, während Millimaki die Erkenntnis lange leugnet. Der Originaltitel deutet die grundsätzliche Schnittstelle an: "Ploughmen" waren sie einst beide, d. h. Farmer, die mit dem Pflug fruchtbares aber störrisches Land bearbeiteten und glücklich dabei waren, bis persönliche Schicksalsschläge sie ihrer Lebensbasis beraubten.

Die Suche nach dem verlorenen Frieden

Seither sind sie wurzellos, was sich bei beiden vor allem in einer Schlaflosigkeit äußert, die ihnen allmählich die Widerstandskraft raubt. Millimaki und Gload sind längst Fremde im eigenen Leben. Sie wissen es, können es aber nicht artikulieren, bis sie sich treffen: Nur sie verstehen eine gemeinsame Sprache, deren Worte eine Verständnisebene erreichen, die sich ausschließlich ihnen erschließt.

Die Isolation raubt ihnen auf Dauer die Lebensfreude. Beim abgehärteten Gload hat es ein halbes Jahrhundert gedauert, aber als er den einzigen Menschen verliert, der ihm etwas bedeutet, gibt er auf. Zweimal bietet sich ihm die Möglichkeit zur Flucht, zweimal lässt Gload sich widerstandslos verhaften: Das Leben, wie er es lebenswert fand, ist für ihn vorbei. Nun gilt es nur noch, es "zu Ende zu bringen", wie er es mehrmals ausdrückt.

Auch Millimaki steckt in einer Beziehungskrise. Er ist ein verschlossener Mensch, der am besten in der freien Natur funktioniert. Dort stöbert er zwanghaft verschollenen Wanderern und Ausflüglern hinterher, die er immer nur tot findet. Seinen Kummer und dessen Wurzeln - Millimakis Mutter ist aus einer lieblosen Ehe in den Selbstmord geflüchtet - verschließt er in seinem Inneren. Seiner Frau hat er sich dadurch entfremdet; sie zieht schließlich aus und streicht ihn aus ihrem Leben.

Gload ist in entsprechender Situation auf die ihm einzig bekannte Art aktiv geworden. Auch Millimaki will er während seiner kurzen "Flucht" zunächst mörderisch die "Freiheit" verschaffen, begnügt sich aber mit einer Andeutung, die in der Tat ausreicht: Millimaki zieht einen Schlussstrich - unter seine Ehe und seinen Job.

Verhaltene Spannung

Nicht das Duell steht für den Verfasser im Vordergrund. Er nutzt es als Treibriemen für eine Handlung, die das Hauptgewicht auf die Figurenzeichnungen legt. Deshalb gibt es keine Verfolgungsjagden, keine grausigen Mordszenen, keine intensiv geschilderten Ermittlungen. Meist spielt die Handlung im Gefängnis. Gload und Millimaki sitzen sich - nur getrennt durch das Gitter - gegenüber und duellieren sich mit Worten. Selbst dabei fehlt jeder kriminalistische Unterton. Nicht einmal der Sheriff erwartet, dass Millimaki den Killer ausholt. Dieser Ehrgeiz treibt einen unsympathisch geschilderten Arbeitskollegen, den Zupan sehr realitätsfern einsetzt, um Gload jene "Flucht" zu ermöglichen, die dieser zur Regelung seiner Angelegenheiten nutzt.

Die Spannung in dieser Geschichte entsteht allein aus der behutsamen, verschlüsselten Annäherung der beiden Hauptfiguren - oder auch nicht. Zupan beherrscht einerseits die Stilmittel, die notwendig sind, eine elegische Stimmung zu schaffen. Anderseits übertreibt er es oft und schwelgt in Charakterstudien oder lyrischen Landschaftsbeschreibungen, die er in ihrer Symbolträchtigkeiten so stark überlädt, dass sie ins Kitschige umschlagen. In diesen dichten Sequenzen tritt die Handlung außerdem so offensichtlich auf der Stelle, dass sich Langeweile einstellt, zumal sich einschlägige Passagen mehrfach wiederholen.

Der ernsthafte Literaturkritiker dürfte dies natürlich anders bzw. gerade in dieser konsequenten Abkehr vom handlungsbetonten Thriller den wahren Wert dieser Geschichte sehen. Dem kann man sich anschließen, muss es aber nicht, da die Allgegenwärtigkeit von Melancholie, Resignation u. a. Seelenschmerzen auch wortstark beschworen den Leser in seiner Meinungsfindung nicht einschüchtern sollten. Darüber hinaus nimmt diese Geschichte bei nüchterner Betrachtung einen durchaus bekannten Verlauf. Selbst das abermals vor Mehrdeutigkeit förmlich triefende Finale bildet keine Ausnahme. Was im Kino á la "No Country for Old Men" gut funktioniert, lässt einen Leser womöglich kalt.

Die rechte Hand des Todes

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Letzte Kommentare:
03.04.2015 13:47:24
Heino Bosselmann

Heino Bosselmann

DER ACKERMANN ALS TOD

Literarisch lässt sich nur das Beste über diesen „Thriller“ sagen. So es denn einer ist. Wenn ja, dann ein sehr leiser, im Adagio des flachen und tristen amerikanischen Präriewestens, wo ja wohl, literarisch vorzugsweise im Krimi-Genre gestaltet, das beschädigte Leben zu Hause ist, von dem von Cormac McCarthy bis James Lee Burke und Joe R. Landsdale bereits eine Menge Fallbeispiele sehr eindrucksvoll beschrieben sind.

Kim Zupan geht es im Kern um eine zunächst sehr asymmetrisch anmutende Freundschaft zweier chronisch Schlafloser. Der eine ein ausgebrannter Polizist, der recht junge und lebensungeschickte Deputy Val Millimaki, in seiner Ehe wie im Leben weitgehend gescheitert, ein trauriger Melancholiker, der den Umgang mit den im Dienst aufgefundenen Leichen unkomplizierter findet als die Gesellschaft der Lebenden. Keiner dieser kraftmeiernden sadistischen Bullen also, im Gegenteil, einer von den hilflos Sentimentalen, die sich eher an ihren Hund halten als an die lauten großmäuligen Kollegen. - Der andere so etwas wie ein Killer im Knast-Ruhestand, aber ebensowenig ein typisches Exemplar seiner Branche, sondern das Ergebnis einer tragischen Biographie, nicht pathologisch oder durchgeknallt, sondern jemand, der angesichts schlimmer Erfahrungen schließlich im Tod den großen Vereinfacher von Umständen erkannt hat. Interessant: Dieser hünenhafte alte John Gload ist von seinem Aufwachsen her ein sehr natürlich empfindender leidenschaftlicher Ackermann, einer, den es zur Erde drängt, nur ergab es sich für sein Leben nun mal so, dass er die mit Leichen statt Früchten bestellt. Insofern wäre der Originaltitel „The Ploughman“ (etwa: „Der Pflüger“) weit treffender als das reißerische „Die rechte Hand des Teufefs“. Vom Teufel nirgendwo eine Spur. Das Grausame besteht gerade darin, dass es schlüssig erklärbar erscheint.

In der Affinität zum Tod als als ultimativem Vollender kommen sich der Mörder und der Polizist nah und sitzen sich einander des Nachts an den Gitterstäben eines doch stets bühnenbildhaften Ami-Knasts gegenüber. Unter den surrenden Leuchtstoffröhren protokollieren sich gegenseitig ihr Leben, nehmen Anteil am anderen und finden dadurch Zutrauen.

Von diesen Sitzungen aus finden gewissermaßen Exkurionen statt. Der junge Deputy spürt mit seinem Spürhund Tom Leiche auf Leiche auf; der alte Mörder erledigt – noch einmal geflohen – letzte wichtige Aufgaben und bereitet sogar ein so stilles wie eindrucksvolles Vermächtnis vor, für das der Polizist nolens volens gar zum Erfüllungsgehilfen wird. Verbrechen und Gesetz, Alter und Jugend verschränken sich so auf besondere Weise.

Doch, doch, es gibt schon Spannung und Action, aber eher kurz und eruptiv dramatisch. Dann wieder das weite, schwermütig stimmende Land, der duftende Beifuß in den Bergen, der enge Knast. Alles sehr schön und in Moll durchkomponiert, überaus atmosphärisch und so kunstvoll, dass man emotional wie unbemerkt mal wieder auf die Seite des Täters wechselt, dessen Zwangsläufigkeiten mindestens versteht, ebenso wie der Polizist wider Willen zum Freund des traurigen Ackermanns Tod wird und ihn in dessen wildem Obstgarten schließlich verabschiedet.

Man erwarte also keine Materialschlachten des Horrors, sondern vielmehr die ruhige Handarbeit des Totengräbers, keine Sinfonie des des Grauens, dafür die leise Mundharmonika-Musik der letzten Dinge.

Ausgezeichnete Literatur. Sicher nichts für jene, die mit der üblichen Thriller-Stapelware vertraut sind und Knalleffekte oder gar Monster aus der Wand erwarten.