Das Haus der tausend Augen

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • München: Droemer, 2015, Seiten: 448, Originalsprache

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Andreas Kurth
Der harte Kampf gegen Big Brother

Buch-Rezension von Andreas Kurth Okt 2014

Als stellvertretender Stabschef im Weißen Haus ist Gary Golay dafür verantwortlich, dem Präsidenten die Mehrheit für eine wichtige Abstimmung im Kongress zu organisieren. Es geht dabei um den besseren Schutz der Privatsphäre im Internet - Präsident Ward will damit einen bleibenden Eindruck für die Geschichtsbücher hinterlassen. Doch Gary wird überraschend von der Polizei verhaftet und des Mordes an einer Prostituierten verdächtigt. Aufgrund der scheinbar unwiderlegbaren Beweise bekommt auch seine Frau ernsthafte Zweifel. Hilfe in der alptraumhaften Situation sollen Anwalt Thibault Stein und seine Assistentin Pia Lindt leisten, die von Garys Ehefrau mit der Verteidigung ihres Mannes beauftragt werden. Die beiden Juristen finden mit ihren hartnäckigen Recherchemethoden seltsame Verbindungen zwischen der Bundespolizei FBI und der nationalen Sicherheitsagentur NSA. Es scheint eine Verschwörung zur Verhinderung des Gesetzes zu geben, das insbesondere die NSA drastisch in ihren Möglichkeiten beschneiden würde. Die Spuren führen in höchste Regierungskreise – und da wird die Luft auch für Stein und Lindt ziemlich dünn.

Marsch in den Überwachungsstaat

Nach zwei eher klassischen Thrillern wagt sich Ben Berkeley mit seinem neuen Roman Das Haus der tausend Augen in den Bereich der amerikanischen Innenpolitik. Idee und Plot sind ihm dabei durchaus gelungen, die Ausführung dieses Polit-Thrillers kann dann allerdings mit den Meistern des Genres nicht so ganz mithalten. Das Oberthema – der Marsch in den Überwachungsstaat und heftige politische Widerstände dagegen – ist seit einiger Zeit immer mal wieder in den Medien, und Berkeley ist nun wahrlich nicht der einzige Autor, der diese Problematik in einem Roman aufgreift. Er hat dabei eine durchaus gelungene Mischung aus klassischem Kriminalroman und Polit-Thriller zu Papier gebracht. Neben der an sich schon lesenswerten Geschichte sind Anwalt Thibault Stein und seine Assistentin Pia Lindt wie in den Vorgänger-Romanen des Autors die Stars – stehen jedoch nicht so im Vordergrund wie gewohnt.

Prozessordnung als Leckerbissen

Die Protagonisten werden hier nur knapp vorgestellt, wer sie aus den zwei anderen Büchern nicht kennt, mag manche Passagen nicht so genießen wie ich - aber Stein und Lindt kommen mit ihren Eigenheiten durchaus genügend zur Geltung. Ein Leckerbissen ist in meinen Augen die so genannte "Prozessordnung" von Thibault Stein – das sorgt bei aller Spannung für mehr als angenehme Auflockerung. Bringt zuweilen aber auch neue Wendungen im Prozess, oder leitet sie zumindest ein. Neben den beiden juristischen Profis, die wieder mit einigen überaus geschickten Winkelzügen zu überzeugen wissen, auch außerhalb des Gerichtssaals, steht Gary Golay im Mittelpunkt. Er wird als sympathischer Idealist geschildert, der sich nie im Leben vorstellen könnte, zum Opfer einer derart finsteren und hinterhältigen Verschwörung zu werden. Seine politische Karriere wird durch die Machenschaften des Geheimdienstes und der Bundespolizei förmlich pulverisiert, und auch das Vertrauen seiner Familie wird gezielt ausgehöhlt.

Story liegt ziemlich dicht an der Realität

Der Präsident ist zwar von Garys Unschuld überzeugt, kann in dieser Geschichte jedoch nichts für seinen stellvertretenden Stabschef unternehmen. Die Macht des angeblich mächtigsten Mannes der Welt wird hier als eng begrenzt dargestellt. Seine Berater haben enormen Einfluss, der durch geschickt geknüpfte Allianzen gepflegt und ausgeweitet wird. Diese Einblicke in das Regierungs- und Rechtssystem der USA mögen manchem Leser übertrieben vorkommen. Wer allerdings die eine oder andere politikwissenschaftliche Analyse dazu gelesen hat, oder mal einen Blick in eines der Bücher von Bob Woodward wirft, wird feststellen, dass diese Passagen nicht nur spannend, sondern auch aufschlussreich sind. Beim Thema Datenspeicherung und grenzenlose Überwachung wird von Ben Berkeley ziemlich dick aufgetragen, aber auch hier gibt es seit Edward Snowden entsprechende Veröffentlichungen, die zeigen, dass der Autor mit diesen Passagen ziemlich dicht an der Realität liegt. Die National Security Agency ist eine sammelwütige Datenkrake – und die gespeicherten Informationen geben den Geheimdiensten eine ungeheure Macht.

Ben Berkeley pflegt auch in seinem neuen Roman wieder seinen flüssigen Stil, das Buch ist angenehm zu lesen, und die relativ kurzen Kapitel belassen den Spannungsbogen auf einem permanent hohen Niveau. Hilfreich für die Orientierung bei den schnellen Wendungen sind die Zeit- und Ortsangaben am Beginn jedes neuen Abschnitts. Der Plot ist wirklich spannend, aber an der einen oder anderen Stelle hätte ich mir etwas mehr Originalität gewünscht. Zu früh wird ziemlich deutlich, dass Gary Golay im Grunde keine Chance gegen den Machtapparat hat. Immerhin bleibt die Frage, wer hinter der ganzen Sache steckt, wer die Gegner des stellvertretenden Stabschefs und des Gesetzesvorhabens sind. Im Finale vermag der Autor dann doch nochmals zu überraschen, und man fühlt sich als Leser glänzend unterhalten.

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