Der Sohn

  • Hörbuch Hamburg
  • Erschienen: Januar 2014
  • Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2014, Übersetzt: Sascha Rotermund
Der Sohn
Der Sohn
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Andreas Kurth
95°

Krimi-Couch Rezension von Andreas Kurth Sep 2014

Ein Drama der besonderen Art

Im Osloer Hochsicherheitsgefängnis Staten hat Sonny Lofthus seit Jahren einen besonderen Status. Er sitzt zwar für Morde, die er nicht begangen hat, aber seinen Mitgefangenen ist er eine Art Beichtvater. Sie reden sich bei ihm alles Mögliche von der Seele und erhalten dafür eine Absolution von dem jungen, drogenabhängigen und schweigsamen Mann. Dadurch hat Lofthus massenhaft Informationen über die kriminelle Welt von Oslo gesammelt. Als er genug Background zum angeblichen Selbstmord seines Vaters, des Polizisten Ab Lofthus, zusammen hat, bricht er mit Hilfe eines Mitinsassen aus Staten aus und startet eine gnadenlosen Rachefeldzug. Er rechnet mit allen ab, die für sein Leid der vergangenen Jahre mitverantwortlich sind. Wohlüberlegt, unbarmherzig und auch mutig gibt Sonny der Polizei einige Rätsel auf. Dazu gehört auch die Frage, wer seinerzeit der Maulwurf in den Reihen der Ermittlungsbehörden war. Ab Lofthus – oder doch ein anderer? Kommissar Simon Kefas und seine neue Partnerin Kari Adel haben jedenfalls große Schwierigkeiten bei ihren Ermittlungen, finden nur langsam brauchbare Hinweise und Zeugenaussagen. Das Netz um Sonny zieht sich nur schrittweise zusammen – der Fall wird im dramatischen Finale auf überraschende Wese gelöst.

Ein verstörend sympathischer Mörder

Jenseits der Harry-Hole-Reihe zeigt Jo Nesbø mit diesem neuen Roman einmal mehr, was für ein großartiger Geschichtenerzähler er ist. Fast schon verstörend wirkt dabei, dass er mit Sonny Lofthus einen Mörder skizziert, der beim Leser durchaus Sympathie findet. Der sich als Rächer betätigende Junkie wird als charismatische Persönlichkeit dargestellt, der zudem ein berechtigtes Anliegen hat. Denn es geht ihm um Gerechtigkeit – für sich selbst, und vor allem für seinen Vater. Der wurde verdächtigt, der Maulwurf in den Reihen der Polizei gewesen zu sein, denn nach seinem angeblichen Selbstmord hörte die Tätigkeit dieses unerkannten Spitzels auf. Der Sohn setzt sich jetzt gegen die Ungerechtigkeiten der vergangenen Jahre zur Wehr, und das mit höchst drastischen Mitteln. Die Medien spielen bei der ganzen Inszenierung für die Öffentlichkeit ihre eigene Rolle, aber auch Polizei und Politik sind involviert. Da macht der Autor im Grund ein weiteres Fass auf, ohne diese Aspekte zu sehr zu betonen.

Zusammenhänge erschließen sich nur schrittweise

Simon Kefas und Kari Adel spielen als höchst ungleiches Ermittlerpaar eine ganz spezielle Rolle, sind aber neben Lofthus nur weitere Hauptpersonen. Der altgediente Kommissar und seine junge Kollegin brauchen nur wenige Tage, um sich aufeinander einzuspielen. Die Dialoge der beiden sind überaus unterhaltsam, und die ernsthaften privaten Sorgen von Kefas werden erfreulich "nebenher" geschildert. Der Leser hat vor den beiden Ermittlern stets einen Wissensvorsprung, da die neuen Taten von Lofthus jeweils begleitet werden. Die Zusammenhänge erschließen sich dennoch nur schrittweise – das kennt man von Nesbø nur zu gut. Der Sohn weiß aber offenbar ganz genau, was er will und wen er noch auf der Liste hat. Er geht zielgerichtet und gnadenlos vor – die spezielle Rolle, die Simon Kefas in der ganzen Geschichte spielt, wird dabei immer deutlicher. Ab Lofthus war sein Kollege und bester Freund, die beiden haben auch privat eine gemeinsame Vergangenheit. Die Motivation von Kefas ist also besonders ausgeprägt. Mehr kann und darf ich dazu nicht schreiben, aber es gibt so einige dicke Überraschungen in dieser Geschichte.

Ein überzeugendes Gesamtensemble

Auf jeden Fall schafft es der Autor einmal mehr, seine Leser von Beginn an zu fesseln. Mit einem gut durchdachten Plot, mit interessanten Protagonisten, denn auch die Nebenfiguren sind sorgfältig und authentisch gestaltet. Als Beispiel sei nur der Penner genannt, der Sonnys Klamotten "bewacht". Jo Nesbø hat hier ein Gesamtensemble aufgebaut, das in meinen Augen einfach überzeugend ist. Die Spannung wird auch dadurch gesteigert, das nach der immer wieder eingestreuten Action ruhigere Passagen folgen, die meistens mit scheinbar neuen Spuren für die Ermittler verbunden sind, oder dem Leser weitere Erkenntnisse bringen, die eben nicht immer von den Polizisten geteilt werden. Man sollte diesen Roman mit seinen völlig neuen Figuren nicht mit der Harry-Hole-Reihe vergleichen, denn ich finde, Kefas und die anderen Figuren verdienen eine ganz eigene Sichtweise. Das Buch ist nach meiner Auffassung auf dem gleichen hohen Niveau wie die vorherigen Werke von Jo Nesbø. Absolut lesenswert – und man sollte, der Hinweis muss mal wieder sein, an einem Wochenende oder im Urlaub mit der Lektüre beginnen. Zwangsweise Unterbrechungen führen sonst nur zu Unmut und mangelnder Konzentration bei der Arbeit.

Der Sohn

Jo Nesbø, Hörbuch Hamburg

Der Sohn

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