Wovon die Wölfe träumen

Erschienen: Januar 2002

Bibliographische Angaben

  • Paris: Julliard, 1999, Titel: 'A quoi rêvent les loups', Seiten: 274, Originalsprache
  • Berlin: Aufbau, 2002, Seiten: 331, Übersetzt: Regina Keil-Sagawe
  • Berlin: Aufbau, 2003

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Buch-Rezension von Evz Evz Mai 2003

Nafa Walid, ein junger Mann aus kleinen Verhältnissen möchte hoch hinaus. Er lebt gemeinsam mit seinen Eltern - sein Vater war früher Eisenbahner gewesen, seine Mutter Hausfrau - und seinen vier Schwestern in bescheidenen Verhältnissen in der Altstadt von Algier. Die Handlung setzt ein in den Anfängen der 90er Jahre.

Immer schon war Nafa ein Träumer gewesen, dessen höchstes Ziel es war, zum Film zu gehen. Nach Beendigung der Schule gelang es ihm tatsächlich bei einer kleinen Filmproduktion eine Rolle zu bekommen. Weiter ging es dann aber erstmal nicht. Sein bester Freund Dahmane, der nach der Schule ein Studium begonnen hatte und langsam, aber sicher tatsächlich zu einem "besseren Leben" kommt, verschafft Nafa immer wieder Stellen, die dieser aber immer wieder verlässt, da sie ihn von seinem Traumziel entfernen; bis er endlich die Chance bekommt, als Chauffeur einer reichen Familie zu arbeiten. Hier erhofft er sich nun den ersehnten Zugang zu den "richtigen" Leuten, zur Film- Theater und Kulturwelt.

Bald schon muss er aber erkennen, dass die High Snobiety Familie erstens gar nicht so kulturell ambitioniert ist und dass sie sich zweitens überhaupt nicht für ihren Chauffeur interessieren. Er soll fahren können, zu jeder Tages- und Nachtzeit und ansonsten möglichst wenig auffallen. Trotz seiner Desillusionierung hält Nafa an diesem Job fest, immerhin verdient er nicht schlecht und lebt in einer angenehmen Umgebung.

Bis eines Tages etwas Schreckliches geschieht: eine der zahlreichen jungen "Gespielinnen" des jungen Hausherrn ist an einer Überdosis Heroin gestorben - nun soll der Skandal vertuscht werden. Nafa und der Leibwächter des Junior-Chefs sollen die Leiche verschwinden lassen. Als er dann auch noch mit ansehen muss, wie der Körper der Toten entsetzlich verstümmelt wird, um eine Identifizierung unmöglich zu machen, rastet er aus. Hals über Kopf flieht er und kehrt zurück ins Haus seiner Eltern.
Dort vergräbt er sich, spricht mit niemandem und wird depressiv. Keiner, weder seine Familie noch sein Freund Dahmane kann ihm helfen. Erst als er eines Tages den Weg in die Moschee findet, erfährt er dort Kameradschaft und so etwas wie inneren Frieden. Vor allem ist es aber wohl das Gefühl, wahrgenommen zu werden, dass Menschen sich über sein Erscheinen freuen und ihn für wichtig halten, das ihn wieder etwas aufrichtet.

Als er sich dann auch noch in die Schwester eines Glaubensbruders verliebt und von einer Heirat mit ihr träumt, scheint ein gutes Leben plötzlich wieder möglich zu sein. Doch noch bevor er seinen Heiratsantrag anbringen kann, wird die junge Frau von ihrem eigenen Bruder getötet, da sie es gewagt hatte, gegen seinen Willen an einer Frauendemo gegen die Unterdrückung von Frauen durch die Islamisten teil zu nehmen.

Doch anstatt dass dieses traumatische Erlebnis Nafa die Augen öffnet über den Fanatismus zumindest einiger seiner Mitbrüder trägt es eher noch zu seinem Fatalismus bei. Für ihn ist es einfach ein weiterer Beweis dafür, dass ihm sowieso nie etwas gelingt. Ohne große Überzeugung bleibt er weiter bei seiner Glaubensgruppe, die sich zunehmend radikalisiert. Während sein Freund ein immer bürgerlicheres Leben führt mit eigener Wohnung, gutem Beruf, Ehefrau (eine Intellektuelle) und Kind, fühlt sich Nafa bei den Besuchen dort immer fremder. Halt und Trost bieten ihm zunehmend seine Moslembrüder.

Nein, ich werde nun nicht jedes Ereignis und jede weitere Wendung aufzählen, die die Entwicklung Nafas beeinflusst hat; denn es sind viele kleinere Gründe zusammen genommen: hier noch eine menschliche Enttäuschung, da eine Art religiöses Erweckungserlebnis, hier ein menschlicher und verständnisvoller Imam und dort ein besonders grausamer Übergriff von Seiten der Polizei gegen Demonstranten.

Viele dieser Ereignisse, aber auch etwas, das sich vielleicht mit dem Begriff Zeitgeist umschreiben lässt oder besser mit "gerade zur falschen Zeit im falschen Stadtviertel unter den falschen Leuten leben" führen zur Wandlung von Nafa, dem naiven, aber netten Träumer zu einem Angehörigen der FIS (Front Islamique de Salud) bzw. deren bewaffneter Arm, der GIA.

Auch wenn er noch in der Mitte des Buches sagen wird, dass er zwar bereit sei, für seinen Glauben zu sterben, aber nicht zu töten, weiß der Leser, dass dieser Vorsatz nicht lange anhalten wird.
Einige Seiten später schon tröstet ihn ein Mitkämpfer, ein Mudjadid: "Ich weiß, beim ersten Mal ist es noch schwer, aber nach dem dritten spürt man es kaum mehr". Man kann sich denken, was damit gemeint ist.

Das Ende ist nicht überraschend, denn schon auf der ersten Seite des Buches wird der Leser quasi in das grauenhafte Finale hineingeworfen, so schließt Khadras Roman damit: einem blutigen gewalttätigen Chaos!

Dem halbwegs aufmerksamen Zeitungsleser wird sicher nicht entgangen sein, dass in Algerien absolut entsetzliche Massaker, Aufstände und immer wieder Bürgerkrieg und das nun schon seit vielen Jahren an der Tagesordnung waren. Sicherlich bietet dieses Buch dem politisch und historisch interessierten Leser nicht wirklich Neues, man erfährt tatsächlich sogar sehr wenig Konkretes.

Dass die FIS gegen die Regierung kämpfte, dass sich die Islamgruppen untereinander zersplitterten und genauso erbittert und blutig bekämpften, dass auch die Polizei und Armee Algeriens mit sehr harten Bandagen und ganz sicherlich nicht immer fair verfuhr, dass es immer wieder zu Bombenanschlägen, terroristischen Übergriffen auf die unschuldige Bevölkerung kam, all das war mir sehr wohl bekannt. Zugegeben, in der letzten Zeit hört und liest man nicht mehr gar so viel über Algerien, aber gar so kurz ist ja unser Gedächtnis auch nicht Khadra setzt dieses Minimalwissen nicht voraus, sondern es wird einem durch den Roman wie nebenbei nahe gebracht, aber darüber hinaus habe ich nicht viel mehr erfahren, als ich schon vorher wusste.

Die Stärke des Buches liegt also nicht so sehr in der Wissensvermittlung (da hätte er ruhig ein bisschen fundierter werden können) als in der Art wie er die innere Entwicklung des jungen Mannes beschreibt. Mir ist beim Lesen des Romans schon einiges klarer geworden, was ich mir vorher nicht so gut vorstellen konnte.

Gerade die Stellen in denen Nafa durch den Druck (es gibt ja nicht nur Zwang, sondern durchaus als positiv empfundenen Gruppendruck) seiner Kampfgruppe zu Handlungen verleitet wird, die er sich früher nie hätte vorstellen können, sind stark. Spannend und interessant lesen sich auch die Erlebnisse im Untergrund, im Maquis.

Dennoch hat das Buch eine ganz entscheidende Schwäche: Nafa kommt einem - zumindest mir nicht - wirklich nahe. Sehr oft hatte ich das Gefühl, dass wichtige Schritte von einer Entwicklungsebene zur nächsten nur sehr schwammig angesprochen werden, dass oft etwas fehlt. So konnte ich die Reaktion Nafas auf die Tötung seiner Geliebten nicht wirklich verstehen, sie wird auch nicht erklärt. Ebenso verhält er sich später im Untergrund oft dermaßen passiv und schicksalsergeben, dass dann der Punkt, an dem er plötzlich (scheinbar) mächtig wird und sich nun völlig anders verhält, unlogisch erscheint.

Leider gibt es in dem Roman einige solcher nicht überzeugenden Übergänge, auch werden die allermeisten Figuren nur angerissen, sie wirken wie skizziert, aber nicht ausgearbeitet. Die Schwestern Nafas beispielsweise kann ich mir grob vorstellen, sie werden durchaus als einzelne Persönlichkeiten gezeichnet, aber eben nur ganz kurz und oberflächlich.

Vom Stil her ist "Wovon die Wölfe träumen" demzufolge leicht zu lesen, flüssig und stellenweise sehr spannend. Auch gelingt es dem Autor, Mitgefühl und Emotionen zu wecken. Sehr kunstvoll ist er aber nicht, manchmal gibt es allzu grobe Übergänge und einige der Ausdrücke und Bilder sind recht klischeehaft.

Einerseits fand ich die Lektüre sehr lohnend, ein wirklich interessantes und wichtiges Thema wird angesprochen. Auch habe ich "Wovon die Wölfe träumen" auf einen Satz ausgelesen und fand es während des Lesens richtig packend und gut. Andererseits fallen mir mit etwas Abstand dann doch die erwähnten Schwächen auf.

Ich möchte dennoch eine Empfehlung aussprechen, mit der Bitte verbunden: Wer sich intensiver und auf einem literarisch höheren Niveau mit Algerien und seiner Geschichte befassen möchte, möge doch bitte Frau Assia Djebar lesen.

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