Die andere Hälfte der Hoffnung

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • München: audio media verlag, 2014, Seiten: 5, Übersetzt: Ulla Wagener und Axel Wostry

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Till Raether
Tschernobyl: Alptraum ohne Erwachen

Buch-Rezension von Till Raether Aug 2014

Zwei junge Ukrainerinnen verlassen ihre Heimat, sie hoffen auf Studienplätze in Deutschland. Tatsächlich werden sie von Menschenhändlern verschleppt. Der einen gelingt die Flucht auf den Hof eines verwitweten, eigenbrötlerischen Bauern. Die anderen verschwindet im Sumpf der Zwangsprostitution. Ein ukrainischer Kommissar, dessen Dienststelle von Korruption und Angst gelähmt ist, ermittelt auf eigene Faust in Deutschland, um die Frauen zu finden. Währenddessen wartet in der verbotenen Zone bei Tschernobyl eine Mutter verzweifelt auf Nachricht von ihrer Tochter. Um ihre Hoffnung am Leben zu erhalten, schreibt sie ihre Lebensgeschichte vor und nach dem Reaktorunglück 1986 auf und offenbart dabei nach und nach die düsteren Hintergründe einer ohnehin verstörenden Schicksalsgeschichte.

Wo soll man anfangen, die fortwährende Kunstfertigkeit von Mechtild Borrmann zu beschreiben und zu preisen? Sind es die knapp, präzise und eindringlich gezeichneten Figuren oder die überraschenden, plastischen Details, die den dunklen Zauber von Die andere Hälfte der Hoffnung ausmachen? Die elegant verwertete und offenbar äußerst sorgfältige Recherche vor Ort in der Ukraine? Der angenehm pragmatische Erzählton, den sie immer wieder durch poetische Bilder aufbricht? Klar, das hängt alles zusammen: die Recherche liefert die Details, die Details machen's plastisch und poetisch, und so weiter. Trotzdem bleibt es wunderbar rätselhaft: Wie gelingt es ihr, aus dermaßen klischeebedrohten Figuren (verzweifelte Zwangsprostituierte, kauziger Bauer, rechtschaffener Bulle) Menschen zu zeichnen, die sich vor lauter Lebensechtheit von den Buchseiten zu schälen scheinen?

Zum Beispiel Walentyna, die unglückliche ukrainische Mutter am Rande der Resignation. Borrmanns Buch spielt 2010, Walentyna ist zurückgegangen in die "Entfremdungszone", den Bannkreis um das havarierte Kernkraftwerk Tschernobyl. Wo sie zu Sowjetzeiten ihr Lebensglück fand und wieder verlor, und von wo sie 1986 vertrieben wurde. Ihre als Brief an die verschwundene Tochter angelegte Lebensbeichte stellt, übers Buch verteilt, die fürwahr nicht unspannende Krimihandlung in den Schatten: wie sich die Vertuschung des Reaktorunglücks und seine Auswirkungen auf Walentynas Familie übers Buch entfalten, ist atemberaubend. Eben auch dank der Details: die Straße in die Stadt, die wieder und wieder geteert wird, bis sie die Höhe des Bürgersteigs erreicht hat und der Bordstein verschwunden ist. Um das Aufwirbeln radioaktiven Staubs zu verhindern.

Herausragend sind auch die Bordellszenen, wenn der bodenständige Bauer sich auf die Suche nach der vermissten Freundin der jungen Ukrainerin macht, die er bei sich versteckt. Sie folgen nicht der sentimentalen Verlaufsform gängiger Puffgeschichten: auch der Bauer hat unter der rauen Schale nicht das klischeehaft reine Herz aus Gold, sondern ist eine vielschichtige, widersprüchliche Figur. Und dem grundsympatischen ukrainischen Kommissar Leonid fehlt irgendwann an einer kleinen, aber psychologisch entscheidenden Stelle der Mut, was ihn davor rettet, zum langweiligen Rächer der Verschleppten zu werden.

Nicht alle von Borrmanns Sprachbildern sind gelungen ("Fragen stapelten sich in seinem Mund"), manche sind Geschmackssache ("Die Tage werden zäh in die Stille tropfen wie kalter Honig"). Wenn man dem Buch aber etwas vorwerfen möchte, dann vielleicht, dass die Stimmen der Figuren einander sehr ähnlich sind. Die melancholische Poesie, mit der Walentyna in ihr Tagebuch schreibt, ähnelt dann doch sehr der poetischen Melancholie von Borrmanns Erzählstimme. Aber das schmälert nicht das Lesevergnügen, es verstärkt eher den Eindruck, das Buch sei aus einem Guss. Geschenkt auch, dass Kommissar Zufall die eine oder andere unbezahlte Überstunde schieben muss. Schwerer wiegt vielleicht, dass die Schuldigen in Borrmanns schemenhaft bleiben. Sie haben Namen und Gesichter und Leonids Fall wird schlüssig und nicht allzu erwartbar aufgelöst. Aber die Motive der Handelnden wirken klein, vernachlässigbar neben der großen Schuld, der großen Gier, der großen Schwäche, die alles zu durchdringen scheint: nicht nur einzelne, sondern eine ganze gescheiterte Welt am Rande von Europa.

Ein beeindruckendes, zutiefst pessimistisches Buch, bei dem nur die mühsam bewahrte Menschlichkeit einzelner als halbe Hoffnung bleibt.

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