Die Wut

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • London: Harvill Secker, 2011, Titel: 'The Rage', Seiten: 293, Originalsprache
  • Hamburg: Polar, 2014, Seiten: 315, Übersetzt: Antje Maria Greisiger

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Lars Schafft
Fifty Shades of Grey over Dublin

Buch-Rezension von Lars Schafft Aug 2014

Neues aus dem hohen Norden: Erst vor kurzer Zeit gegründet und sein Heil in deutschsprachiger Literatur gesucht, hat der Hamburger Polar-Verlag neue Wege beschritten. Anglophon geht's auch. Und wie! Mit Gene Kerrigan, dem preisgekrönten Dubliner Journalisten, und dessen mit dem Gold-Dagger-Award ausgezeichnetem Roman Die Wut, beweisen die Nordlichter, wie sehr es sich lohnt, zweimal hinzuschauen. Ein Kriminalroman zwischen den Subgenres, knallhart, fundiert und intelligent, ist den großen Verlagen jahrelang durch die Lappen gegangen.

Ein Polizist, der den Mörder eines erschossenen Bankers sucht. Ein Kleinkrimineller, der seine Chance sieht, nach oben zu kommen - Ladenüberfälle waren gestern, Geldtransporter sind das Morgen. Mittendrin, traurig, allein und doch so wichtig für die Geschichte, da sie ungewollt die Fäden zusammenführt: eine alte Nonne mit schlimmer Vergangenheit.

Das sind die Zutaten, aus denen Gene Kerrigan – kein unbeschriebenes Blatt in seiner Heimat Irland – ein Stew kocht, das sich genauso unappetitlich liest, wie seine kulinarische Vorlage aussieht. Detective Sergeant Tidey ist auf der einen Seite der Gute, aber beileibe nicht gut genug, um seinen eigenen moralischen Ansprüchen zu genügen. Lieber schweigt er, als Kollegen zu verraten, lieber sorgt er für Gerechtigkeit, als sich an die Vorschriften zu halten.

Auf der anderen Seite Vincent Naylor, Kleinkrimineller, gerade erst aus dem Gefängnis entlassen. Aufwärts soll's gehen, so wie mit der irischen Wirtschaft. Eigentlich ein feiner Kerl, wäre da nicht sein Hang zu Verbrechen.

Und mittendrin – unfreiwillig – eine alte Nonne, Tidey bekannt aus einem vergangengen Fall, Zeugin dessen, was Vincent Naylors Fluchtfahrzeug darstellen soll. Ausgerechnet diese Nonne verknüpft diese unterschiedlichen Plots zu einem Sinnbild der irischen Gesellschaft vor einhundert Jahren. Damals, als alles mitnichten gut war, mit dem Jetzt, wo erst recht nichts gut ist.

Dass dies zu einem unerwarteten Zusammentreffen der einzelnen Parteien führen wird, ist unausweichlich, weswegen am Ende nur die Frage übrig bleibt: Wo soll das alles hinführen?

Gene Kerrigans Die Wut ist Noir in Reinkultur, es gibt kein Gut, es gibt kein Böse, kein Schwarz und kein Weiß. Der "gute" Polizist lügt und betrügt und klärt auf, der "böse" Gangster Naylor verbricht und verprügelt, bleibt aber ein anständiger Ehemann. Die Wut ist eine Geschichte über Ausweglosigkeiten, über Entscheidungen, deren Konsequenzen nur falsch oder falsch sein können.

Gutes ist böse, Böses ist gut, und unterm Strich lässt der Autor keine Fragen offen, worum es ihm geht. Die ganz, ganz Bösen sitzen in Etagen weit über den Milieus, weit über den Polizeipräsidien, nämlich dort, wo das große Geld gemacht wird, in den Banken.

Mit knapper wie nüchterner Sprache, akurat übersetzt von Antje Maria Greisiger, fällt Kerrigan ein Urteil über die irische Gesellschaft, dass einem Angst und Bange wird. Profit, koste es, was es wolle, und die Moral bleibt auf der Strecke.

Großartige, zeitgenössische Literatur, insbesondere für die, die zwischen den Zeilen lesen können.

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