Die Lebenden und Toten von Winsford

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Albert Bonniers, 2013, Titel: 'Levande och Döda I Winsford', Originalsprache
  • München: Der Hörverlag, 2014, Seiten: 1, Übersetzt: Eva Mattes, Bemerkung: ungekürzte Lesung

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Almut Oetjen
Wahrheit und präsentierte Fiktion

Buch-Rezension von Almut Oetjen Mai 2014

Die 55-jährige Schwedin Maria Anderson zieht mit ihrem Hund Castor im Spätherbst in das englische Dorf Winsford. Sie lernt manche Bewohner kennen, die ihre Anwesenheit allenfalls kurz hinterfragen. Maria gibt sich als Schriftstellerin aus, die ein halbes Jahr lang zurückgezogen an einem Text arbeiten möchte. Tatsächlich jedoch sind ihre Motive für den Rückzug nach England anderer Natur.

Innenansichten einer Lebensvermesserin

Wie seine schwedische Kollegin Kerstin Ekman schreibt Håkan Nesser überwiegend Kriminalromane (und –erzählungen), die jedoch nur bedingt und selten Genreregeln folgen. Sind die Geschichten um den Ermittler Van Veeteren noch dem Krimi-Sujet eindeutig zuordenbar, scheint dieses Sujet in seinen anderen Büchern oft nur als ein Element auf, das, wie in Die Lebenden und Toten von Winsford auf eine durchgehende Erzählung verweist.
Nesser scheint von der Vorstellung auszugehen, die Geschichten seien alle schon auf die eine oder andere Weise erzählt worden, wichtiger seien die Details, über die er vermittelt, was die Leser über die Figuren und Ereignisse wissen müssen. Dieses Wissen ist aber nie vollständig, oft genug wird nur implizit erzählt, es werden Angebote gemacht, mit denen sich Leser und Leserinnen auseinandersetzen können.

Und so, wie man in Die Lebenden und Toten von Winsford beim Autofahren sich verfahren oder eine falsche Abfahrt wählen kann, lässt sich auch der Roman selbst rezipieren. Strukturiert wird die Fahrt wie auch die Lektüre durch die Angabe von Start- und Zielpunkt, dazwischen gibt es Möglichkeitenräume. Entsprechend konstruiert Maria detaillierte kleine Lügengebilde, vereint sie jedoch nicht zu einem schlüssigen Ganzen, weil ihr dies, so ihre eigene Aussage, zu kompliziert werden dürfte.

Wir erfahren aus Sicht Marias, die in England ihren Ehenamen abgelegt hat, dass sie mit dem Literaturprofessor und Schriftsteller Martin Holinek verheiratet ist. Martin soll eine Frau vergewaltigt haben. Maria verwendet in diesem Zusammenhang wiederholt die Phrase als er die Kellnerin vergewaltigte – oder zumindest sein Sperma auf ihrem Bauch hinterließ. Das Motiv der Vergewaltigung durchzieht den Text und taucht später in einem anderen Erzählzusammenhang in Verbindung mit einem Tötungsdelikt auf. Das Motiv wirkt ebenso Struktur gebend, wie die häufige Verwendung von Ponybildern, Listen (wie Abfragen mit drei Passwörtern) und Phrasen der Qualität "hier oder dort", "dies oder jenes", schließlich Bestandsaufnahmen, kurzen Wetterberichten und Beschreibungen des Zustandes Castors. Bestimmen den Text anfangs Abwägungen, werden diese im Verlauf der Erzählung weniger und geben den Strukturelementen Raum.

Die Lebenden und Toten von Winsford spielt auf zwei Handlungsebenen, die bestimmt sind durch Gegenwart und Vergangenheit, hat zwei Hauptfiguren, Maria und Castor, Handlungsort ist überwiegend England, in geringem Maße Schweden, hinzu kommen wenige Orte in den Erinnerungen Marias. In diesen Erinnerungen, die biografischen Charakter haben und auf indirekte Weise Maria den Lesern verständlich machen, wird eher beiläufig ein Mysterium entwickelt, das einer Auflösung entgegenstrebt. Es beginnt mit Unstimmigkeiten, bis irgendwann ein Ehemann genannt wird, eine mögliche Vergewaltigung, ein Mord. Wir erfahren nur die Gedanken Marias, es gibt keine objektive Erzählinstanz.

Dieses Mysterium wirkt vielleicht in die physische Gegenwart Marias hinein, so, wenn ihr Wagen plötzlich an einsamem Ort seltsame Zeichen aufweist, ein toter Vogel vor ihrer Haustür liegt, oder Castor zwei Tage lang verschwindet, um dann überraschend im Gasthof aufzutauchen, in den er Maria häufiger begleitet. Maria stellt Verbindungen zum Mysterium her, über deren Gehalt sie nur mutmaßen kann.

Maria erweist sich im Verlauf ihrer inneren Monologe, Erinnerungen und Gegenwartsbeschreibungen als eine Lebensvermesserin. Sie argumentiert in Zeiten davor, danach, einer Zeit zwischen zwei Zeiten, verbindet diese Gedanken mit Mutmaßungen, die hinterfragt und gelegentlich korrigiert werden.
Maria denkt nach über die Absurdität von Handlungsalternativen und der Auswahl aus diesem Alternativenpool, verbindet ihre Gedanken mit Vorstellungen von der Idee des Sinnlosen. Sie nimmt minutiöse Konstruktionen von Wirklichkeit vor, insbesondere Beziehungswirklichkeit über eine Art von Beziehungsgrammatik, deren Regeln von einer Person verändert und auf andere Beziehungen wirken können.

Maria formuliert im Verlauf der Erzählung drei zusammenhängende Aussagesätze, die für das Verständnis der Erzählung wichtig sind. "Vorgestern beschloss ich, meinen Hund zu überleben", "Hunde sollten ihre Halter nicht überleben" und "Männer sollten ihre Frauen nicht überleben". Nesser beschreibt die Zweisamkeit Marias und Castors in Momenten wie eine Beziehung zwischen zwei Menschen, die gemeinsamen Wanderungen, Aufenthalte im Gasthof, das morgendliche Erwachen und Frühstück, die gemütlichen Abende in dem nach Schimmel riechenden Cottage. In den Erinnerungen wird die Möglichkeit zweier Morde mit verschiedenen Tätern angedeutet.

Håkan Nessers Die Lebenden und die Toten von Winsford ist in Architektur und Inhalt anspruchsvolle Literatur, die ihre Geschichte nicht über den Plot voranbringt, sondern über eine Vielzahl kleiner Geschichten, Details und Abschweifungen, in psychologisch feinfühliger Weise von einem eher banalen Alltag und manchen schlimmen Dingen erzählt, einiges impliziert, was aus dem Zusammenhang erschließbar ist. Jedenfalls erzählt Nesser keine geradlinige und aktionsreiche Kriminalgeschichte, das Buch kann aber dem Krimigenre zugerechnet werden.

Die Lebenden und Toten von Winsford

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