Funkspruch an Scotland Yard

Erschienen: Januar 1960

Bibliographische Angaben

  • Originalausgabe erschienen unter dem Titel „Trouble Aboard“

    - London : Hutchinson 1957

    - München : Goldmann Verlag 1958 (Goldmanns grosse Kriminalromane K. 154). Übersetzung: Arno Dohm. 205 Seiten. [keine ISBN]

    - München : Goldmann Verlag 1960) (Goldmanns Taschen-Krimi 246). Übersetzung: Arno Dohm. 205 Seiten. [keine ISBN]

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Michael Drewniok
Ratlose Mordermittlung auf hoher See

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2021

Die „Pampas“ ist ein Frachtschiff, das primär die Route Liverpool - Rio de Janeiro befährt. Um den Profit zu steigern, wurden einige Kabinen für zahlende Passagiere eingebaut, die es vorziehen, abseits der großen Passagierdampfer eine geruhsame Überfahrt ohne allzu viele Mitreisende zu genießen.

Kapitän Hogarth ist ein Seebär der alten Schule. Mit den Tücken des Meeres nimmt er es jederzeit auf, doch unter seine Passagiere mischt er sich ungern; feines Benehmen und geschliffene Konversation findet er anstrengend. Seine Offiziere und die übrige Besatzung denken zumindest in einem Punkt anders und hoffen die Anwesenheit möglichst junger Frauen. Dieses Mal werden sie zunächst enttäuscht, denn Mrs. Wilkins ist hässlich und reist mit ihrem Mann, und die selbstsichere Jane Torrens kann sich geile Seemänner problemlos vom Hals halten. Immerhin taucht als blinde Passagierin die junge, hübsche Brenda Cairns auf, die umgehend für Aufregung sorgt.

Ernst wird die Lage, als der Erste Funkoffizier Griffiths über Bord geht. Zwar kann man ihn bergen, aber er war schon tot, wurde erwürgt und ins Meer geworfen. Polizeiliche Hilfe lässt sich auf hoher See nicht anfordern, und als Ermittler ist der Kapitän so überfordert, dass er auf Mrs. Torrens‘ Unterstützungsangebot dankbar eingeht.

Wieso wurde der Funker umgebracht? Hogarths eher stümperhafte ‚Untersuchung‘ stört den Täter auf. Potenzielle Beweise verschwinden, ein zweiter Mordversuch schlägt nur knapp fehl. Nicht nur die Passagiere, auch die Seeleute werden unruhig und murren. Hogarth und Jane Torrens stellen ihre Fragen - direkt der eine, behutsam die andere. An Bord der „Pampas“ gibt es fünfzig gleichermaßen Verdächtige. Alle sind auf dem Schiff quasi gefangen, und der Täter ist nun gewarnt, was ihn - oder sie? - erst recht gefährlich aufstachelt …

Das ultimative „Locked Room Mystery“

Was ist der perfekte „verschlossene Raum“, in dem ein ‚unmöglicher‘ Mord begangen werden kann? Das Genre favorisierte abgelegene Landhäuser, unzugängliche Burgen oder andere Gebäude, die inmitten fußtrügerischer Moore, dichter Wälder oder schneefallbedingt abgeschnittener Örtlichkeiten lagen. Natürlich fiel das suchende Autorenauge auch auf die allseitig vom Meer umgebene Insel.

Von da aus war der Schritt zum Schiff praktisch vorgegeben. (Später kamen das Flugzeug, die Raumstation und  das Raumschiff hinzu.) Es ist die ideale Kulisse für ein Verbrechen, das unbedingt an Bord aufgeklärt werden muss: Sobald der nächste Hafen erreicht ist, wird sich der Täter aus dem Staub machen. Solange die Reise dauert, ist er mit dem Ermittler und einer Gruppe aufgeregter, weil ängstlicher und zorniger Passagiere konfrontiert, die ihm jedoch gleichzeitig Deckung geben.

Es gibt kaum einen berühmten Detektiv, den es im Laufe seiner (literarischen) Karriere nicht auf die hohe See und an Bord eines Dampfschiffs verschlagen hätte. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Siegeszug der Luftfahrt. Zuvor bot das Schiff für Jahrhunderte die einzige Möglichkeit, die Weltmeere zwischen den Kontinenten zu überqueren. Diese Reisen dauerten manchmal Wochen, und sie waren schon deshalb gefährlich, weil die See für böse Überraschungen und Schiffbrüche sorgen konnte.

Notgedrungen unter sich

Hatte man erst einmal abgelegt, war man unter sich. Besatzung und Passagiere blieben zwar getrennt, aber die gemeinsame Heimat auf Zeit war das Schiff. Bis ins 20. Jahrhundert hinein konnte man sich nicht mit dem Land verständigen, und noch lange blieb der Funk eine komplexe Angelegenheit für mitfahrende Spezialisten. Zudem nützten Notrufe nur bedingt, denn es dauerte lange, bis jemand helfend erschien.

Die „Pampas“ unternimmt ihre Reise Ende der 1950er Jahre.. Hier ist die erwähnte Trennung weniger strikt. Abseits der professionellen Seeschifffahrt machen Reisende Abstriche, um kostengünstiger zu reisen. Die Personaldecke ausgebildeter Stewards ist dünn, weshalb auch die Offiziere im Servicebereich aktiv sein müssen. Die Seeleute an Bord haben mehrheitlich die Kriegsjahre er- und überlebt und reagieren auf diese neue Pflicht eher säuerlich.

Thomas Muir ist selbst zur See gefahren. Dass er eigene Erfahrungen einbringt, wird immer wieder deutlich. Es sorgt nicht nur für glaubwürdiges Lokalkolorit, sondern versöhnt auch mit weniger gelungenen Einfällen. Hinzu kommt eine Story, die spürbare Längen aufweist sowie nicht gerade kompliziert ist: Selbst der nicht so erfahrene Krimi-Leser dürfte bald wissen, wer hinter dem Mord-Spuk steckt. Diverse ‚Hinweise‘ streut Muir nicht ein, sondern reibt sie uns eher unter die Nasen.

Kein Genie, sondern ein kluge Frau an Bord

Erneut kann der Autor dies abwettern, indem er uns mit einer interessanten Figurenkonstellation überrascht: An Bord der „Pampas“ reist kein ausgebildeter oder einfach nur genialer Ermittler mit. Kapitän Hogarth und seine Offiziere versuchen ihr Bestes, aber sie scheitern kläglich, was Muir überaus glaubwürdig sowie mit trockenem Humor zu schildern weiß. Als es an Bord brennt, ist Hogarth beinahe erleichtert: Endlich ein Job, von dem er etwas versteht! Grundsätzlich reiht er sich in die Schar seiner Besatzung ein, die sämtlich nicht aus Geistesriesen besteht. Vor allem die ‚einfachen‘ Matrosen und Heizer vertreten jene ulkigen Statisten, die in den an Land spielenden Rätselkrimis für volkstümlichen Humor sorgen. Sie sind abergläubisch, widerspenstig und lüstern, aber sie packen an, wenn es um ihr Schiff geht; notfalls taucht der sauriergroße Bootsmann Hagan auf und sorgt für disziplinfördernden Schrecken.

Die Rettung in der Not ist - weiblich. Jane Torrens ist keine Miss Marple oder Miss Pinkerton, sondern eine emanzipierte Frau, die sich auch gegen raubeinige Seebären durchsetzt. Schritt für Schritt übernimmt sie die ‚Ermittlung‘, die keine ist, weil auch Torrens sich nicht auf kriminalistische Kenntnisse, sondern ‚nur‘ auf ihren gesunden Menschenverstand sowie auf Lebenserfahrung stützen kann. Sie hat im Krieg gedient, ist unabhängig und hat zwei Kinder adoptiert; auf einen Ehemann, der ihr sagt, was sie denken und tun soll, legt sie keinerlei Wert, was sie sehr deutlich zur Sprache bringt.

Als Figur ist Jane Torrens erstaunlich, zumal Muir ansonsten nicht durch fortschrittliches Denken auffällt. Peinlich sind seine küchenpsychologischen, aber zeitgenössischen Ansichten über „sexuell Abartige“ (Homosexuelle) oder „rote Hetzbrüder“ (Anhänger der kommunistischen Partei). Heutzutage bemerkenswert ist auch Torrens‘ Maßregelung der jungen Brenda, die einen tatschwütigen Mitreisenden melden will: Sie solle sich nicht so anstellen; außerdem habe sie dem Strolch eine tüchtige Ohrfeige gegeben, womit die Sache erledigt sei: „Im Grunde ist das nämlich ein Kompliment, klar?“ Die Zeiten haben sich geändert …

Fazit

Als Krimi läuft die Handlung ein wenig schleppend ab. Das jederzeit deutliche, zudem klug in den Dienst der Story eingesetzte seemännische Wissen des Verfassers, die Abwesenheit fallerfahrener Ermittler und die Hauptrolle für eine Frau, die nicht als sonderliche Alte oder Blaustrumpf dargestellt wird, sorgen (ungeachtet diverser zeitgenössischer Vorurteile) ausgleichend für eine unterhaltsame Lektüre.

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