Heilige Mörderin

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Tokio: Bungei, 2008, Titel: 'Seijo no Kyūsai', Originalsprache
  • Stuttgart: Klett-Cotta, 2014, Seiten: 320, Übersetzt: Ursula Gräfe

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Brigitte Grahl
Japanischer Krimi der Extraklasse

Buch-Rezension von Brigitte Grahl Feb 2014

 

"Wenn ihr die theoretische Lösung nicht beweisen könnt", fuhr er fort, "habt ihr verloren. Und ich habe auch nicht gewonnen. Denn dann ist jemandem der perfekte Mord gelungen."

 

Der japanische Sherlock Holmes ist wieder an der Arbeit. Im neuesten Krimi von Keigo Higashino unterstützt erneut der brillante Logiker, Physikprofessor Yukawa, die Polizei bei der Aufklärung eines Mordes. Während im vorherigen Fall Verdächtige Geliebte ein perfektes Alibis geknackt werden musste, steht diesmal ein perfekter Mord im Mittelpunkt.

Der gutaussehende Geschäftsmann Yoshitaka Mashiba ist vergiftet worden. Er hatte eine Geliebte und wollte sich von seiner Frau trennen. Für Inspektor Kusanagi und seine blitzgescheite Assistentin Utsumi kommen nur zwei Verdächtige in Frage: die Geliebte und die Ehefrau. Schnell kristallisiert sich Ehefrau Ayane als Hauptverdächtige heraus. Das Problem: Sie war zur Tatzeit verreist und hat damit ein wasserfestes Alibi. Hat sie einen Trick gefunden, wie sie ihren Ehemann trotzdem vergiften konnte? Utsumi ist von Ayanes Schuld überzeugt und wendet sich um Hilfe an Professor Yukawa. Inpektor Kusanagi kann sich nicht vorstellen, dass Ayane zu so einer Tat fähig ist und sucht nach einem eventuellen anderen Täter. Schließlich finden sich keine Beweise für die Mordthesen, die seine Assistentin Utsumi und sein alter Freund Yukawa entwickeln. Und Frau Ayane unterstützt die Ermittlungen so zuvorkommend. Das kann doch nur jemand, der unschuldig ist, oder?

Wie schon im Vorgänger Verdächtige Geliebte ist auch in Heilige Mörderin wieder eine Frau die Täterin. In Verdächtige Geliebte wurde die Frau durch eine Verkettung unglücklicher Umstände ungewollt zur Mörderin. In Heilige Mörderin ist die Täterin von anderem Kaliber. Sie hat ihre Tat kaltblütig und äußerst clever geplant. Trotzdem ist sie nicht böse im klassischen Sinn, die Beweggründe wecken, wenn schon nicht Mitleid, doch wenigstens Verständnis. Denn Higashinos Krimis sind auch Kritik an der Rolle der Frau in der japanischen Gesellschaft. Trotz aller Modernität wird von den Frauen erwartet, sich traditionellen Zwängen zu unterwerfen und chauvinistischen Erwartungen zu entsprechen.

Higashinos Krimis sind wie ein Rätsel-Labyrinth. Anfang und Ziel sind klar, das Kniffelige ist der Weg durch ein Labyrinth von Hypothesen, die in die Sackgasse oder näher ans Ziel führen. Von Anfang an weiß der Leser, wer der Täter war. Spannend ist die Frage, wie er bzw. bei Higashino sie, es gemacht hat. Gemeinsam mit den Ermittlern testet der Leser eine These nach der anderen auf ihre Standfestigkeit. Logik ist dabei oberste Maxime. Während Inspektor Kusanagi und die Polizei dabei induktiv vorgehen und aus den Details zur Mordtheorie gelangen wollen, geht Physiker Yukawa deduktiv vor:

 

"Ich spreche gerne vom Ausschlussverfahren. Dabei demontiert man eine Hypothese nach der anderen, bis man am Ende auf die Wahrheit stößt. Aber wenn man beim Aufstellen der Hypothese einen grundlegenden Fehler macht, kann diese Methode zu fatalen Ergebnissen führen."

 

Beide Vorgehensweisen ergänzen sich wunderbar und führen zur Auflösung. Dem Leser geht es dabei wie dem Inspektor: Man hat alle Hinweise/Details vor Augen und doch sieht man den Zusammenhang nicht. Die Auflösung überrascht und hinterlässt Ermittler und Leser mit Bewunderung für die Raffinesse der Täterin.

Higashinos Krimis sind ein intellektuelles Vergnügen für Leser, die Denksportaufgaben mögen. Actionszenen gibt es nicht, aber Wendungen und wohldosierte Enthüllungen, die die Spannung halten. Die Figuren werden eher durch ihr Handeln als durch ihre Worte charakterisiert, Emotionen werden sparsam dosiert. Darin unterschieden sich Higashinos Krimis von westlichen, die meist stark auf Psychologisierung und/oder Action setzen.

Dass Heilige Mörderin nicht einen ganz so starken Eindruck hinterlässt wie der erste Band aus der Reihe, liegt zum einen daran, dass man diesmal nicht eindeutig Partei für die Täterin ergreifen kann. In Verdächtige Geliebte ist die Mörderin ein bemitleidenswertes Opfer der Umstände, der man wünscht, dass sie mit ihrer Tat davon kommt. Die Täterin in Heilige Mörderin braucht unser Mitleid nicht, sie ist eine starke und hochintelligente Frau, die verständlich, aber moralisch bedenklich Richterin und Henkerin spielt und dem Leser mit ihrem Vorgehen Respekt und fast ein wenig Furcht einflößt. Zum anderen erfolgt die Auflösung in Heilige Mörderin nüchterner und nicht so dramatisch wie in Verdächtige Geliebte. Trotzdem ist auch Heilige Mörderin ein Krimi der Extraklasse und macht süchtig nach mehr Krimis, bei denen man zwar nicht Sherlock Holmes, aber zumindest doch Dr. Watson spielen darf.

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