Ein paar Tage Licht

  • DuMont
  • Erschienen: Januar 2014
  • 8
  • Köln: DuMont, 2014, Seiten: 400, Originalsprache
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Jürgen Priester
84°1001

Krimi-Couch Rezension vonFeb 2014

Tod aus Deutschland – der Exportschlager

Auch wenn es eine Verallgemeinerung ist, Nationen sind stolz, wenn eine(r) der ihren aus der anonymen Masse der Menschen hervorsticht – sei es als Nobelpreisträgerin, Papst, IOC-Präsident oder Weltfußballer. Gerade im Sport sind wir gerne Weltmeister, in welcher Disziplin auch immer. Der Begriff "Weltmeister" ist positiv konnotiert und wir hinterfragen zu selten, auf wessen Kosten zum Beispiel der Titel "Exportweltmeister", den die deutschen Politiker so stolz auf den Lippen führen, eigentlich zustande kommt. Im Inland bedeutet er Lohndumping und Subventionierung, im Ausland Verschuldung und Verarmung. Einer der größten Exportschlager unseres Landes sind Waffen aus heimischer Produktion oder deren Bau in Lizenz im Ausland, angefangen von Handfeuerwaffen über Panzer hin zu Fregatten. In dieser Sparte reicht es zwar nicht zum Weltmeistertitel, aber Deutschland befindet sich jedes Jahr unter den Top 5 der größten Exporteure.

 

"Deutsche Waffen, deutsches Geld morden mit in aller Welt."

 

...skandierte die Friedensbewegung schon vor gut dreißig Jahren auf ihren Demonstrationen und diese Aussage ist heute treffender denn je. Die Ausfuhr von Kriegswaffen unterliegt zwar einem Kriegswaffenkontrollgesetz (Ausführungsgesetz zu Artikel 26 Abs. 2 des Grundgesetzes), doch das Gesetz lässt (leider) viele Interpretationen und Hintertürchen offen. Das Kontroll- und Genehmigungsorgan ist der Bundessicherheitsrat, der bisher einmal im Jahr im Nachhinein! Parlament und Öffentlichkeit über getätigte Entscheidungen informiert – der Rüstungsexportbericht des Bundesministers für Wirtschaft und Energie. Aktuell (Mai 2014) sind die deutschen Waffenexporte mal wieder in den Schlagzeilen, weil der zuständige Minister Gabriel für die Zukunft eine restriktivere Haltung bei der Proliferation von Kriegsgerät ankündigte. Aber der Mann erzählt ja viel.

Man möge dem Rezensenten den voranstehenden kleinen Exkurs gestatten, denn in Oliver Bottinis aktuellem Roman Ein paar Tage Licht geht es explizit um Waffenlieferungen an sogenannte Drittländer. Der Roman selbst spielt hauptsächlich in Algerien zu Anfang des jetzigen Jahrzehnts.

Auf dem Papier ist Algerien eine semipräsidentielle Republik (ähnlich Frankreich), doch seit der Befreiung von der Kolonialmacht Frankreich im Jahre 1962 herrscht dort ununterbrochen das Militär bzw. die Nationale Befreiungsfront (FLN). Als Hort der Demokratie und Menschenrechte ist das Land in seiner nun fünfzigjährigen Geschichte nicht bekannt geworden. Während es in vielen anderen Mittelmeer-Anrainer-Staaten (Arabischer Frühling) brennt, hat das Militärregime in Algerien das revolutionäre Feuer unter Kontrolle. Nicht zuletzt, weil es von seinen europäischen Handelspartnern gut versorgt wird.

 

"Algerien gehört zu jenen Ländern, die die Bundesregierung  befähigen will, für "Sicherheit und Frieden" in ihrer Region zu sorgen. In einer Rede auf der Bundeswehrtagung in Straußberg im Oktober 2012 hatte Merkel erklärt, dass ihre Regierung befreundete Staaten dazu auch mit Rüstungslieferungen unterstützen wolle. Die deutsche Rüstungsindustrie profitiert von dieser "Merkel-Doktrin". Das zeigen auch die Waffengeschäfte mit Algerien. 2012 genehmigte das Bundeskabinett zahlreiche Rüstungsexporte im Gesamtwert von 287 Millionen Euro nach Algerien." (ZEIT online, 28.3.2013)

 

Zu Beginn des Romans wird in Constantine (Algeriens drittgrößter Stadt) der Mitarbeiter einer deutschen Rüstungsfirma samt eines Bodyguards gekidnappt. Die zeitversetzt eingehende Lösegeldforderung lässt einen islamistischen Hintergrund der Entführer vermuten. Ralf Eley, der zuständige BKA-Beamte an der deutschen Botschaft in Algier, ist da skeptisch. Er will sich dahinterklemmen, wird aber zurückgepfiffen, ermittelt dennoch und gerät zwischen die Fronten. Mit Hilfe seiner zahlreichen Kontaktpersonen versucht, er Licht in das Dickicht von Identitäten, Scheinidentitäten, Verbindungen und Seilschaften zu bringen. Seine Möglichkeiten sind limitiert.

Während Eley in Algerien den Durchblick sucht, steht Berlin in heller Aufregung. Nichts fürchten die Zuständigen und Verantwortlichen in den Ministerien mehr, als dass deutsche  Waffenexporte in die Schlagzeilen geraten. Das schmutzige Geschäft mit dem Tod ist nichts für die Öffentlichkeit. Von außen betrachtet, ist es ein ziemlich unwürdiges Geschachere. Hier stellt sich niemand vor, dass einmal Menschen im Visier der exportierten Waffen stehen könnten; hier wird Karriere gemacht, Pfründe gesichert und die Hand aufgehalten. Wen das Gewissen plagt, der gerät schnell ins Abseits und in Schlimmeres.

Das interdisziplinäre Krisenreaktionszentrum im Außenministerium bemüht sich um die Freilassung der Geiseln. Die Macher in der Zentrale sind jedoch zu sehr mit Interna beschäftigt oder richten den Blick allzu weit in die Ferne. Sie bemerken nicht, dass der Terror schon längst nach Deutschland gekommen ist und den Namen "Die Namenlosen" trägt.

Ein paar Tage Licht ist ein Polit-Thriller von internationalem Format, der durch seine Realitätsnähe besticht. Oliver Bottini verzichtet, vermutlich ganz bewusst, auf reißerische Actionszenen. Die Gewalt, die in repressiven Staatsgebilden vorherrscht, braucht keine Überhöhung. Das wechselhafte Schicksal einer algerischen Familie durch drei Generationen ist beredt genug, zu verdeutlichen, dass Gewalt immer nur Gegengewalt erzeugt und so fort. Waffenhändler wie (die in) Deutschland unterfüttern die Konflikte. Und es geht um mehr, als nur Profite zu machen. Bottini macht deutlich, dass Export, Beratung und Schulung auch dazu dienen, den Zugang zu Rohstoffquellen zu sichern. Algerien z.B. hat reiche Öl- und Gasvorkommen. In Deutschland arbeiten Politik, Behörden und Wirtschaft Hand in Hand. Moralische Bedenken verflüchtigen sich im kollektiven Bewusstsein des "Hauptsache, uns (mir) geht's gut".

Während deutsche Politiker – angefangen beim Bundespräsidenten – von einer neuen deutschen Verantwortlichkeit in der Welt, von mehr Engagement, auch militärischer Natur, faseln, nehmen deutsche (Krimi-) Autoren zunehmend eine Gegenposition ein. Sei es Sebastian Fitzek, der in Noah die Globalisierung anprangert, oder Marc Elsberg in Zero, der die massenhafte Bespitzelung und Überwachung durch private und staatliche Institutionen bloßstellt, oder eben Oliver Bottini im vorliegenden Roman. Ein paar Tage Licht bringt tatsächlich Licht in die klandestine Welt des Waffengeschäftes. Spannend zu lesen, informativ, überzeugend. Mehr davon!

Ein paar Tage Licht

Oliver Bottini, DuMont

Ein paar Tage Licht

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