Das Zittern des Fälschers

Das Zittern des Fälschers
Das Zittern des Fälschers

Erschienen: Februar 2002

Erschienen: Februar 2002

Bibliographische Angaben

  • Garden City, N.Y.: Doubleday, 1969, Titel: 'The Tremor of Fogery', Seiten: 254, Originalsprache
  • Zürich: Diogenes, 1970, Seiten: 373, Übersetzt: Anne Uhde
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1973, Seiten: 186
  • Zürich: Diogenes, 1976, Seiten: 282
  • Zürich: Diogenes, 2002, Seiten: 386, Übersetzt: Dirk van Gunsteren
  • Zürich: Diogenes, 2003, Seiten: 386, Übersetzt: Dirk van Gunsteren

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Jochen König
Ein Mord, den jeder begehen könnte

Buch-Rezension von Jochen König Apr 2021

Patricia Highsmith bezeichnete Das Zittern des Fälschers als ihren liebsten der eigenen Romane. Sie befürchtete gleichzeitig, dass das Krimi-Publikum enttäuscht sein könnte, weil nach außen hin zu wenig passiere. Folgerichtig – und für die Autorin erfreulich – wurde das Buch in Amerika nicht in Doubledays „Crime Club“ veröffentlicht, sondern als „straight novel“. Doch enthält der Roman einige Merkmale, die sich in Highsmiths Thrillern häufig finden lassen - wie die Verunsicherung der Hauptfigur, die sich nach einem (vermeintlichen) Totschlag durch überflüssige und ungeschickte Lügen selbst in die Bredouille bringt.

Verloren in Tunesien

Der amerikanische Autor Howard Ingham befindet sich in Hammamet und wartet. Auf den Regisseur John Castlewood, mit dem er an einem gemeinsamen Film arbeiten möchte, und ein schriftliches Lebenszeichen seiner Freundin Nina. Doch beides bleibt aus. So beginnt Howard mit der Arbeit an einem Roman namens Das Zittern des Fälschers (der viel später einen neuen Titel bekommen wird) und kommt in Kontrakt mit einem weiteren Amerikaner namens Francis J. Adams, der im Radio amerikanische Propaganda in der Sowjetunion verbreitet. Ingham tauft ihn „Wulst“, da er penetrant den amerikanischen „Weltanschauungs-und-Lebensstil“ beschwört (im Original noch treffender als OWL bezeichnet, nach „Our Way of Life“ - wir wissen ja, dass Eulen nicht das sind, was sie scheinen). 

Wichtiger als Adams wird ihm der norwegische Maler Anders Jensen, der zu Howards Vertrautem heranwächst. Dem er auch die Wahrheit über jene Nacht erzählt, in der er seine Schreibmaschine einem Eindringling an den Kopf warf. Ob es tödlich endete, lässt sich nicht herausfinden, da die Hotelangestellten, die sogenannten „Boys“, den Körper des Mannes verschwinden lassen und alle Spuren beseitigen.    

So lebt Howard Ingham in Ungewissheit, belügt Adams über die Vorgänge und muss mit dem Ausbleiben Castlewoods und einem überraschenden Besuch Ninas klarkommen. Die Zeichen stehen auf Veränderung und Abschied. Adams gibt derweil ungefragt aufdringlich gute Ratschläge, die sich allesamt als wenig zutreffend erweisen.

Die Zukunft ist unsicher und ein mögliches Ende immer nah

Howard Ingham ist ein Fremder in einem fremden Land. Verloren in einer Kultur, die er faszinierend findet, dem aber nicht daran gelegen ist, sich zu assimilieren. Ingham sucht kaum Nähe zu den Einheimischen, nimmt sie in erster Linie als Bedienstete wahr oder gibt sich - auf freundliche Weise - gönnerhaft. Das Erbe des Kolonialismus ist anscheinend imprägniert. Lieber sucht Ingham Kontakt zu einem Amerikaner, dessen Wertesystem er eigentlich verachtet, der aber als konträrer Diskutant über das tagespolitische Geschehen hervorragend geeignet ist. Ob Vietnamkrieg oder der Arabisch-Israelische-Konflikt, Francis J. Adams bezieht dezidiert Stellung - ein Prüfstein für den liberalen Schriftsteller, der Kontroversen meist aus dem Weg geht, eher die Position des ewigen Beobachters einnimmt. Was auch sein eigenes Leben betrifft.

Der stille Amerikaner als labiler Voyeur

So findet Howard eines Abends nach einem Besuch bei seinem Freund Jensen einen Mann mit aufgeschlitzter Kehle im Straßengraben der Nachbarschaft. Er reflektiert die Situation ausgiebig, bleibt aber untätig; der Tote wird zum Teil der Biographie Inghams, kaum mehr als ein Gedankenkonstrukt. Auf dieser Ebene funktioniert der Protagonist. Während sein Leben in der Schwebe hängt, das Ungewisse den gesamten Roman prägt, geht die Arbeit am eigenen Buch fast reibungslos vonstatten – wenn man von der Zeit absieht, in der die deformierte Schreibmaschine in Reparatur ist.

Obwohl an der Oberfläche – im Gegensatz zur Zeitgeschichte der auslaufenden Sechziger – wenig passiert, besitzt Das Zittern des Fälschers über die komplette Länge eine fiebrige Spannung, die durch Unwägbarkeiten, kleine Verschiebungen, menschliche Schwächen und die kongeniale Darstellung einer umfassenden Verunsicherung (Graham Greene nennt es „Beklemmung“) erzeugt wird.

Ein Dilemma des modernen, westlich geprägten Menschen: Nahezu jeden Ort der Welt aufsuchen zu können, doch nirgendwo hinzugehören. Oder im schlimmsten Fall, den gewählten Bereich zu okkupieren. Aus der Nachbarschaft grüßt der Der Fremde von Albert Camus.

Du lebst, du stirbst – was ist jetzt?

In Highsmiths expliziteren Romanen hätte Inghams möglicher Tötungsakt und die daran anschließenden Lügen für weitere Gewalt und letztlich zu seinem Untergang geführt.  Das Zittern des Fälschers bleibt ambivalenter: Die Fiktion endet, das Leben bleibt im Vagen. Der Protagonist verabschiedet sich aus seinem Exil, begleitet von einem überraschenden Schlussakkord. Ob Zufall, Absurdität, halluzinierendes Wunschdenken - das bleibt der eigenen Interpretation überlassen.    

Fazit: Den Zeit-Test glänzend bestanden

Das Zittern des Fälschers ist ein vielschichtiger Roman, voller thematischer Verästelungen, die Patricia Highsmith mühelos und unaufdringlich in die Erzählung mit einbringt. Ganz nebenbei behandelt Das Zittern des Fälschers Geschlechterbeziehungen recht progressiv. So lehnt der heterosexuelle Howard Ingham zwar das Angebot seines homosexuellen Freundes Jensen ab, die Nacht mit ihm zu verbringen, fühlt sich aber geschmeichelt und betrachtet es als wohlgefällige Option.

Poesie, Politik, Selbstfindung, Existenzialismus und (am Rande) Kriminalität: Highsmiths Roman hat über die Jahrzehnte nicht an Intensität verloren und besitzt, gerade in Bezug auf das Selbstverständnis von Angehörigen der westlichen Zivilisation, immer noch Aktualität.  Ein meisterliches Werk.

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