Der Menschenspieler

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • New York: Simon & Schuster, 2011, Titel: 'Dominance', Seiten: 353, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2013, Seiten: 345, Übersetzt: Christine Heinzius

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Michael Drewniok
Serientod im Reich der Bücherwürmer

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jan 2014

Seit den 1970er Jahren ist der Schriftsteller Paul Fallows eine ebenso legendäre wie mysteriöse Gestalt. Nur zwei Romane hat er veröffentlicht, nie wurde er in der Öffentlichkeit gesehen. Eine kleine aber verschworene Lesergemeinde verehrt Fallows als Genie und Heiland, der in seinen Büchern Hinweise auf universelle Grundstrukturen versteckt hat, die der Wissenschaft unbekannt sind. Wer Fallows Worte entschlüsselt, kann hinter die Kulissen des Lebens dessen absolute Wahrheiten erkennen.

Der Weg zu diesem Ziel ist gefährlich. 1982 wurde der Literaturwissenschaftler Richard Aldiss Fallows Opfer. Offenbar hatte er in dem Wahn, nur so den Schriftsteller "verstehen" zu können, zwei seiner Studentinnen umgebracht. Zwölf Jahre später erhielt Aldiss die Genehmigung, aus dem Gefängnis heraus einen Fernkurs mit dem Titel "Lösung eines literarischen Rätsels" abzuhalten. Neun Studenten schickte Aldiss auf eine neue Suche nach Paul Fallows.

Alexandra Shipley gelang es damals, das Geheimnis um Fallows zu lüften. Sie befreite damit auch Aldiss von einem Doppelmordverdacht, den der wahre Täter geschickt auf ihn gelenkt hatte. Aldiss kehrte zurück in die akademische Welt und wurde Shipleys Mentor, seine Studenten zerstreuten sich in alle Winde.

Noch einmal 15 Jahre später beginnt eine unheimliche Todesserie ihre Reihen zu lichten. Die Tatorte stellen exakte Kopien der Mordstätten von 1982 dar. Für die misstrauische und fantasiearme Polizei ist Aldiss erneut der Hauptverdächtige. Shipley teilt diese Meinung nicht und will dem alten Mann helfen. Sie erklärt sich einverstanden, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Um den Mörder aus der Reserve zu locken, werden die ehemaligen Studenten zusammengerufen. Sie dienen als Köder, wobei freilich möglich ist, dass sich der Mörder unter ihnen verbirgt ...

Nicht "Wer war es?", sondern "Was geht vor?"

Selbstverständlich dauert es nicht lange, bis tatsächlich einen aus der Runde ein böses Schicksal ereilt. Während die Polizei wie üblich wilde Drohungen ausstößt, im Dunkeln tappt und sich auch sonst strohdumm aufführt, springt Jung-Professorin Alexandra Shipley – "Alex" für ihre Freunde und den Leser – in die Bresche. Nur sie stellt die richtigen Fragen und ist zur richtigen Zeit am falschen Ort, was die Spannung steigern soll; hübsch ist sie übrigens auch. Im Finale ist es Alex, die allein und auf sich gestellt dem Mörder (oder der Mörderin) in die Hände fällt. Zu ihrem Glück ist dieser wie die meisten Strolche mit einem unkontrollierten Mitteilungsdrang geschlagen: Bevor er seinem Opfer das Lebenslicht ausbläst, muss er unbedingt und haarklein erzählen, warum und wie er seine Teufeleien eingefädelt hat.

Die Handlung ist folgerichtig nicht unbedingt die Stärke des Verfassers. Faktisch klassisch führt Will Lavender sämtliche Figuren an einem zentralen Ort zusammen. Der Mörder ist unter ihnen, das steht bald fest, und Lavender ist nicht so unklug, gegen diese etablierte Regel zu verstoßen. Dennoch ist Der Menschenspieler kein typischer "Whodunit". Zumindest möchte man dies zugunsten des Verfassers annehmen, dem ohnehin vorzuwerfen ist, dass er den Täter schließlich unter krachender Beugung der Handlungslogik mehr oder weniger aus dem Hut zaubert. Zwar war der Bösewicht immer im Spiel, doch unterließ es Lavender, uns Lesern entsprechende Hinweise zu geben.

Besser funktioniert Der Menschenspieler auf seiner zweiten Ebene. Wichtiger als die Mordserie ist das literarische Rätsel. Lavender verfasst weniger einen Kriminalroman als einen "puzzle thriller", wie er ihn selbst bezeichnet. Diese Thriller sind nicht seine Erfindung. Sie stellen ein Rätsel in den Mittelpunkt, das die Figuren lösen müssen, um damit gleichzeitig ein Verbrechen zu klären.

Wissen als tödliche Macht

Der Versuch, ein Geheimnis zu lüften, kann zur Sucht werden, die nicht nur den Suchenden selbst in Gefahr bringt. Viele Expeditionen zu Lande und zu Wasser endeten tragisch, weil die Teilnehmer den "point of no return" wider besseres Wissen ignorierten. Die Fahndung nach einem anonymen Schriftsteller mag zunächst weniger riskant sein. Dies kann sich jedoch als Irrtum erweisen, wenn dieser Autor nicht menschenscheu ist, sondern andere Gründe hat, die öffentliche Aufmerksamkeit zu meiden. Dann greift er womöglich zu rabiaten Mitteln, um sich dieser zu entziehen.

In Unkenntnis dieser Tatsache sowie getrieben von wissenschaftlicher und menschlicher Neugier begeben sich drei Gruppen 1982, 1994 und 2009 auf die Suche nach Fallows. Sie geraten auf eine Odyssee, die sich – ein gelungener Schachzug Lavenders – von der eigentlichen Zielsetzung löst und verselbstständigt. Die Betroffenen merken gar nicht oder zu spät, dass sie einem selbst erschaffenen Phantom nachjagen.

Nach und nach führt sie das in selbst geschürte Konflikte. "Dominance" heißt dieser Roman im Original, denn um "Herrschaft" geht es spätestens 2009. Fallows wahre Identität steht fest, aber die nur angeblich spielerische Suche nach den geheimen Botschaften, die sein Werk in einen Wegweiser zum Stein der Weisen verwandeln, ist bitterer Ernst geworden. Aldiss hat das Spiel 1982 gespielt, seine Studenten haben es 1994 gespielt, und jemand spielt es in der Handlungsgegenwart.

Wer suchet, der findet = Pech gehabt

Bis ins Finale kann Lavender die Schwäche des Krimi-Plots durch seine Rätsel-Tour ausgleichen. Dann steht er vor dem einen Problem, das alle Autoren kennen, die über ein Geheimnis schreiben: Der Weg zur Lösung ist in der Regel spannender als die Lösung selbst. Auch hier wirkt sie ungeachtet ihrer Logik recht banal, weshalb Lavender – böser Fehler! – noch eine Epilog-"Überraschung" anschließt, die eine echte Fehlzündung darstellt.

Zwei weitere Mankos mögen die Schuld daran mittragen, dass wir mit der Geschichte nie richtig warm werden. So kann Lavender zwar ein interessantes Mysterien-Puzzle konzipieren aber keine ´Action' inszenieren. Entsprechende Szenen gibt es trotzdem; sie sind schwach und wirken manchmal sogar peinlich. Ausgerechnet die großen Konfrontationen zwischen Alex und dem jeweiligen Mörder von 1994 und 2009 gehören dazu. Lavender orientiert sich offenbar an Vorabend-Serien des US-amerikanischen Krimi-Fernsehens. Was besonders packen soll, weil die Heldin in Lebensgefahr schwebt, wird torpediert durch die Dämlichkeit ihres Verhaltens.

Schon vorher fällt auf, welche hohle Nuss diese "Alex" Shipley trotz ihrer angeblichen Intelligenz ist. Ständig kämpft sie mit irgendwelchen Zweifeln und Skrupeln, deren Auslöser der Leser beim besten Willen nicht anerkennen kann. Darüber hinaus werden Gefühle bis zum Anschlag der Anzeigeskala ausgelebt. Alex schnürt es regelmäßig die Kehle zu, wo ein, zwei klärende Worte einen Verdacht oder einen Irrtum problemlos ausräumen würden. Der Leser weiß, dass nun wieder eine Verwicklung folgt, die einen der noch lebenden Verdächtigen ins Zwielicht bringt, tatsächlich aber vor allem Seiten schinden soll. Detective Black ist ein unfreundlicher Idiot, Übervater Dekan Fisk hüllt sich in senile Anspielungen, die ehemaligen Studenten sind flüchtig gezeichnete Figurenskizzen.

Sicherlich ist es kein Merkmal Lavenderscher Konsequenz, dass Alex die Lösung nicht findet, sondern über sie stolpert. 2009 muss der Mörder sogar erst den Verstand verlieren, bevor bzw. damit sie ihn "stellt". Zuvor hat er Jahrzehnte seines Lebens daran gesetzt, ihr diese Falle zu stellen. (Vielleicht lässt ihn auch Entsetzen wahnsinnig werden, als er merkt, für welchen armen Tropf er diesen Aufwand getrieben hat.) Letztlich schafft es Lavender nicht, die Schere zwischen Anspruch und Umsetzung wirklich zu schließen. Auch ein gutes Rätsel muss in eine glaubwürdige Geschichte mit interessanten Figuren eingebettet werden, sonst bleibt es wie in diesem Fall leblose, um sich selbst kreisende "art pour l'art".

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