GB84

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • London: Faber & Faber, 2004, Titel: 'GB84', Seiten: 465, Originalsprache
  • München: Liebeskind, 2014, Seiten: 544, Übersetzt: Peter Torberg

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Jochen König
Which side are you on, boys?

Buch-Rezension von Jochen König Jan 2014

Mitten hinein ins Geschehen. 52 Wochen, 52 Kapitel (plus "Die letzte Woche"), ein Jahr im Streik. Eine Vielzahl von Erzählern und handelnden Figuren, schnelle Szenenwechsel, Blut, Schweiß, eine Menge Tränen, viel Geld und leere Versprechungen. Funktionsträger, die selten einen Namen und noch seltener ein Gesicht bekommen: Der Mechaniker, der Präsident, der Jude oder einfach nur der Mistkerl. Gestalten tauchen auf, verschwinden wieder, werden durch neue Spieler im gleichen Spiel ersetzt. David Peace erklärt nicht, er beschreibt Zustände, lässt Menschen agieren, veranstaltet Treibjagden und erschafft einen literarischen Geschwindigkeitsrausch, der zum Blick durch ein Zeitfenster wird, in dem sich Abgründe auftun, die Menschen verschlingen und nie wieder ausspucken.

GB84 ist ein Kriegsroman. Auf der einen Seite Arthur Scargill (Der ´Präsident', gerne ´Adolf' genannt), Gewerkschaftsführer, der sich mit Macht gegen die Schließung britischer Zechen wehrt und einen Streik propagiert, der die britische Regierung in die Knie zwingen soll. Doch die ´Eiserne Lady' Margaret "Maggie" Thatcher ist nicht Edward Heath. Nur Bilanzen und wirtschaftliche Erträge  im gestählten Blick, ein williges Parlament hinter sich, dazu genügend Geld, um Staatsbeamte als Streikbrecher zu finanzieren sowie genügend Kapazitäten und Hilfe von außen, selbst einen einjährigen Streik, der die Energieversorgung eines ganzen Landes gefährdet, zu überstehen. Am Ende wird sie die strahlende Siegerin sein, während die Gewerkschaften gebrochen am Boden liegen. Zeche um  Zeche wird schließen, Arbeitslosenzahlen werden steigen, Existenzen werden vernichtet. Doch das Geld fließt und produziert "blühende Landschaften" wie sie Politiker aller Länder allzu gerne prophezeien. Das soziale Klima strebt derweil dem Kältetod entgegen. Es ist eine wissentliche Politik der Zerstörung, die ungeheures Kapital dafür aufbringt, diejenigen zu brechen, deren Interessen sie eigentlich vertreten sollte. Nach dem gut einjährigen Bergarbeiterstreik wird es nie wieder nennenswerte Erhebungen ähnlicher Art im kompletten Königreich geben. Es herrscht Ruhe im Land.

Scargill und Thatcher kommen in Peace' Roman nur am Rande vor, als überlebensgroße Schemen, die  im Hintergrund werkeln. Er erzählt die Geschichte der Wasserträger, der Laufburschen und Ränkeschmiede, und nicht zuletzt der betroffenen Arbeiter. In Form der, undank winziger Schriftgröße, schwer lesbaren und umso eindrücklicheren "Martin"- und "Peter"-Passagen, die jeweils auf eine Seite begrenzt und meist mitten im  Satz endend, jedes Kapitel, jede Streikwoche eröffnen.

Dazwischen strampelt sich der Gewerkschaftsvertreter Terry Winters mühevoll ab, gegen Verräter in den eigenen Reihen, Anfeindungen, dem Erkennen der Vergeblichkeit der eigenen Bemühungen und dem Hang sich durch privaten Obsessionen einen Strang zu knüpfen, an dem man ihn  aufhängen kann.  Auf der Gegenseite Sir Stephen Sweet, "der Jude", immer unterwegs die Obliegenheiten der Regierung zu vertreten, Geld zu verteilen und dafür zu sorgen, dass dem Streik und den Streikenden das Rückgrat gebrochen wird. Ein Mann, immer am Rande des Kollabierens, den "Mistkerl" Neil Fontaine im Schlepptau, der sich für keine Drecksarbeit zu schade ist, obwohl er sich den Luxus des genauen Beobachtens und Denkens erlaubt und sein eigenes Süppchen kocht. Das viele Zutaten besitzt. Loyalität kommt nicht darin vor.

Dies sind nur wenige der zahlreichen Protagonisten, denen David Peace mal kurz, mal länger folgt. Noch mehr als im "Red Riding Quartett" zelebriert er die Kunst des Stakkatos, Sätze wie mit einem Maschinengewehr abzufeuern, bis hin zur Verknappung auf einzelne Worte, aneinandergereiht an Ketten, die das Grauen, den Wahnsinn und den Druck unter dem sämtliche Beteiligte stehen mit Macht spürbar werden lassen. Kongenial übersetzt vom verlässlichen Peter Torberg.

 

Reden. Gerede. Nichts als Gerede –Sprache.
Die Luft ist voll davon. Überall –
"...geplatzte Blutgefäße im Brustkorb, die zu einer massiven Ansammlung von..."
Wörter und –
"...Blut um sein Herz ..."
Tod.

 

Großartige Literatur, selten bemüht, meist wagemutig, ein wahrhafter Malstrom, der den Leser packt, um ihn am Ende gebeutelt aber hellsichtiger wieder ausspuckt. Zudem zu weiterführender Recherche einlädt. Wer (Kriminal)literatur offen gegenübersteht und sie nicht nur als Möglichkeit zum Eskapismus betrachtet, findet in GB84 eine eindrucksvolle Herausforderung.

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