Matterhorn

  • Arche
  • Erschienen: Januar 2012
  • New York: Atlantic Monthly, 2010, Titel: 'Matterhorn', Seiten: 598, Originalsprache
  • Zürich; Hamburg: Arche, 2012, Seiten: 672, Übersetzt: Nikolaus Stingl
  • München: Heyne, 2013, Seiten: 669
Matterhorn
Matterhorn
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Andreas Kurth
80°

Krimi-Couch Rezension von Andreas Kurth Jan 2014

Im Dschungel lauert der schnelle Tod

Waino Mellas ist Second Lieutenant im United States Marine Corps, und er hat sich freiwillig nach Vietnam gemeldet. 1969 – kurz vor dem beginnenden Rückzug der Amerikaner aus dem Krieg in Südostasien – kommt er im Dreiländereck von Laos und Süd- sowie Nordvietnam zum Einsatz. Er erlebt dort einen dramatischen Wechsel zwischen kurzen, aber heftigen Kampfeinsätzen, sinnlos erscheinenden Angriffsbefehlen und trügerischen Ruhephasen. Die Bravo-Kompanie muss einen Hügel besetzen, und dort eine Feuerunterstützungsbasis errichten, nur um die befestigte Stellung sofort wieder aufzugeben, und in den Dschungel zu ziehen. Kaum hat Mellas einige seiner Kameraden besser kennen gelernt, werden sie im Kampf getötet. Der ständige Zustrom neuer Soldaten und deren kurze Überlebensrate macht ihm immer mehr zu schaffen, aber mit Verzweiflung und Mut rafft er sich stets wieder auf, um seine Einheit nicht im Stich zu lassen.

Ein fesselndes Epos

Man muss nicht unbedingt ein Fan von Kriegsromanen sein, um von diesem spannenden Epos gefesselt zu werden. Hierzulande ist man von guten Romanen aus diesem Genre nicht gerade verwöhnt. Das liegt daran, dass sie in aller Regel von ihrer Authentizität geprägt werden. Wer das Ganze persönlich erlebt hat, kann es eben auch spannend und packend schildern. Deutschland hat – glücklicherweise – in der jüngeren Vergangenheit nicht annähernd so viele Kriege geführt wie die USA. Erst wenn die Afghanistan-Veteranen anfangen, ihre Erlebnisse in Buchform zu gießen, wird es aus deutscher Feder so etwas zu lesen geben. Karl Malantes ist als Teilnehmer des Vietnam-Krieges natürlich prädestiniert, so einen Roman zu schreiben.

Ambivalente Hauptperson

Dabei macht er es sich nicht einfach. Mehrere Jahrzehnte hat es offenbar gedauert, bis er seine traumatischen Erfahrungen verarbeitet hat. Zehn Jahre soll er dafür gebraucht haben, seine Erlebnisse aus dem Krieg im fernen Dschungel zu Papier zu bringen. Marlantes gilt in Amerika als Held, wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Navy Cross, der höchsten Auszeichnung der amerikanischen Marine. Dennoch vermeidet es der Autor, sein alter Ego, den jungen Offizier Waino Mellas, zu überhöhen. Der als Zugführer eingesetzte Freiwillige wirkt zunächst eher unsympathisch, macht sich ständig Gedanken darüber, wie sich sein freiwilliger Kriegsdienst im Lebenslauf machen wird. Und er spekuliert frühzeitig darauf, wie er aufsteigen und wie weit er es bringen kann. Doch zunächst nimmt Mellas den Leser Schritt für Schritt mit auf den immer wiederkehrenden Patrouillendienst. Der Autor zeigt ungeschönt den Alltag der amerikanischen Soldaten in Vietnam.

Von Dschungelfäule zerfressen

Sie sind ständig müde, müssen mit der eintönigen Marschverpflegung auskommen, werden durch die permanente Feuchtigkeit förmlich von Dschungelfäule zerfressen, von Blutegeln und Moskitos gequält. Hinzu kommt die ständige Spannung. Nach jeder Ruhephase kann ein gefährlicher Einsatz folgen. Jeder Wachdienst kann von einem Angriff der Vietnamesen in ein tödliches Inferno verwandelt werden. Und bei jeder Patrouille lauern ebenso vielfältige wie tödliche Gefahren. Das reicht von einer Kugel der Feinde bis zum Angriff eines Tigers – durch beides werden große Lücken in die Truppe gerissen.

Hoher Blutzoll durch Ehrgeiz der Stäbe

Ein spezielles Thema zieht sich durch den gesamten Roman – die unsäglichen Unterschiede zwischen Plänen und Entscheidungen der Stäbe am grünen Tisch und dem Kampf der Truppen im grünen Dschungel. Marlantes macht mehrfach deutlich, wie der Ehrgeiz und falsche Optimismus der Bataillons- und Regimentskommandeure einen erhöhten Blutzoll bei der Truppe verursacht. Deutlich gemacht wird das an der Argumentation der "kill ratio", womit das Verhältnis der eigenen Verluste zu der Zahl der getöteten Feinde gemeint ist. Der Autor ist ganz sicher kein Pazifist, oder grundsätzlicher Gegner des Krieges. Aber er musste im Einsatz mitansehen, wie junge Männer verheizt wurden, um irgendwelche Statistiken zu verschönern.

Angriff auf selbst gebaute Stellungen

Seinen Titel verdankt der Roman einem – nicht existenten - Berg in dem von den Amerikanern "Mutter's Ridge" genannten Höhenzug parallel zum Cam-Lo-Fluss. Die Bravo-Kompanie, in der Waino Mellas einenZug führt, muss das Matterhorn nach dem schwierigen und gefährlichen Anmarsch durch den Dschungel erobern und zu einer so genannten Feuerunterstützungsbasis für die Artillerie ausbauen. Kaum ist der Auftrag ausgeführt, wird die Einheit wieder verlegt, und die nordvietnamesische Armee besetzt die gut befestigten Stellungen auf dem Matterhorn. Nach anderen Einsätzen muss die Bravo-Kompanie schließlich den Hügel zurückerobern, und so gegen die selbst errichteten Verteidigungsbunker anrennen – der Wahnsinn wird auf die Spitze getrieben.

Neben der Beschreibung vieler Gefechte und der ständigen Todesgefahr schildert Marlantes auch die Rassenprobleme in der Armee. Die ständige Diskriminierung der Schwarzen wird thematisiert, aber auch deren Radikalisierung durch die Black-Power-Bewegung. Der Mythos von der eingeschworenen Marines-Gemeinschaft wird hier gründlich entblättert. Insgesamt also ein spannendes, lehrreiches und interessantes Buch, das man sicher zweimal lesen sollte, um die kompletten Nuancen zu erfassen.

Matterhorn

Karl Marlantes, Arche

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