Die blinde Kommissarin

  • Ullstein
  • Erschienen: Januar 2014
  • Rom: e/o, 2012, Titel: 'Tre, numero imperfetto', Seiten: 171, Originalsprache
  • Berlin: Ullstein, 2014, Übersetzt: Ulrike Schimming
Die blinde Kommissarin
Die blinde Kommissarin
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Almut Oetjen
83°

Krimi-Couch Rezension vonNov 2013

Das Bedürfnis nach einem neapolitanischen Serienkiller

Vittorio "Jerry" Vialdi alias Gennaro Mangiavento, ein Sänger aus Neapel, wird im Fußballstadion San Paolo tot in einer Torecke aufgefunden. Zwischen den Zähnen hat er ein Stück Rasen vom Spielfeld. Der zuständige Commissario Malanò aus dem Kommissariat in Piedigrotta bittet seine Kollegen aus dem Kommissariat in Pozzuoli um Amtshilfe. Die Kooperationsbereitschaft von Commissario Vincenzo Martusciello hält sich in sehr engen Grenzen, während Inspektor Arcangelo Liguori großes Interesse an dem Fall Vialdi zeigt. Seine Kollegin Blanca Occhiuzzi kommt extra vorzeitig aus dem Urlaub zurück, um an der Bearbeitung mitzuwirken. Blanca ist blind und darauf spezialisiert, Hintergrundgeräusche bei abgehörten Telefongesprächen sowie Emotionen bei Gesprächen mit Umgebungslärm zu entschlüsseln.

Am folgenden Sonntag wird eine weitere Leiche gefunden: eine Frau wurde mit geöffneten Beinen an einem Torpfosten im Bentegodi-Stadion von Verona platziert. Sie hat ebenfalls ein Stück vom Rasen zwischen den Zähnen. Beide Opfer wurden vor ihrer Ermordung sediert. Liguori und Blanca finden heraus, dass Vialdi viel Geld in illegalen Wetten verloren und für Sex und Drogen ausgegeben hatte, kürzlich aber einen seltsamen hohen Gewinn realisierte.

Martusciello, Liguori und Blanca ermitteln in Richtung illegalen Glücksspiels, wollen die Verwicklungen Vialdis und den Zusammenhang zur Toten in Verona herausfinden.

Ein neues Ermittlerteam und ein wenig Dienstgradgewirr

Patrizia Rinaldi stellt in ihrem ersten Band einer geplanten Serie drei Hauptfiguren aus dem Kommissariat im neapolitanischen Distrikt Pozzuoli vor.

Inspektor Arcangelo Liguori, fünfzig Jahre alt und Freund von Liebesaffären, wagt einen Neuanfang mit sexueller Zurückhaltung, mehr Nachdenklichkeit und dem Bedürfnis, seiner inneren Leere anders als durch Verdrängung beizukommen. Liguori ist ein reicher Mann, muss nicht arbeiten, und erinnert darin an aristokratische Detektive aus britischen Kriminalromanen.

Commissario Vincenzo Martusciello, verheiratet, eine Tochter, eine Enkelin, verträgt keine Menschenansammlungen, leidet unter verschiedenen Wehwehchen und hat eine Operation mit Entfernung eines Körperteils hinter sich. Seine Frau scheint immer jünger zu werden, und die Liebe des Ehepaares ist verbraucht. Martusciello wird von anderen als Dorfesel angesehen, trägt aber auch zu dieser Einschätzung aktiv bei.

Sovrintendente Blanca Occhiuzzi ist sehr schön, in ihrer Kindheit erblindet, spürt die Angst in Menschen, ihre Intuition dient als ein Sensorium für mögliche Schuld und Unschuld.

Die Hauptfiguren, allen voran Blanca, sind feinfühlig entwickelt, Rinaldi hat ihren Roman mit Anspielungen und Mehrdeutigkeiten versehen.

Im Umschlagtext des Romans ist Blanca Occhiuzzi Hauptkommissarin, im Roman selbst Sovrintendente, was im Glossar übersetzt ist mit Polizeihauptmeister und in italienischen Wörterbüchern mit Polizeimeister. Während der Superintendent im britischen Raum ein leitender Polizeibeamter ist, steht der italienische Sovrintendente im Rang unterhalb des Ispettore, der wiederum unterhalb des Commissario angesiedelt ist. Hinzu kommt, dass die Dienstgrade mal in deutscher Übersetzung, mal im italienischen Original verwendet werden. Der Roman ist in schnellen Szenenwechseln erzählt. Auf 209 Textseiten sind ein Prolog und 63 Kapitel untergebracht, die auch in der Binnenstruktur häufig segmentiert sind.

Es gibt zwei Ermittlungsansätze. Commissario Malanò ist besessen von der Vorstellung, einen neapolitanischen Serienkiller zu jagen, worin ihn die Sensationsmedien unterstützen. Das Team von Commissario Martusciello hingegen folgt einem anderen Pfad.

Der Roman ist durchsetzt mit kleineren Nebenhandlungen, darunter die, in welcher sich ein Polizist als Schauspieler in einem Theaterworkshop versucht. In kurzen Vignetten skizziert Rinaldi das Leben von Menschen in Neapel, darunter Rosina Mastriani und ihre erbärmliche Existenz mit ungewollten Kindern und einem gewalttätigen Ehemann. Neapel wird relativ knapp, aber dafür mit Sonnen- und Schattenseiten abgebildet. Am Ende lesen wir in einer Aufzählung, wie vor dem Abspann mancher Filme, was aus den Hauptpersonen nach Abschluss des Falls geworden ist.

Die blinde Kommissarin, Patrizia Rinaldis erster Band in der Reihe mit der blinden Ermittlerin Sovrintendente Blanca Occhiuzzi, ist nicht innovativ, enthält aber ausreichend Abweichungen vom Standard, um Interesse zu wecken. Besonders die Erkundung der sehr gut dargestellten Figuren, ihres Umfeldes und ihrer Beziehungen ist lohnenswert.

Die blinde Kommissarin

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