Vergeltung

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2014, Seiten: 500, Übersetzt: Conny Lösch

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Jochen König
Heute Abend gibt es Sauerkrautsuppe, Blutwurst und paniertes Schweineschnitzel

Buch-Rezension von Jochen König Sep 2013

Die ersten Rezensionen ließen Schlimmes vermuten. Tobias Gohlis und Thomas Wörtche schrieben Verrisse, die gekennzeichnet waren vom Entsetzen, dass ein hervorragender Autor, der klug, differenziert und hochspannend schreiben kann, nicht mehr als ein "Landserheftchen" (Tobias Gohlis) zustande bringt. Elmar Krekeler "killt"e Don Winslows Vergeltung mit bissigem Spott, der ebenfalls die Enttäuschung zeigte, dass sich hier ein großartiger Autor weit unter Wert verkauft.

Lediglich Markus Müntefering versuchte mit seiner Kritik bei Siegel Online zu retten, was nicht mehr zu retten war und deutete Vergeltung als "hoch politischen Roman", der das Ende des Soldatentums ("War, huu – what is it good for? Absolutely nothing!" gilt nicht nur für den Krieg an sich, sondern auch für die Wesen, de ihn  mit Lust und Wonne führen. Söldner ganz besonders) einläutete. Dabei wäre es gar nicht verkehrt, wenn sich irgendwo auf einem entfernten Eiland lediglich Maschinen gegenseitig zerdeppern. Doch selbst bei den "Transformers" mischen Menschen in Uniform mit, andererseits gleichen die Bilder aus dem letzten Irak-Krieg bereits pixeligen Videospielen, in denen der Tod von Soldaten und Zivilisten hinter abstrakten Zeichen verschwindet. Ein Knopf, eine Bombe/Drohne, eine Explosion in grünstichiger Schwärze. EKIA.

Lesenswert sind die Rezensionen allesamt, stellvertretend lege ich Thomas Wörtches ausführliche und treffende Analyse im "CultureMag" jedem interessierten Leser wärmstens ans Herz.

Und widerspreche ihr in einem kleinen Punkt. Wörtche vermutet, dass Aliens den echten Don Winslow entführt und üble Experimente mit seinem "vorderen Großhirnbereich" angestellt haben. Ich glaube eher, man hat am Körper Winslows die neueste 3D-Druckertechnologie ausprobiert und dem Klon dann das vermoderte Hirn Robin Moores eingesetzt. Kommt letztlich auf's Gleiche raus.

Robin Moores Die grünen Teufel habe ich als Zwölfjähriger mit Begeisterung gelesen und mich anschließend gewundert, dass nicht die mutigen, toll ausgebildeten, ehrenhaften amerikanischen Soldaten den Vietnamkrieg für sich entschieden haben, sondern die kleinen, dreckigen Charlies, die es nicht mal für Nötig erachten, sich an anerkannte militärische Kriegsführung zu halten.

In einem anderen Buch Moores Bitterer Zucker verkündet Hauptfigur Jack Youngblood, ein amerikanischer Söldner, sein Credo: "Ich bin kein Moralist und kein tiefer Denker. Ich bin bereit, für Geld so ziemlich alles zu tun- es sei denn für einen Kommunisten."  Ein Wahlspruch, der auch für Winslows multinationalen Söldnertrupp gelten könnte, ergänzt vielleicht um ein "und nicht für einen Muslim". Wobei dies in einem Fall im Laufe des Romans widerlegt wird.

Der erste Teil des Zitats geht fast schon zu kritisch mit der Söldnermentalität ins Gericht, um in Vergeltung fallen zu können. In Winslows Roman sind Söldner Ehrenmänner, die letzte Bastion wahren Mannestums. Natürlich individuell mit Fehlern behaftet, aber daraus kann man lernen – wie im Falle der Erb- und Erzfeinde Lev und Amir. Dass sich ein Verräter im Innern dieses Bundes aus Schweiß, Blut und Tränen findet, bestätigt wie üblich, dass es keine Regel ohne Ausnahme gibt, und dass derartige Auswüchse, die Bande der Übrigen noch enger zusammen schweißen. Das mag sich, gerade im Zusammenhang mit Don Winslow, hämisch anhören, ist aber nur die ziemlich objektive Abbildung des Vergeltung-Personals. Man sucht immer nach Brüchen, nach einem (ironischen) Subtext, doch der ist nicht vorhanden. Es gibt eine Handvoll Witze, aber die lesen sich wie folgt:

 

"Wie sieht's mit der Zerstörung des Lagers aus?", fragt Dave.
"Gewöhnliche Semtex und C4-Ladungen", sagt Ulrich beinahe gelangweilt. "Semtex hat einen sehr gemütlichen R.E.-Faktor von 1,59, C4 von 1,55. Die Sprengsätze könnten Kinder legen."
Jetzt macht sich Dave ernsthaft Sorgen um Ulrichs Nachwuchs.

 

Es gibt wahrlich wenig zu lachen. Schon gar nicht für Ex-Elitesoldat und jetzigen Flughafen-Sicherheitsbeauftragten Dave Collins, dessen Frau und Sohn bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommen. Die Regierung beharrt auf einer Unfall-Version, doch Dave findet bald heraus, dass ein gewiefter Yuppie-Dschihadist namens Aziz für den Abschuss der Maschine verantwortlich ist. Mit Spendengeldern, die ihm andere Angehörige der beim Anschlag umgekommenen Passagiere zuschanzen, wird flott eine unschlagbare Söldnertruppe engagiert, dann folgt eine kurze Episode im Ausbildungslager, anschließend herrscht Krieg. Es gibt die üblichen Irrungen und Wirrungen, samt reumütigem Mitglied der politischen Führungsebene, der die wackeren Recken letztlich stützt und schützt anstatt sie ins offene Bajonett laufen zu lassen, und am Ende – Vorsicht: Spoiler für Unbedarfte! – darf von paradiesischer Reinheit geträumt werden. Nachdem Dutzende von Terroristen sowie wenige freundliche Sidekicks vollmundig bzw. –blutig ins Gras gebissen haben.


Daneben frönt Winslow wieder jener Faktenhuberei, die einen bei der Lektüre von "Die Sprache des Feuers" schon zum nahezu perfekt ausgebildeten Brandermittler oder –stifter werden ließ, die hier aber zu einem überflüssigen Wust an Informationen führt, die lediglich Waffenfetischisten den ein oder anderen wohligen Orgasmus bescheren dürften. Schlussendlich ist es scheißegal, ob den entpersonifizierten Opfern unserer Heldenschar, kurz "Krähen" oder "Tango" genannt, von 9 mm, Kaliber .45 oder einer "Benelli M4 Super 90" mit "Kugeln Kaliber 12" das Gehirn durch die Schädeldecke gejagt wird. Schön, dass wir drüber informiert wurden, interessant wäre jetzt noch, wie viele Kugeln das Magazin der Benelli fasst und mit welcher Geschwindigkeit sie abgeschossen werden. Doch das wird bestimmt irgendwo erwähnt.

Wirklich perfide am Anfangsmassaker ist die Erwähnung von Patti Smith und Bruce Springsteen, deren "Because The Night" als intendierte Hintergrundmusik missbraucht wird. Möglicherweise auch einer der wenigen popreferentiellen Brüche des Werks, das ansonsten den Standards folgt, die insbesondere Filme vergangener Jahrzehnte vorgaben. Wobei Vergeltung unglaublicherweise noch näher bei einer offensiv rassistischen Angelegenheit wie "Häutet sie lebend - Unternehmen Wildgänse" ("Scorticateli vivi" von Mario Siciliano) als beim immer noch bedenklichen, aber gemütlichen und starbesetzten Andrew McLaglen-Rohrkrepierer "Die Wildgänse kommen" ("The Wild Geese") angesiedelt ist.

Mag ja sein, dass eine Passage wie:

 

Die Politiker in Salisbury und London hatten nicht die Eier zu kämpfen, und aus Rhodesien wurde "Simbabwe". Sie verschleuderten das beste Land der Welt an einen Haufen schwarzer Kommunisten und Gangster.
Und wir sind in alle Winde verstreut. Einige hat es nach Südafrika verschlagen, auch so ein von Schwarzen regierter Saustall [...],

 

der radikalen Sicht eines "Rolf" entspricht, dem Mitglied einer rhodesischen Elite-Einheit namens "Selous Scouts". Doch nirgendwo im Text wird diese Haltung revidiert, nicht einmal relativiert, im Gegenteil: Rolf erscheint ungebrochen als aufrechter Recke, der sich Zuneigung und Respekt verdient hat. Schließlich hat er auch Kartelle in Südamerika bekämpft.

Nur allzu gerne würde ich mich jenem Amazon-Rezensenten anschließen, der Vergeltung als das aktuelle American Psycho bezeichnet. Diese Mischung aus gelangweilter, aber elaborierter Schilderung einer bunten Warenwirtschaftswelt, mit einem Schrein und Loblied auf die angewandte Technologie, gepaart mit einer Bündelung ekstatischer und expliziter Gewaltausbrüche. Findet man tatsächlich beides in Vergeltung. Doch die Perspektive ist eine verkehrte. Wäre der Roman aus Sicht Aziz, des so modernen und redegewandten Topp-Terroristen geschrieben, hätte die Interpretation etwas für sich.

Im real existierenden Roman finden wir aber nur eine altbackene Mixtur aus Rachegeschichte und Loblied auf die Selbstjustiz, die Winslow so locker wie lässig, tempo- und actionreich entwickelt. Doch zu dem teilweise gekonnten Mix aus ausschweifenden Beschreibungen und gehetztem Stakkatorhythmus gesellt sich ein entsetzlich plakatives Pathos, das von "gefallenen Engeln", "verbrannter Erde" und törichten Reflektionen über das Wesen des edlen Kriegers, mitten in der "combat zone", gar nicht genug bekommen kann. Was wieder für die Entführung des Autors durch Außerirdische oder das missglückte Klonen sprechen würde.

Oder: Don Winslow wagt den Versuch, mit dem letzten Scheiß richtig Kohle zu kassieren. Könnte gelingen. Die Filmrechte sind anscheinend verkauft und eine Verfilmung ist geplant. Munkelt man in Munkelkreisen. Dass Vengeance zuerst und für begrenzte Zeit ausschließlich deutschsprachig erscheint, liegt höchstwahrscheinlich nicht daran, dass amerikanische Verleger Geschmack und moralische Bedenken entwickelt haben, sondern dass wir hierzulande einfach schneller waren. Cowabunga!

Natürlich schreiben wir Don Winslow nicht ganz ab, im Gegenteil, das hat Vergeltung erreicht: So voller Spannung wurde noch kein neues Buch des Autors erwartet. Eigentlich kann es nur wieder aufwärts gehen.

Fazit: Vielleicht ist Vergeltung auch die radikalste Satire, die man sich vorstellen kann. Ein Spießrutenlauf durch abgeschmackte Clichés, ständig kommentiert von mörderischen Dumpfbacken, die sich für das Salz der Erde halten. Hinweise auf diese Deutung werden so konsequent versteckt, dass man nur zu dem Schluss kommen kann, der Autor hat uns auf's Geschickteste hinters Licht geführt und uns zu willfährigen Söldnern seiner Lesart gemacht. Oder das Buch ist katastrophaler Kokolores.
D.h. für einen 50-Pfennig Leihbücherei-Reißer reicht es dicke. Mist, die gibt es nicht mehr. Weder Währung noch klassische Leihbücherei.

Kleiner Tipp zum Schluss: Lasst Vergeltung in den Regalen liegen, hört lieber John Cale.

 

Mercenaries are useless, disunited, unfaithful
They have nothing more to keep them in a battle
Other than a meager wage
Which is just about enough to make them wanna kill for you
But never enough to make them wanna die for ya

 

Yo Bruder, DIR folge ich gerne ins Camp.

PS.: Heißt es nicht "IKEA" statt "EKIA"? Natürlich. "Ich Kriege Einen Anfall" und nicht "Enemy Killed In Action".

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