Chill Bill

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: instant books, 2013, Seiten: 215, Originalsprache

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Lars Schafft
Nutten, Drogen & Koks in Rio

Buch-Rezension von Lars Schafft Sep 2013

Lange Zeit war es ruhig um Roger M. Fiedler, sehr ruhig sogar. Sein letzter Krimi, Pilzekrieg ist zehn Jahre alt. Dabei darf sich der Autor Träger des Deutschen Krimipreises nennen. Das ist aber noch länger her, 1997. Im Rahmen des Imprints "Instant Books" des Carlsen-Verlags bekommen wir nun endlich wieder die Möglichkeit, in Fiedlers feine, ironische Schreibe einzutauchen. Chill Bill heißt sein Roman und lehnt sich unschwer zu erkennen an Quentin Tarantino an.

Karneval in Rio. Mehr Feiern geht nicht. Genau das ist es, was Auftrags-Killer Vincent stört. Überall dieser Lärm, überall Drogen und Nutten. Er ist Profi und versteht keinen Spaß, wenn es um seinen Job geht. Konzentrieren, Anvisieren, Schuss – das ist sein Mantra. Doch kaum mit dem Flieger aus Deutschland gelandet, geht alles nach hinten los. Sein Kontaktmann Corelli ist eine Null, dessen Leben Tag für Tag aus Prostituierten, Transvestiten und unendlicher Menge Bierdosen besteht. Wie soll man mit so einem Kerl zusammenwohnen, geschweige denn -arbeiten? Wenn Vincents Leute vor Ort es nicht mals auf die Reihe bekommen, Munition für seinen Auftrag zu besorgen? So zur Tatenlosigkeit verdammt, tut er es Corelli mehr oder wenig angetan gleich und verliebt sich auch noch in die junge Elisabeth.

Dummerweise ist diese Tochter des Chefs der Militärpolizei. De las Freitas, so heißt der karrieregeile Vater, schielt auf den Posten des Gouverneurs. Und dazu ist ihm jedes Mittel recht. Einen Gangster mit 200kg Koks hops zu nehmen, sich am besten gleichzeitig noch von seinem Vorgänger und immer noch äußerst einflussreichen Patrons Forçalobos zu entledigen – der Weg wäre frei. Doch in einer Welt, in der eine Kugel mehr zählt als das Wort, läuft alles schiefer als erlaubt.

Zu Freitas' Problemen gesellt sich dann auch noch ein deutscher "Superagent" namens Walter Katz - dessen Motivation in Brasilien zu ermitteln dem Leser ebenso schleierhaft bleibt wie das Vincents geplanten Attentats.

Chill Bill ist wie von Roger M. Fiedler gewohnt ein äußerst komplexes Buch. Ultrakurze Kapitel reihen sich aneinander und fügen sich erst sehr spät zu einem homogenen Bild zusammen. Dieses zeigt Brasilien, hier insbesondere Rio de Janeiro und São Paulo, von seiner widerlichsten Seite. Gewalt gehört zum Alltag an der Copacabana dazu wie Korruption, Hurerei, Drogen und die lächelnden Cocos-Verkäufer vom Strand.

Schlussendlich eine ausweglose Situation für alle. Gewinnen kann hier keiner, weil niemandem zu trauen ist. Rio im Frühjahr ist für Fiedler eine gnadenlose Ego-Show, die er in einem furiosen Finale zu Ende führt und die ganze Sinnlosigkeit der Gewalt darin aufzeigt, dass unsere deutschen Beteiligten mehr oder weniger unverrichteter Dinge zurück ins Flugzeug steigen. Ein verwirrender, aber toll zu lesender Roman zwischen Brazilian Noir und Persiflage des Gangsterkrimis.

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