Himmel über London

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Bonnier, 2011, Titel: 'Himmel över London', Seiten: 523, Originalsprache
  • München: Der Hörverlag, 2013, Seiten: 2, Übersetzt: Dietmar Bär, Walter Kreye & Simone Kabst, Bemerkung: MP3

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Silke Wronkowski
Die unendliche Geschichte

Buch-Rezension von Silke Wronkowski Sep 2013

Leonard ist totkrank, sein letztes Stündlein hat geschlagen und er plant einen feierlichen Abgang. Deshalb lädt er seine Lebensgefährtin und ihre Kinder aus erster Ehe zu einem Geburtstagsdinner nach London ein. Eine Woche verbringen alle Beteiligten in der Metropole, bevor man sich gemeinsam in einem Restaurant zum letzten Akt zusammenfindet. Doch wird der Tisch für sechs statt nur für vier Personen gedeckt sein und bevor sich alle Gäste darüber wundern können, ist es auch schon zu spät.

Gestatten? Die Akteure.

Maud, einst Leonards Therapeutin und Mutter zweier Kinder aus einer Beziehung mit einem Psychologen, ist seit nunmehr 20 Jahren Leonards Gefährtin. Lebensgefährtin oder gar Begriffe wie Geliebte oder Freundin wären schon zuviel, mutet es doch eher wie eine Zweckgemeinschaft an. Nun ja, wer aus einer jugendlichen Vergewaltigung heraus den Beruf der Verhaltenstherapeutin ergreift und Zwillinge gebiert, die psychologisch gesehen mit ihren Zwangsstörungen und selbstzerstörerischem Verhalten ihr eigenes ausgewachsenes Paket zu tragen haben, ist vermutlich fern von Leidenschaft.

Irina, Mauds Tochter, seit frühester Kindheit von einem übersteuertem Waschzwang besessen, kann sich schon allein deshalb besseres vorstellen als eine Reise nach London, zu allem Überfluss zusammen mit ihrem Bruder Gregorius, der sein Leben mehr als nicht im Griff hat und der auf ein fettes Erbe hofft von einem "Stiefvater", zu dem beide nie eine Beziehung hatten. Das Erbe könnte Gregorius vor seinem rasenden Chef schützen, dem er 50.000 Euro gestohlen und dessen Frau er geschwängert hat. Ein neuer Name und eine neue Identität ließen sich doch sicher mit ein paar Millionen realisieren.

Milos, Mitte dreißig, wird per geheimnisvoller Post von seinem "Gönner" Leonard zu den Feierlichkeiten nach London geladen. Flug und Unterkunft seien bezahlt. Milos tritt diese Reise an, wohnt doch seine einstige große Liebe Leya auch in dieser Stadt, und wer weiß, ein Wiedersehen mit ihr könnte sich vielleicht lohnen.

Und während diese illustre Runde in London weilt, ist da auch noch Lars Gustav. Einst Taxifahrer, seiner 1968 in London verstorbenen Jugendliebe Carla nachtrauernd, der einen, nein den einen, großen Londonroman schreibt. Unter dem Pseudonym Steven G. Russell.

Das Nichts

In Himmel über London wird geschrieben im Geschriebenem, gelesen, was vergangen ist, oder steht plötzlich gedruckt in einem Buch, was Irina unter allen Umständen am Abend der Geburtstagsfeier zu tun hat - zu lesen in dem Buch Bekenntnisse eines Schlafwandlers von Steven G. Russell. Unterdessen liest Leonard seine eigene Biografie vor, die Geschichte seiner großen Liebe Carla, für die er Ende der 60er in London zum Spion wurde und für die er ins kommunistische Prag übersiedeln wollte. Michael Ende hätte vermutlich seine Freude daran und bald würde man sich beim Lesen auch nicht mehr wundern, wenn irgendwo die kindliche Kaiserin mit einem Sandkorn auftauchte.

Nesser lässt in den schier endlosen Vorstellungskapiteln der einzelnen Personen immer wieder einfließen, dass zur gleichen Zeit der "Watch Killer" in der Hauptstadt sein Unwesen treibt, ein Serienmörder, der seine Opfer mit einer billigen Armbanduhr zurücklässt, die zur Todeszeit stehengeblieben ist.

Spannung exklusive

Herr Nesser ist ein großer Erzähler mit einer gefälligen Sprache, keine Frage. Ganze 557 von 572 Seiten Raum gibt er seinen Figuren ihre innersten Gedanken und Beweggründe zu offenbaren, lässt sie über das Leben und den Tod philosophieren und allen voran über die Liebe und ihr Fehlen. Er greift immer neue Fäden für die Geschichte auf, springt zwischen den Jahrzehnten und Personen munter hin und her, so dass der Leser am Ende leider kein fein verwobenes Netz in den Händen hält, das irgendein Gesamtbild offenbart. Schlimmer noch, man ist gezwungen alle losen Stränge bis zum Schluss parallel zu erinnern, um dann im enttäuschendem Finale zwei, drei davon verknüpfen zu können, die restlichen aber leider völlig unbefriedigt fallen lassen muss.

Nein, das ist kein Krimi und frei von jeglichem Thrill oder Spannungsbogen oder irgendeiner gearteten Auflösung, denn es gibt einfach auch gar nichts aufzulösen. Nesser weiß das. Er selbst sagte in einem Interview, dass Himmel über London kein Krimi ist:

 

"Ich möchte eine Art Trilogie über die Grossstädte London, New York und Berlin machen. Keine Krimis, aber Geschichten mit einem leicht kriminalistischen Plot."

 

Letzterer fällt im vorliegendem Buch so leicht aus, dass er eigentlich gar nicht vorhanden ist. Als Biografie einer Gruppe gescheiterter Existenzen funktioniert das Buch hingegen meisterlich.

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