Krieg der Bastarde

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Rio de Janeiro: Língua Geral, 2007, Titel: 'A guerra dos bastardos', Originalsprache
  • München: A 1, 2013, Seiten: 208, Übersetzt: Wanda Jakob

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Lars Schafft
Porno, Pulp und rosa Pudel

Buch-Rezension von Lars Schafft Aug 2013

Krimis aus Brasilien? Da hat man schnell alle Klischees zusammen: Caipi und Bikini, Gewalt und Drogen. Krieg der Bastarde bedient nur die letzteren und das in bester Manier eines Quentin Tarantino oder der Coen-Brothers. Pulp Fiction brasilianischer Art, Fargo vom Zuckerhut.

Es geht um eine Tasche voller Stoff, die der junge Porno-Darsteller Amadeu durch einen dummen Zufall ergaunert hat. Schnell macht er sie zu Geld und kann seinen unverhofften Reichtum kaum glauben. Doch wie gewonnen so zeronnen, noch so ein blöder Zufall: Er wird von einem Auto überfahren. So machen Unterweltbosse und deren Gangster Jagd auf eine Leiche, während die Kohle unter den Bohlen einer schäbbigen Dachgeschosswohnung vor sich hin schlummert.

Autorin Ana Paula Maia lässt diese Story von einem Erzähler namens Dimitri berichten, der, wie er selbst im Prolog sagt, keinesfalls Protagonist des Ganzen ist. Trotzdem taucht er auf, als Mitarbeiter einer Videothek. Und schon aus den niedergeschlagenen Eingangsworten Dimitris liest man heraus, dass der Krieg der Bastarde nicht gut ausgehen wird.

Denn: Maia führt viele Figuren ein, lässt sie in die Geschichte stolpern, aber manche wiederum genau so schnell wieder verschwinden - oder gleich sterben. Einen echten Protagonisten hat dieser erstaunliche Roman tatsächlich nicht. Dafür aber so viele skurrile Figuren, dass der Ideenreichtum der Autorin eine wahre Freude ist. Oder man an ihrem Geisteszustand zweifeln muss. Je nach Perspektive.

Besagter Porno-Darsteller Amadeu ist dabei fast noch der Harmloseste. Seine Freundin Gina arbeitet ihre Schulden bei einem Drogenbaron ab, indem sie bei illegalen Boxkämpfen gegen Männern in den Ring steigt. Amadeus Mitbewohner Hóracio arbeitet beim Film, tendiert aber eher zur Musik und fiedelt auf einer Säge, weil er sich keine Geige leisten kann. Dessen Nachbar ist von einem ganz anderen Schlag, verspeist Ratten bei lebendigem Leib, weil sie ihn gebissen haben. Und dann gibt es da noch eine Kleinfilm-Produzentin, die in ihrer Bein-Prothese Drogen versteckt und eine Sex-Aktrice, die aus Körperöffnungen unterhalb des Halses flammende Kugeln zwei Meter weit schießen kann und damit Objektive zerstört.

Besonders herrlich gelungen sind Ana Paula Maia in diesem abgedrehten Figuren-Potpourri die Szenen um die zwei Auftragskiller Edgar und Pablo. Slapstick hoch zehn, voller absurder Situationskomik und eigenartiger philosophischer Gedankensprünge. Da liefert Abba mit "Fernando" den Soundtrack zu Edgars erstem Mord, Pablo errechnet sich den Wert seiner Lungenflügel anhand der gerauchten Zigaretten und während die beiden Ganoven durch die brasilianische Metropole cruisen, läuft zur Entspannung eine CD mit dem Titel Knistervariationen Schweizer Kaminfeuer. Dass die Dialoge köstlich sind, liegt nahe:

 

"Mir wäre es nicht recht, von einem beschissenen Straßenköter gefressen zu werden", seufzte Pablo Sasaki. "Wenn schon, dann von einem Tiger oder Löwen ... aber doch nicht von einem schwulen Pudel mit rosa Fell, der Fofinho heißt. Echt nicht."

 

Auch wenn die jeweiligen Kapitel in diesem brasilianischen Mikrokosmos für sich selbst schon äußerst gelungen sind, überrascht Ana Paula Maia damit, wie sie nach und nach zu erkennen gibt, dass alle ihrer Charaktere irgendwie etwas miteinander und damit mit der Geschichte im Großen und Ganzen zu tun haben. Wer mit wem? Das ist schon sehr kunstvoll gemacht.

Und trotz aller Gewalt, Kaltblütigkeit und Aggression: Maias Figuren haben alle etwas zutiefst Menschliches, fast Liebenswertes. Dass die Autorin zudem in ihrem Text unaufdringlich wie geschickt Querweise vom altgriechischen Diogenes bis zu Dostojewski zieht, macht Krieg der Bastarde zusätzlich zu etwas Besonderem, sehr Kunstvollem und Intelligenten.

Selten war Schundliteratur so schön.

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