Straße der Diebe

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • München: Hanser, 2013, Seiten: 344, Übersetzt: Holger Fock & Sabine Müller

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Almut Oetjen
Leben in der Dunkelheit

Buch-Rezension von Almut Oetjen Aug 2013

Der siebzehnjährige Marokkaner Lakhdar und sein Freund Bassam träumen davon, ihrem Leben nach Europa zu entfliehen. Lakhdar interessiert sich nicht für Politik oder Religion, nicht für den gerade angebrochenen arabischen Frühling, der die Weltmedien beherrscht, er möchte nur ein angenehmes Leben führen.

Dass er sich den herrschenden Normen nicht entziehen kann, muss er einmal mehr feststellen, als sein Vater ihn nackt mit seiner Cousine Meryem überrascht. Er wird durchgeprügelt und von seinem Vater, damit der Familie, ausgestoßen. Lakhdar lebt auf der Straße und kommt in Kontakt mit der islamistischen Organisation "Muslimische Gruppe zur Verbreitung des koranischen Gedankenguts", der auch Bassam angehört. Cheikh Nouredine ist Führer dieser Gruppe, die den jungen Leuten Orientierung und Halt gibt, um sie für ihre Ziele zu interessieren. Der Cheikh verschafft Lakhdar einen Job als Buchhändler für die Verbreitung muslimischer Erbauungsliteratur. Lakhdar wird genötigt, sich an einem Gewaltakt gegen einen von ihm geschätzten Buchhändler zu beteiligen. Er verliebt sich in die Spanierin Judit, die in Marokko Urlaub macht, in Barcelona arabisch studiert und Aktivistin bei den Indignados ist. Nachdem von Nouredines Gruppe ein Attentat in Marrakesch verübt und als Reaktion das Büro der Islamisten in Brand gesetzt wurde, verlässt Lakhdar die Gruppe. Er hat kurzzeitig Jobs, arbeitet auch für einen Spanier in Algeciras, bis dieser Selbstmord begeht. Lakhdar stiehlt ihm knapp 5000 Euro und fährt nach Barcelona zu Judit. Sein neues Leben in der Illegalität hält nicht für ihn bereit, was er sich vorgestellt hat. Er gerät in ein Milieu, das bestimmt ist durch Gewalt, Alkohol, Prostitution und Kriminalität - die Straße der Diebe.

Mathias Énards dritter ins Deutsche übersetzter Roman Straße der Diebe thematisiert Konflikte als einen zentralen Mechanismus der Interaktion zwischen Menschen. Der Roman handelt nicht von einem Konflikt, sondern von einer Welt, die sich über Konflikte weiterentwickelt. Die Geschichte der Menschheit ist ebenso wie die Gegenwart der Menschheit eine Abfolge von Gewaltakten. Énard stellt gesellschaftliche und private Gewalt nebeneinander, spannt einen Bogen vom Ersten Weltkrieg über den arabischen Frühling und durch Gewalt bestimmte Demonstrationen in der Europäischen Union, Gewalt in der Familie und in Beziehungen.

Für Énard scheint der arabische Frühling auch nicht mehr zu bieten als Machtverschiebungen, neue Konflikte, offenbarte Interessen politischer Gruppierungen, die nicht übereinstimmen mit den wirklichen Interessen.

Der Ich-Erzähler Lakhdar hat weder ein inneres noch ein äußeres Zuhause und in seinen Jobs auf verschiedene Weise mit dem Tod zu tun. Er digitalisiert Karteikarten, die Daten getöteter Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg enthalten. Er arbeitet in Algeciras für ein Bestattungsinstitut, das spezialisiert ist auf die Rückführung der Leichen illegaler Einwanderer, oft vor der spanischen Küste ertrunkener Menschen.

Durch die formale Gestaltung weist der Roman einen inneren Zusammenhalt auf, der uns eine Welt präsentiert, die den Menschen zum Hund degradiert, der auf der Suche nach einem Herrn ist und, solange er keinen hat, ziellos und verloren im Dunkeln tappt. Ein menschliches Wesen ist ein verdorbenes Miststück, erfahren wir auf der ersten Seite. Und Énard macht dies zum Programm, das er konsequent vertritt.

Lakhdar bleibt als Erzähler nicht lange bei einem Thema oder Gedanken, mäandert gelegentlich, kommt aber immer wieder auf bestimmte Themen zurück. Die Charaktere entwickeln sich beim Erzählen, sind nicht frei von inneren Widersprüchen.

Lakhdar will ein Leben in Selbstbestimmung, nicht wie Bassam, der seinem Herrn Nouredine bedingungslos ergeben ist, der diesem alles glaubt, weil er nichts weiß und nichts versteht. Bassam beteiligt sich an einem Bombenanschlag auf ein Café und wird bald mit Phantombild gesucht.

Als Kriminalroman beginnt Straße der Diebe nicht mit einem Verbrechen, das aufzuklären ist. Auch liefert er keine eindimensionale Begründung, die den Erzähler zum Mörder werden lässt. Vielmehr beschreibt er die Entwicklung eines Jugendlichen als naiven Menschen, der selbst von sich sagt: "Meine Dankbarkeit gegenüber Cheikh Nouredine verriet viel von meiner Naivität, um nicht zu sagen von meiner Blödheit." Er versteht die Welt um sich herum kaum. Was ihn zum Mörder werden lässt, ist kein Vorsatz, kein Schlüsselereignis, bei dem es "Klick" macht, sondern ein komplexes Wirkungsgefüge.

Der Mord, der am Ende begangen wird, ist nicht in krimiüblicher Weise eindeutig motiviert. Dem Täter fehlen zuverlässige Informationen für die Tatbegründung, die sich vielmehr aus einer Vielzahl von Einflüssen ergibt, die zuvor beschrieben werden und seine Perspektive bestimmen.

Lakhdar hat zumindest zur Zeit der Niederschrift seiner Erinnerungen, denn das ist die Form dieses Romans, seine Naivität verloren.

 

"Ich bin kein Mörder, ich bin mehr als das. Ich bin kein Marokkaner, kein Franzose, kein Spanier, ich bin mehr als das. Ich bin kein Muslim, ich bin mehr als das. Machen Sie mit mir, was Sie wollen."

 

Mathias Énard hat mit Straße der Diebe einen der interessantesten Romane der letzten Zeit geschrieben, der als Entwicklungsroman und als etwas ungewöhnlicher Kriminalroman funktioniert. Lebensfäden werden verwoben, und am Ende folgt in einer existenziellen Entscheidungssituation ein Mord.

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