Vermisst

  • Zsolnay
  • Erschienen: November 2022
  • Wien: Zsolnay, 2013, Seiten: 352, Übersetzt: Markus Lemke
  • Jerusalem: Keter, 2011, Titel: 'Tik ne’edar', Originalsprache
Vermisst
Vermisst
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Carola Krauße-Reim
60°

Krimi-Couch Rezension vonJan 2023

Krimi mit sehr viel Luft nach oben

Der 16-jährige Ofer verschwindet spurlos. Inspektor Avraham Avraham von der Polizei in Cholon bei Tel Aviv glaubt erst nicht, eingreifen zu müssen. Doch als Ofer nicht mehr auftaucht, beginnt eine großangelegte Suche. Ofers Nachhilfelehrer verhält sich merkwürdig, doch was verbirgt er? Bald entwickelt sich der Fall viel komplizierter als vermutet.

Neue Auflage der Serie

Die Serie rund um Inspektor Avraham Avraham erschien bis Band drei bereits ab 2013 in Deutschland. Nachdem im Februar 2022 der vierte Teil „Vertrauen“ im Diogenes Verlag erschien, werden nun auch die Vorgänger neu aufgelegt. In „Vermisst“ lässt Autor Dror Mishani seinen Protagonisten Avi Avraham immer wieder betonen, dass es keine Krimi-Literatur in Hebräisch geben würde. Doch neben einigen anderen israelischen Autoren beweist Mishani mit „Vermisst“, „Die Möglichkeit eines Verbrechens“, „Die schwere Hand“ und „Vertrauen“ das Gegenteil.

Spannend wird es erst sehr spät

Dror Mishani ist Literaturdozent an der Universität Tel Aviv. Dass ausgerechnet Kriminalgeschichten sein Fachgebiet sind, kann man nach der Lektüre von „Vermisst“ kaum glauben. Mishani hält alle seine Figuren auf Abstand, führt sie kaum ein. Seinen Protagonisten Avraham Avraham lässt er manchmal ungewöhnlich agieren und sein Verhältnis zu seinen Eltern scheint problematisch. Dennoch wird kaum begründet oder erklärt, warum das so ist. Jegliche Emotionen werden nur sehr verhalten und distanziert geschildert, was verhindert, dass die Leserschaft an die Geschichte gebunden wird. Doch nicht nur dadurch wird diese erst sehr spät spannend. Über lange Strecken zieht sich das Geschehen, ohne vorangetrieben zu werden. Dabei können die Rückblicke irritierend sein, die gerade schon Erzähltes aus einer weiteren Perspektive schildern, ohne aber auch nur einen kleinen Ansatz von Neuigkeiten zu haben. Erst als sich langsam herauskristallisiert, dass hinter dem Verschwinden des Jungen viel mehr steckt als angenommen, nimmt der Krimi an Fahrt auf. Wenn man dann über so einige Logikfehler hinwegsieht und die Handlungen des Teams um Avraham nicht hinterfragt, tritt das ein, was man sich von Anfang an gewünscht hätte – ein spannender Plot mit Wendungen, die selbst den Schluss noch treffen.

Tatsächlich Cholon bei Tel Aviv?

Dror Mishani ist in Cholon geboren und lebt heute in Tel Aviv. Er kennt die Gegend und das Leben in Israel. Doch von der teilweise sehr speziellen Lebensweise, den politischen Verhältnissen und den örtlichen Besonderheiten ist im Buch kaum etwas zu spüren. Die Handlung hätte an fast jedem Ort stattfinden können. So hat Mishanis Protagonist doch fast noch Recht behalten, wenn er meint, es gäbe keine Kriminalromane aus Israel, denn „Vermisst“ ist als solcher auch nur durch den Autor auszumachen, was den Inhalt und vor allem die Atmosphäre betrifft bei Weitem nicht.

Fazit

Der Auftakt zur 2022 fortgesetzten Avraham-Avraham-Serie in Neuauflage. Erst sehr spät spannend und ohne Lokalkolorit erzählt Dror Mishani einen Krimi aus Israel, der als solcher kaum wahrzunehmen ist. Eine Leserschaft mit Faible für das Land im Nahen Osten könnte sich bei anderen Autorinnen und Autoren besser aufgehoben fühlen.

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