Kalter Schmerz

  • Der Audioverlag
  • Erschienen: Januar 2013
  • London: Head of Zeus, 2012, Titel: 'Something you are', Originalsprache
  • Berlin: Der Audioverlag, 2013, Seiten: 5, Übersetzt: David Nathan
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Silke Wronkowski
60°

Krimi-Couch Rezension vonJun 2013

Viel Lärm um nichts.

Die sechzehnjährige Tochter des einflussreichen Waffenhändlers Pat Dyer wird vermisst. Seiner Frau Clare gefällt es gar nicht, dass er Nic Caruana beauftragt sie zu finden, der so gut wie alles für Geld macht – ohne Skrupel, ohne Grenzen. Noch bevor Nic richtig loslegen kann, wird Emmas geschändete und bis zur Unkenntlichkeit entstellte Leiche gefunden und fortan lautet sein Auftrag diejenigen zu finden, die Pats Tochter das angetan haben. Koste es, was es wolle. Und damit ist bei weitem nicht nur das Finanzielle gemeint.

Nic Caruana, Italo-Schotte aus solidem Hause, würde sich selbst die Berufsbezeichnung "Privatermittler" geben, aber eigentlich reicht ihm auch sein guter Name. Den Endzwanziger kennt in London jeder, der für sein Anliegen wohl besser nicht die Polizei oder einen richtigen Detektiv engagiert. Problemlöser wäre indes passender. Sie haben eine verwesende Leiche in ihrer Wohnung? Kein Problem, Nic Caruana kümmert sich um die Entsorgung und die Reinigung des Tatorts. Ihr Schweinehund von einem Exmann erpresst sie für das Sorgerecht für ihre Kinder mit kompromittierenden Videos? Nic kann sie wiederbeschaffen. Ihre Tochter ist brutal ermordet worden und sie wollen aus Rache ihren Mörder foltern und umbringen? Auch hier kann Nic helfen: Ein Spitzel bei der Polizei, ein paar Ermittlungen inklusive Knochenbrüchen und blutiger Wunden, und schon präsentiert er ihnen den Täter, mit dem sie dann anstellen können was immer sie wollen. Schließlich lässt sich Nic für solcherlei Dienstleistungen bezahlen und das reichlich.

Und so kommt es, dass Pat Dyer, ein Waffenhändler, ihn auf die Suche nach dem Mörder seiner Tochter Emma schickt, deren Teenagerleben nicht ganz so harmlos war, wie Papa es sich gewünscht hätte – Alkohol, Drogen, Sex, Nics Recherchen bringen eine andere Emma ans Tageslicht, als die, die Mutter Clare und Vater Pat kannten. Doch bis Nic letztendlich den wahren Täter finden kann, brechen Knochen, müssen Kleinkriminelle dran glauben und bringt er sich selbst in größte Gefahr viel zu nah an Gangsterbossen, die man besser nur als Mythos aus der Ferne kennt.

In Hanna Jamesons Erstling geht es brutal zu. Da hat eine Weltmetropole nichts von ihrem Touristencharme, sondern nur rotzfreche Kinder, die bereits wissen, dass es für Informationen ein paar Pfund geben muss, Jugendliche, die sich durch alle verfügbaren Drogen probieren und sämtliche Betten vögeln und Erwachsene, die sich prostituieren oder Gewalt für den einzigen Weg der Kommunikation halten. Da werden Rauschmittel verkauft, Menschen gehandelt und Schulden mit platzenden Augäpfeln und splitternden Knochen beglichen. Die junge Autorin zeichnet mit ihren gerade mal 23 Lenzen eine Wirklichkeit, die härter gekocht wirkt als in manchem Hardboiled und man fragt sich, wo sie das ob ihrer Jugend her haben kann. Die simple Antwort: sie liest. Anfangs springt dem Leser bei der Figur Nic Caruana ein Philip Marlowe förmlich ins Gesicht, man merkt sofort, dass zwischen ihm und Clare die Funken sprühen und in einer Tragödie enden werden. Hier und da zitiert sie Edgar Allan Poe und lässt es schließlich ihre Protagonisten selbst trefflich auf den Punkt bringen:

 

"Würde man das in eurem Land eine Shakespearesche Tragödie nennen?", fragte er mich.
"Nur wenn man es unterhaltsam findet", erwiderte ich.

 

Große Vorbilder wie J. G. Ballard oder David Peace und eine eigene, schräge Biographie machen eben noch keine Bestsellerautorin aus einem zwanzigjährigem Talent; aber letzteres kann man ihr nicht absprechen, schafft Jameson es doch, eine Welt zu zeichnen, die greifbare Düsternis und Hoffnungslosigkeit ausdrückt, gibt ihren Charakteren stimmige Lebensläufe auf dem Werdegang zu gescheiterten Existenzen und flechtet ein ausreichendes Maß an Realität ein – und sei es nur, dass ihre Figuren Supermärkte aufsuchen oder Verwandte haben, die in Afghanistan stationiert sind.

Leider passt dann aber doch nicht alles zusammen und so stolpert man immer öfter über den Antihelden Nic, der doch anfangs noch daherkam wie ein gefürchteter und gewitzter Typ, aber im Laufe der Geschichte viel zu oft in die Falle tappt, aus der er nur geprügelt und blutend bis hin zu fast schon tot wieder entkommen kann. Und leider wird man als Leser immer mehr der schlauere "Privatermittler" und durchschaut das Gewirr von falschen Fährten und Nebenhandlungen eher als einem lieb sein kann. Schade, so wird aus einem vielversprechenden Buch, das zu unterhalten weiß, leider am Ende nicht der Kracher, der nachhallt. Bis auf die Erinnerung des ebenso belesenen Lesers an ein weiteres Shakespeare-Stück. Much Ado About Nothing.

Kalter Schmerz

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