Drecksspiel

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Ullstein, 2013, Seiten: 320, Originalsprache

Couch-Wertung:

81°
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Jochen König
Verf***te Scheiße!

Buch-Rezension von Jochen König Jun 2013

Mit Drecksspiel erweist sich Martin Krist erneut als wandlungsfähiger Autor. Spielte der Vorgänger Mädchenwiese größtenteils in einer dörflichen Gemeinschaft, kehrt Krist mit seinem aktuellen Roman rigoros zurück in die Großstadt Berlin.

Eine Vielzahl von Personen begegnet sich bei einem wahrhaft dreckigen Spiel, dessen Drahtzieher der "Pate von Berlin" Miguel Dossantos ist. Figuren auf dem Spielfeld sind Kleinganoven, (Ex-)-Polizisten, verzweifelte Eltern, wenig erfolgreiche Geschäftsleute, Prostituierte, tumbe Schläger und ein psychopathischer Killer.

Kein einfaches Spiel, dessen Regeln kompliziert sind und zudem ständig gebrochen werden. Wahrhaft positive Identifikationsfiguren existieren nicht. Jeder der Beteiligten hat auf die ein oder andere Art Schuld auf sich geladen, die einen versuchen zu büßen, andere laufen davon, und eine dritte Gruppe schert sich nicht um Begrifflichkeiten wie Schuld und Strafe. Grenzen zerfließen, Polizisten erweisen sich als korrupte Egozentriker; erfolglose Kleinunternehmer werden zu Dieben und treten damit eine Lawine los, die Beteiligte und (beinahe) Unbeteiligte unter sich begräbt. Nahezu jede Figur ist mit den anderen auf unterschiedlichste Art verbunden, die vieladrigen Erzählstrange scheinen zunächst unabhängig voneinander abzulaufen, bis klar wird, dass sie miteinander verknüpft sind. So wird schnell klar, dass jede Entscheidung die in einem Part getroffen wird, Einfluss auf die weitere Entwicklung der anderen Teile besitzt.

Martin Krist verwebt das geschickt, springt durch Zeit (zu Beginn) und Raum (permanent) und versetzt so seine Figuren in eine nervöse Anspannung, die sich auf den Leser überträgt. Nichts für Anhänger linearer Abläufe. Und schon gar nichts für Leser, die einem rührigen Detektiv bei erfolgversprechenden Ermittlungen folgen wollen. Am ehesten nimmt noch David Gross diese Rolle ein, doch auch er ist eher ein Gehetzter als ein Jäger aus Passion. Zwar ermittelt er konsequent und hartnäckig im Fall der entführten Shirin Rosenfeldt, doch ständig kommen ihm die Dämonen seiner Vergangenheit in die Quere. Je mehr er herausfindet, umso größer wird der Druck, der auf ihm lastet. Und ob am Ende alles, oder auch nur das Meiste, gut ausgehen wird, ist bald ungewiss.

Denn das Drecksspiel ist tatsächlich eins. Finsternis so weit man sieht. Keine gemütliche Tatort-Folge, die den Kommissar oder die Kommissarin zwar geradezu skandinavischem Leiden an der Welt aussetzt, aber dramaturgisch dafür sorgt, dass am Ende Recht und ein bisschen Ordnung herrschen.

Das Spielfeld in Martin Krists Roman ist hingegen in Auflösung begriffen. Hier kann jederzeit alles passieren. Meist das erdenklich Schlimmste& Krist exerziert das konsequent und mit hohem Spannungspotenzial durch. Schwächen leistet sich der Roman im Erzählstrang um die junge Mutter Hannah und ihre kleine Tochter Millie. Hier wird die Schwärze des Romans partiell zum selbstzweckhaften, brutalen Gimmick. Zwar schlüssig in die Handlung eingebaut, verlieren sich die Episoden in einem bluttriefenden "catholic Schoolgirl in need"-Spektakel, das der Roman nicht unbedingt gebraucht hätte. Besser und eindrücklicher hatte Krist ein ähnliches Szenario in der eigenen Mädchenwiese im Griff. Hier sorgt es zwar für oberflächliche Spannung, lenkt aber eher von den vielschichtigen Hauptteilen der Erzählung ab. Ähnlich störend wirkt sich der, vor allem in der ersten Hälfte, übermäßige Gebrauch von Cliffhangern an den jeweiligen Kapitelenden aus. Das funktioniert gelegentlich als oberflächlicher Spannungsmoment, verliert aber durch zu häufige Wiederholung.

Doch das sind kleinere Schwächen eines Krimis, der vieles richtig gut macht und sich noch mehr traut. Interessant bleibt nicht nur die Frage wie es mit den gebeutelten Protagonisten weitergeht. Sofern sie das Drecksspiel überlebt haben&.

PS.: Die Überschrift taucht quasi als Motto des Buches vielfach im Text selber auf. Der tief im Morast steckende Bulle Toni Risse muss diesen Ausspruch einmal zu oft bemühen. Während er versucht, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Doch erstens kommt es zweitens manchmal genauso wie man denkt. Obwohl alles ganz anders ist.

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