Die Affen von Cannstatt

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Argument, 2013, Seiten: 288, Originalsprache

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Dieter Paul Rudolph
Von Affen und Menschen

Buch-Rezension von Dieter Paul Rudolph Jun 2013

Die Bonobos haben den Bogen raus. Gibt es Stress oder Streit, regeln sie die Probleme mit Sex. Ganz so einfach ist es bei Camilla Feh, die die Affen in der Stuttgarter Wilhelma beobachtet, nicht. Die Soziologiestudentin, Tochter einer angeblichen Kindsmörderin, wurde in die Gutbürgerlichkeit einer Kürschnerfamilie hineinadoptiert, ihr Freund Till ist notorischer Tierbefreier und Veganer, sie überwirft sich mit ihrem Professor und bricht ihr Studium ab. Natürlich kommt es noch schlimmer, das ist in Krimis eben so. Till, inzwischen auf dem Karrieretrip und von Camilla getrennt, wird im Bonobogehege tot aufgefunden, schrecklich zugerichtet. Hat ihn Camilla heimtückisch hineingelockt und den Affen im wahrsten Sinne des Wortes zum Fraß hingeworfen? Auch ihr Professor kommt unter mysteriösen Umständen ums Leben. Schlecht für Camilla, sie landet in Untersuchungshaft. Dort führt sie ein "Haftbuch" sowie eine "Verteidigungsschrift", in der sie ihre Geschichte erzählt und nach entlastenden Indizien sucht

Ein Lisa-Nerz-Krimi? Kein Lisa-Nerz-Krimi?

Hm, denkt man bei diesem Setting, endlich hat Christine Lehmann einen Nicht-Lisa-Nerz-Krimi geschrieben. Das ist mutig und bot sich nach den Turbulenzen im letzten Roman (Totensteige) gerade an. Bald jedoch wird klar, dass Lehmann auf ihre bewährte Serienheldin nicht gänzlich verzichten kann. Sie spielt eine, wenn auch gewichtige, Nebenrolle, der Fall beugt sich nicht ihrer Perspektive. Das ist noch mutiger.

Überhaupt: Cristine Lehmann rollt hier große Steine durch die Krimilandschaft. Camilla, deren Mutter ihre Neugeborenen getötet haben soll, findet heraus, dass auch die Bonobos zum Verwandtenmord neigen. Sie leben im Matriarchat, was wiederum mit der Situation im Frauengefängnis verglichen werden kann. Das klingt zunächst nach etwas zu dick aufgetragenem "intellektuellen Mehrwert", doch so einfach macht es Christine Lehmann sich und uns nicht. Die Verhältnisse sind komplizierter, das Matriarchat letztlich auch nur ein Instrument zur Unterdrückung, über allem thront Zwang, ob er nun Natur oder Staatsgewalt heißt.

 Ein riskantes Unterfangen

 Wie schon im Vorgängerroman Totensteige lebt auch hier alles von der Form. Camilla ist alles andere als eine objektive Erzählerin. Sie muss sich verteidigen, Beweise für ihre Unschuld finden, wobei bis zum Schluss offen bleibt, ob wir ihr alles glauben können oder nicht. Die Einträge in ihr "Haftbuch" erzeugen eine geradezu traumatische, klaustrophobische Grundsituation. Sehr detailliert schildert Camilla ihren Gefängnisalltag, die Machtkämpfe der Häftlinge, die Gefühlswallungen zwischen Hoffnung und Enttäuschung, Lethargie und Entsetzen. Die eigene dunkle Vergangenheit hängt über allem wie das sprichwörtliche Damoklesschwert.

Ein weiterer Strang beleuchtet die sehr zwielichtige Rolle von Lisa Nerz. Sie bringt Camilla hinter Gitter – und sorgt am Ende dafür, dass die Gerechtigkeit siegt (oder wenigstens so ähnlich). Ein Ruhmesblatt ist das nicht, Lehmann holt ihre Heldin vom Sockel.

Mit dem Mechanismen des alterwürdigen Whodunit wird in Die Affen von Cannstatt nur am Rande, wenn überhaupt, gearbeitet, ein windschnittiger Psychothriller, wie sie momentan allenthalben zu entstehen scheinen, ist der Roman aber auch nicht. Wäre zudem merkwürdig. Selbst die Figur der Camilla Feh bleibt letztlich vage, wir lernen sie nicht wirklich kennen, denn sie kennt sich selbst nicht.

All das ist nicht ohne Risiko und hätte leicht schiefgehen können. Aber ist es nicht. Lehmann verschiebt die Bauelemente von "Krimi", ohne sie theatralisch umzustürzen. Sie zieht ein Netz von Analogien über den Text (der naheliegende Vergleich Mensch – Tier), destabilisiert ihre Serienheldin und verweigert uns die tröstliche Gewissheit einer platten Psycho-Logik. Am Ende ist Die Affen von Cannstatt so etwas wie ein Lehr-Krimi. Wir haben viel gelernt und sind aufgefordert, das Gelernte anzuwenden. Geschenkt wird uns nichts, nicht einmal ein völlig "befriedigender" Schluss. Schön so. Sehr zu empfehlen, dieses Buch.

Die Affen von Cannstatt

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