Knockemstiff

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • New York: Doubleday, 2008, Titel: 'Knockemstiff', Seiten: 206, Originalsprache
  • München: Liebeskind, 2013, Seiten: 256, Übersetzt: Peter Torberg

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Jochen König
Adrift without a course, it's very lonely here

Buch-Rezension von Jochen König Jun 2013

Knockemstiff ist das Kaff in der Senke, aus der man nie herauskommt, so sehr man es sich auch wünscht. Jener Ort, der so lähmt wie das Leben, in dem das Leben ein ewiger Kampf ist, gegen andere, äußere Umstände und immer gegen sich selbst. Donald Ray Pollocks Geschichten aus Knockemstiff vorangestellt ist eine Karte, ein Lageplan der wichtigsten Gebäude und "Sehenswürdigkeiten" wie "Eules Karre", die in den Erzählungen der wechselnden Protagonisten eine gewichtige Rolle spielen.

Pollocks spätes Debüt ist ein Reigen, der mit Bobby und seinem brutalen Vater Vernon beginnt und Jahr(zehnt)e später mit genau diesen Beiden endet. Schlägt Vernon zu Beginn noch einen Kontrahenten halbtot und verwickelt Bobby voller Stolz in seinen ersten Kampf, ist er am Ende von einem Sauerstoffschlauch abhängig, schaut sich Boxkämpfe nur noch im Fernseher an und ringt mit dem Tod. Zwischen Abscheu und Bewunderung erkennt Bobby die Zähigkeit des Alten an, weiß aber genau, dass der letzte Kampf fast vorbei ist.

Dazwischen wechseln die Erzähler und Jahre, manche Figuren tauchen an anderen Stellen und zu anderer Zeit wieder auf, so wie der Deserteur Jack, der in seiner eigenen Geschichte in den 40ern zum Vergewaltiger und mehrfachen Mörder wird, um Jahrzehnte später als harmloser Sonderling in der Titelgeschichte, die auch kurz erklärt wie Knockemstiff zu seinem Namen kam, wieder aufzutauchen. Die Vergewaltigung und der Mord an einem inzestuösen Geschwisterpaar und einem, bzw. indirekt zwei Soldaten werden anscheinend nie geahndet. Von Sühne auch keine Spur, der Fahnenflüchtige sehnt sich nach Erfüllung und Erlösung, wie sie sich im ekstatischen Sex der jugendlichen Geschwister manifestiert.

Die große Kunst Pollocks besteht darin, Interesse zu wecken am Schicksal von Menschen, die eigentlich gar keines haben. Die in stiller, aber auch schreiender Sehnsucht "in der Senke" verharren, deren Leben geprägt ist von Gewalt, Drogen, Verzweiflung und Träumen, die sich nie erfüllen werden. Eigentlich genau das Klientel, das von gnadenlosen Privat-Sendern tagtäglich auf den Bildschirmen dieser Erde verheizt wird. Doch Pollock ist weit von diesem zynischen Vorführ-Gestus entfernt, er schafft mit knappen, lakonischen und treffenden Sätzen Empathie und einen eigenwilligen Leserausch, der seine locker miteinander verbundenen Stories so eindrücklich macht, dass die Beschäftigung mit dem Stoff, den Stoffen, über die bloße Lektüre hinausreicht. Der Autor braucht dafür kein großes Drama, keine aufgebauschten Spannungsbögen, es sind meist die kleinen Gesten, Charakteristika oder Stimmungen, die sich mit Wucht festsetzen. Wie die wechselhafte Geschichte von Geraldine Stubbs, der "Fischstäbchenfrau", der wir das erste Mal im Alter von Fünfzehn begegnen, als sie noch "Peanut Butter" genannt wird, weil sie angeblich für jeden zu haben ist. Oder der Anabolika-Freak Luther, der seinen Sohn Sammy zum Muskelmonster mit strahlendem Lächeln aufpäppeln will, um im kurzen Schein seines möglichen Triumphs alles zu verlieren.

Sprachlich ist das ein Genuss, wie üblich trefflich übersetzt von Peter Torberg, Pollock beherrscht die Kunst, durch Verknappung gleichzeitig ein hohes Maß an Emotionen und analytischer Durchdringung freizusetzen. So werden die finsteren Geschichten ohne Happy End nicht zur voyeuristischen Nabelschau aus dem Kuriositätenkabinett. Die Kriminalliteratur streift Knockemstiff bestenfalls am Rande, eher durch den konsequenten Noir-Habitus als durch das Vorhandensein (latenter) Gewalt sowie geplanter und vollzogener Verbrechen. Viel mehr steht das Buch in der Tradition solcher Autoren wie Brett Harte, Jack London oder William Faulkner; aber auch die Nick-Adams-Stories Ernest Hemingways sind nicht allzu weit entfernt. Ein großartiges Buch, das so kunstvoll wie unprätentiös Geschichten vom Enden der Welt erzählt. In Knockemstiff, Ohio oder anderswo.

 

"Ein weißes Licht explodierte  meinem Kopf, und mein Körper zersprang in tausend winzige Stücke. Dann wehte ich als schmutzige Schneeflocken die graue, leere Straße entlang."

 

Knockemstiff

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Letzte Kommentare:
17.06.2015 08:25:27
ffb76

In Knockemstiff, einem tatsächlich real existierenden Provinz-Kaff in Ohio, zeichnet Pollock in 18 Kurzgeschichten ein Bild aus zügelloser Gewalt, Verrohung, ständig schwelender Aggression, übersteigertem Männlichkeitsgehabe, Tyrannei, Hass, Rassismus, Gefühlskälte, Gleichgültigkeit, Bigotterie, Trostlosigkeit, Drogen- und Alkoholexzessen, Ausweglosigkeit, Schamlosigkeit, Triebhaftigkeit, Inzest, Verblödung, Stumpfsinn, Teilnahms- und Antriebslosigkeit , Menschen, die keinen Wert auf ihr Äußeres und Körperhygiene legen, Armut, Müll, Dreck, Siff, Gestank, Hässlichkeit, Verwahrlosung und Würdelosigkeit.

Pollocks Erzählungen machen dabei nur selten einen in sich geschlossenen Eindruck. Es sind eher Momentaufnahmen. Ausschnitte aus dem tristen, heruntergekommenen und perspektivlosen Leben seiner niveaulosen Figuren, die meist schon längst jede Art von Stolz verloren haben und gegen jede Peinlichkeit immun sind.

Es gibt nirgends einen Hoffnungsschimmer. Trotz der nur 250 Seiten stellt sich daher bald eine gewisse Ermüdung ein. Die Erwartungshaltung an jede neue Geschichte erschöpft sich dann auch lediglich darin, dass man gespannt sein darf, welche weiteren Abartigkeiten sich Pollock für sein Pack ausgedacht hat.

Sein Sprachstil ist allerdings klar, schnörkellos, ungeniert und stets von feiner Ironie durchzogen, so dass sich trotz aller Widerlichkeiten auch Lesegenuss einstellt.

05.01.2015 18:30:22
Heino Bosselmann

Diese an der Vorlage von Sherwood Andersons Klassiker „Winesberg, Ohio“ orientierte Komposition von Stories offenbart die düstere Seite der amerikanischen Freiheit, nämlich jene, in Regionen absterbender Zivilisation zu degenerieren und seelisch abzusterben. Das liest sich so grausig, weil es realistisch und folgerichtig erscheint. Wo die Gemeinschaft als soziokulturelles Wesen scheitert, da gerät der Mensch als „vereinzelter Einzelner“ in den Albtraum. Nur wird das hier nicht dokumentiert, sondern zu einem erstklassigen literarischen, zweifellos weltliterarischen Ereignis. Der extreme Stoff kommt der deftigen Gestaltungsweise des Autors entgegen. Nichts, was er beschreibt, ist belanglos, während die gegenwärtige „urbane“ Short-Story in Deutschland leider oft nur Befindlichkeiten zu bieten hat. Bei Pollock erscheint hingegen alles existentiell.
In Knockemstiff funktionieren nur noch der Dollar, der Minimalkonsum und die Drogen. In den rostigen Trailern und verkommenen Häusern regiert archaische Brutalität, gepaart mit einem aller Scham entkleideten Sexualtrieb, der kaum mehr mit „Libido“ zu tun hat. Übrig bleibt schweigende Verzweiflung. All die von ihr befeuerten Sehnsüchte unterstreichen in ihrer Unerfüllbarkeit nur die Ausweglosigkeit. Alle sitzen sie „in der Senke“, der Niederung von Knockemstiff, fest. In der Falle! Was sie sich wünschten, blieb unerfüllt, also werden grausig-schöne Scheinwelten generiert. Schwach und verlassen sind alle; aber jene, die noch über eine leidlich funktionierende Physis verfügen, suchen hart abzugreifen, was sie für einen kurzen Kick brauchen. Jedoch bleiben auch sie letztlich unbefriedigt zurück. Was bleibt überhaupt? – Ekel, Hilflosigkeit, Krankheit. Alle haben alles verloren, aber Exklusion wäre ein Euphemismus für diesen finalen Endzustand. Sie verstoffwechseln Junk-Food, büßten dadurch jede körperliche Kontur ein, verödeten sich das Hirn mit Giften; und dennoch vegetiert da ein Ich in ihrem Körper, das sie mit Schamgefühlen quält..
Häufig schreibt der Autor aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen, weil sie schutzlos besonders traumatisch getroffen werden. Daß das Böse eine Konstante im Menschlichen darstellt, ist eine Erfahrung, die zum Leben gehört; in „Knockemstiff“ aber schwingt das Böse das Szepter. Man stellt es sich geradezu wie von einem modernen Alfred Kubin illustriert vor. Und man ist froh, wenn es vorbei ist. Aber sicher darin, ganz große Literatur und eine düstere Fortschrift zu Sherwood Anderson und William Faulkner gelesen zu haben. Ersterer spielt in „Winesburg, Ohio“ noch mit subtilem Humor. Der aber ist bei Pollock gar nicht am Platze. Nur Bitternis. Gut, eine Ausnahme: Zwar ebenfalls bitter, aber ich las die charmanteste Geschichte über die Demenz eines alten Mannes … –
Stünde man in Knockemstiff, man wollte sogleich fort. Aber vermutlich käme kein Bus. Alle Handelnden wollen weg, außer jene, die von der düsteren Gravitation „der Senke“ wie festgehalten sind. Aber keiner schafft es, sich zu retten. Und die Hölle sind wieder mal – immer die anderen. Manchen gelingt eine Art Flucht, aber gerade die bringt sie um, woanders ebenso elendig, wie es ihnen in der traurigen Heimat beschieden schien.

13.10.2013 19:06:20
MrURot

18 Kurzgeschichten. 18 Gewehrschüsse und man kann nicht ausweichen. Verbunden sind die Geschichten durch ein tristes Kaff: Knockemstiff, Ohio. Eine Landkarte ist abgebildet. Hier findet man die Schauplätze der Charaktere und der Geschehnisse, die alle miteinander verbunden sind.

Ein Krimi? Nicht im klassischem Sinne. Hier werden keine Verbrechen aufgeklärt. Verismus pur ist der als „Country Noir“ bezeichneter Stil. Daniel Woodrell, Cormac McCarthy, Joe R.Lansdale gehören dazu. Leider gibt es bei uns nicht allzuviele Anhänger dieser Autoren.

Der Sprachstil: reduziert, knapp, lakonisch. Die Geschichten werden dadurch noch schmerzvoller.

„Daniel…brauchte die langen Haare. Ohne sie war er nur ein irres Landei aus Knockemstiff, Ohio – Alte-Leute-Brille, Akne und knochige Hühnerbrust. Wissen Sie, wie das ist? Mit 14 ist das noch schlimmer, als tot zu sein. Und als sein alter Herr Daniels Haare mit dem Fleischermesser absäbelte, dasselbe, mit dem seine Mom Mortadella schnitt…hätte er auch genauso gut gleich den hässlichen Kopf des Jungen abschneiden können.“

Spät, mit fast 60 schrieb Pollock sein Debut „Knockemstiff“. Genug Zeit, in der sich viel ansammeln kann. Vor allem Gift, wie es sich nur in den Hillybilly Höllenvorstätten akkumulieren kann.
Und Pollock legt mit einem der schwärzesten Noir Roman nach: „Das Handwerk des Teufels“.

Wer Unterhaltungsliteratur sucht wird sie hier nicht finden. Aber: Literatur!

Danke Liebeskind!