Inspector Ghote zerbricht ein Ei

Erschienen: Januar 1973

Bibliographische Angaben

  • London: Collins, 1970, Titel: 'Inspector Ghote breaks an egg', Seiten: 221, Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1973, Titel: 'Finger weg von heiligen Kühen', Seiten: 188, Übersetzt: Marianne Lipcowitz
  • Zürich: Unionsverlag, 2004, Seiten: 220

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Thomas Kürten
Exotische Ermittlungen

Buch-Rezension von Thomas Kürten Jun 2003

Inspector Ghote von der indischen Kriminalpolizei in Bombay wird von einem einflussreichen Politiker in die Provinz geschickt. Hier soll ein anderer Politiker, ein Chairman, geschasst werden, der den Mächtigen in Bombay zuviel Macht angehäuft, aber glücklicherweise einen sehr wunden Punkt in seiner Vergangenheit aufzuweisen hat. Vor rund 15 Jahren nämlich ist seine schöne Frau unter mysteriösen Umständen eines plötzlichen Todes gestorben. Kurz darauf heiratete er die hässliche Tochter des damaligen Chairmans, um nach dessen Tod sein Erbe in Amt und Würden anzutreten. Der Inspektor hat den speziellen Geheimauftrag, die damaligen Geschehnisse zu untersuchen.

Ghote stellt nach seiner Ankunft schnell zwei Sachen fest: Der Chairman ist ein äußerst einflussreicher Mann, der alle strategisch wichtigen Ämter in der Stadt mit seinen Leuten besetzt hält. Zum anderen ist seine Ankunft keineswegs geheim, sondern hat bereits zu einigem Aufruhr geführt. Ein heiliger Mann ist aus Protest in einen Hungerstreik getreten, was in der lokalen Presse täglich zu Schlagzeilen führt und täglich schärfere Demonstrationszüge erboster Gläubiger auslöst.

"GHOTE GO!"

Gegen solch massiven Widerstand zu kämpfen ist nicht einfach und Ghote kann von Glück reden, dass sein Gesicht in der Stadt nicht bekannt ist und auch noch niemand hinter sein Kostüm als Hühnerfuttervertreter gekommen ist. Als solcher balanciert er tagein, tagaus einen Karton mit Eiern auf seinem von der örtlichen Polizei zur Verfügung gestellten Fahrrad durch die schlammigen Straßen der Provinzstadt. Die 15 Jahre alten Akten verraten sehr deutlich, dass bei den Untersuchungen des Todes der jungen Frau damals vieles nicht mit rechten Dingen gelaufen ist. Zudem ist das Verhalten des Chairmans gegenüber Ghote sehr verdächtig. Aber wann immer Ghote einem neuen Hinweis nachgeht, hat der Chairman dafür gesorgt, dass sich Spuren im Sande verlaufen.

Die große Frage in diesem äußerst unterhaltsamen Kriminalroman ist, ob Ghote den Kampf gegen den übermächtigen Gegner in dessen Revier gewinnen kann und mit welcher List er gegen ihn ankommt. Die Fragen Verbrechen, ja oder nein, und nach dem Täter sind jedenfalls schon nach wenigen Seiten beantwortet. Ghotes Vorgehen wirkt dabei eigentlich herrlich naiv und direkt, ist aber in der Tat intelligent, tiefgründig und vor allem hartnäckig. Er weiß zwar, dass er von Leuten des Chairman überwacht und ausspioniert wird, versucht aber immer wieder aufs Neue, ihm einen Schritt voraus zu sein.

Ein Ausflug in die indische Provinz

Was dem Briten Keating mit seinen Romanen um den indischen Ermittler immer wieder eindrucksvoll gelingt, ist die Schilderung eines indischen Alltags und das besondere Gesellschaftsmodell des hinduistischen Kastenwesens auf eine anschauliche und authentische Art. Es sei dahingestellt, ob er seinen Inspector Ghote durch ein idealtypisches Indien oder ein der Realität nahe kommendes schickt, seine Schilderungen wirken glaubhaft. Das exotische Flair und die mit durchaus spitzer Feder eingefangene indische Mentalität verleihen dieser Reihe einen besonderen Reiz.

Der Roman ist alt, stammt aus dem Jahre 1970 und auch das kann man ihm anmerken. Tradition und Hierarchiedenken spielen zwar im Hinduismus weiterhin eine große Rolle, aber Indien hat sich in den letzten 35 Jahren stark weiter entwickelt und dem Westen gegenüber geöffnet. Aber auch zu der Zeit, in der der Roman spielt, gab es wohl schon einen deutlichen Unterschied zwischen dem Leben auf dem Land und dem Leben in der Stadt, denn darauf wird vermehrt hingewiesen.

Es ist schön, dass in der Metro-Reihe des Schweizer Unions-Verlags mit Inspector Ghote zerbricht ein Ei ein Titel aus der umfangreichen Ghote-Reihe in neuer Übersetzung vorliegt. In Antiquariaten sind weitere Titel auf Deutsch verfügbar, da die Reihe bis 1980 auch in Deutschland verlegt, danach aber eingestellt wurde. Wünschenswert wäre es, wenn sich der Unions-Verlag zur Übersetzung von weiteren, vielleicht auch neueren Romanen Keatings hinreißen ließe.

Inspector Ghote zerbricht ein Ei

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Letzte Kommentare:
30.04.2008 19:01:23
M.P.

Ein unverwechselbarer Krimi!!!Von der Atmosphäre und dem Humor nicht zu vergleichen mit anderen Krimis.Eine wahre Freude in dem ganzen Einheitsbrei der Standard-Kriminalromane.Kann ich wärmstens empfehlen!!!

19.09.2006 12:08:04
dyke

Ich habe noch die rororo-Ausgabe von 1973 "Finger weg von Heiligen Kühen" gelesen.
Schon jetzt eine riesiges Danke an den Unions-Verlag für die Wiederveröffentlichung.
Was für eine Wohltat in dem heutigen Krimi-Einerlei-Serienkiller-Brei.
Ghotes beharrlicher Kampf für Gerechtigkeitmit seinen Vorgesetzten, den örtlichen Behörden und den Seilschaften erinnert schon etwas an Don Quijchote.
Gerade jetzt da Indien sich zu einer "Macht" aufschwingt möchte, sind die Einblicke ins indische Alltagsleben aufschlußreich und keineswegs veraltet.

17.01.2006 08:57:34
Helga Buß

Ghote ist ein sympathischer Anti-Held, der vor farbenprächtiger Kulisse mit dem Rad gegen die Widrigkeiten des indischen Alltags anstrampelt. Seine Komik entwickelt der Roman u. a. durch die "Sache mit dem Ei": man hungert geradezu danach, dass es - endlich - zerbrochen wird.
Die Inspector-Ghote-Reihe erscheint in neuer Übersetzung im Unions-Verlag

01.12.2004 08:42:28
A.Balodis

Habe es in einem Zug durchgelesen, war köstlichst amüsiert uber die Hindernisse, die Inspektor Ghote immer wieder zu überwinden hat und über die falschen Verdächtigungen seinerseits. Atmosphäre und Humor stimmen absolut. Würde gerne mehr lesen, sind aber vergriffen oder nur schwer zu erhalten, diese Highlights von Keating.