Bis es dunkel wird

  • dtv
  • Erschienen: Januar 2013
  • München: dtv, 2013, Seiten: 400, Übersetzt: Uwe-Michael Gutzschhahn
  • London: Arrow, 2012, Titel: 'Until The Darkness Comes', Seiten: 422, Originalsprache
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Jürgen Priester
63°

Krimi-Couch Rezension vonMai 2013

Too much!

"Until the Darkness Comes" heißt Kevin Brooks` zweiter Erwachsenen-Roman um seinen neuen Serienhelden John Craine im englischen Original. Mit "Dunkelheit" ist primär nicht die gemeint, die sich allabendlich einstellt oder die, die vor einem Unwetter droht, sondern die Dunkelheit der Depression, die den Protagonisten ohne jede Vorwarnung zu jeder Tages- und Nachtzeit überfällt. John Craine ist ein harmloser Privatdetektiv, der sich hauptsächlich mit der Aufklärung kleiner Versicherungsbetrügereien über Wasser hält, bestenfalls mal fremdgehenden Eheleuten hinterher schnüffelt. Das ist auch gut so, denn John Craine hat einen Haufen privater Probleme, gehört in Therapie und ist eigentlich unfähig, schwerwiegende Fälle zu übernehmen.

Seit dem Mord an seiner Frau vor 12 Jahren ist er völlig aus der Bahn geworfen. Der Whiskey ist sein bester Freund geworden und diverse andere Drogen seine Freundinnen. Im ersten Teil der Reihe Schlafende Geister hatte er seinen Drogenkonsum noch einigermaßen unter Kontrolle und konnte einem übermächtig erscheinenden Gegner Paroli bieten. Daraus entspann sich ein durchaus annehmbarer Krimi in guter Hardboiled-Tradition.

Am Ende des ersten Bandes wird John Craine ein Ortswechsel nahegelegt. Er folgt diesem unmissverständlichen Hinweis und quartiert sich in einem etwas heruntergekommenen Hotel auf Hale Island (einem fiktiven Inselchen vor der Küste Essex´) ein. Dort hofft er, den Kopf frei zu bekommen von düsteren Gedanken (... und sein Blut frei von Alkohol, das wünscht sich der Leser). Gleichzeitig will er die Gelegenheit nutzen, nach einer potenziellen Halbschwester zu suchen. Diese soll mit ihrer Mutter auf der Insel leben. Craines Vater hatte kurz vor seinem Selbstmord eine Affäre mit einer viel jüngeren Frau. Aus dieser Verbindung könnte die vermutete Schwester hervorgegangen sein.

Da schon Nachsaison ist, sind Craine und eine amerikanische Familie die einzigen Gäste in dem alten Hotel. Bei einem Spaziergang am Strand – Craine kämpft sich alkoholisiert durch Wind und Wetter – glaubt er, durch die Schießscharte eines verschlossenen Bunkers die blutbesudelte Leiche der Tochter der Amerikaner sehen zu können. Er alarmiert die Polizei. Als diese eine halbe Stunde später eintrifft und die Bunkertüre aufschließt, sind dort weder eine Leiche, noch andere verdächtige Spuren zu entdecken. Aufgrund seines Zustandes sind die Beamten sich sicher, dass Craine halluziniert. Auch er zweifelt so langsam an seiner Wahrnehmungsfähigkeit. Im Hotel erfährt er indes, dass die Amerikaner vorzeitig abgereist seien. Das kommt ihm nun seltsam vor, hatte er doch in einem Gespräch mit ihnen von ganz anderen Plänen gehört. Er klemmt sich dahinter unf stößt auf einen riesigen Drogensumpf, in dem seine Halbschwester auch zu stecken scheint.

Bis es dunkel wird hätte ein wirklich lesenswerter Krimi werden können. Atmosphäre und Spannungspotenzial sind vorhanden. Doch die Toleranz des Leser wird durch die Alkohol- und Drogenexzesse des Helden über ein erträgliches Maß hinaus strapaziert. Der Rezensent kann die Kollegin vom "Krimi-Kiosk" gut verstehen, die den Roman vorzeitig abgebrochen hat. Alkoholismus ist ein großes Problem und wie es hier dargestellt wird, kann eine abschreckende Wirkung nicht ausbleiben. Nur Kevin Brooks überspannt den Bogen, indem er seinen Protagonisten tagelang "stinkbesoffen" durch die Gegend torkeln lässt. Irgendwann werden auch Mengen und Dauer des Konsums unglaubwürdig. In den wenigen Augenblicken der Klarheit glaubt er die Stimme seiner ermordeten Frau zu hören, die ihn zu Räson ruft. Aber es bedarf dann schon eher der schützenden Hand eines höheren Wesens, um ihn vor dem Schlimmsten zu bewahren. Es ist geradezu paradox, dass die Verbrecher, die ohne Zögern bei geringstem Anlass morden, ihn immer wieder laufen lassen. Man möchte meinen, sie hätten Mitleid mit ihm. Craines offensichtliche Unzurechnungsfähigkeit geht sogar soweit, dass der Autor sich einer einfallslosen Konstruktion bedienen muss, um überhaupt zu einer Lösung (zu einem Ende) zu kommen.

Kevin Brooks hat sich als Jugendbuch-Autor einen Namen gemacht. In England gab es für seine Romane mehrere Auszeichnungen. In Deutschland wurden zwei seiner Werke mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis geehrt. Sein Black Rabbit Summer war nicht ohne Grund Buch des Monats auf unserer Jugendbuch-Couch. Seine Romanreihe für Erwachsene begann mit Schlafende Geister recht verheißungsvoll. Im vorliegenden Folgeband verliert Brooks sich in den Tiefen der Depressionen seines Helden, in die man als Krimi-Leser nicht unbedingt hinabsteigen möchte.

Wer sich durch diese Rezension nicht hat abtörnen lassen, der sollte unbedingt mit Schlafende Geister beginnen. Band eins der Serie ist nicht nur viel besser, sondern auch für das Verständnis der Hauptfigur unabdingbar. Da Kevin Brooks diese Reihe fortsetzen will, kann man nur hoffen, dass John Craine mit diesem Band seinen Tiefpunkt überwunden hat. Mit etwas mehr Optimismus und weniger Alkohol ist er als Serienheld durchaus akzeptabel.

 

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