Brixton Hill

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • München: Heyne, 2013, Seiten: 368, Originalsprache

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Andreas Kurth
Mörder, Miethaie und Maggie Thatcher

Buch-Rezension von Andreas Kurth Mai 2013

Die 33-jährige Emma Vine ist selbständige Event-Managerin. Bei einem Termin mit Kimmy Rasmussen im Limeharbour Tower kommt es zu einem Zwischenfall. In dem Gebäudekomplex auf der Isle of Dogs in Ost-London ist plötzlich der Lift gestört, aus der Klimaanlage tritt Rauch aus, und es gibt schließlich Feueralarm. Aufgrund eines traumatischen Erlebnisses vor zehn Jahren gerät Kimmy in Panik, zertrümmert mit einem Feuerlöscher eine Fensterscheibe und springt aus dem Fenster im 15. Stock – im Glauben, sie befinde sich im Erdgeschoss. Emma kommt zu spät, um Kimmy aufzuhalten. Aber nicht nur, dass sie sich selbst schuldig fühlt, die Polizei bezichtigt sie auch noch des Mordes – sie soll die Computeranlage des Hauses manipuliert haben. Emma wird zwar von einem Anwalt der Familie aus der Haft geholt, gerät aber in eine alptraumhafte Suche nach den wahren Schuldigen. Denn schnell wird deutlich, dass man offenbar ihr selbst nach dem Leben getrachtet hat. Schon bald kann Emma sich nicht mehr sicher sein, wem sie überhaupt noch vertrauen sollte.

Gentrifizierung als Mega-Thema

Unter ihrem Pseudonym Zoë Beck schreibt Henrike Heiland bislang Romane, die alle in Großbritannien spielen. Dabei könnte das Mega-Thema von Brixton Hill auch in entsprechenden Stadtteilen ihres Wohnortes Berlin, oder eben in anderen Metropolen abgehandelt werden. Aber nicht nur wegen ihres Studiums der neueren englischen Literatur hat Heiland ein Faible für alles Britische – ihre Recherche-Reisen auf die Insel genießt sie ganz besonders. Und so ist neben ihren guten Ortskenntnissen auch ihr Wissen über die gesellschaftlichen Verhältnisse in Großbritannien, die wirtschaftlichen Umwälzungen und die speziellen Befindlichkeiten der Briten ein Garant für die hohe Authentizität in ihren Romanen. Mit der so genannten Gentrifizierung hat sich Henrike Heiland ein Thema vorgenommen, dass vor allem in Großstädten von Geographen und Soziologen untersucht und problematisiert wird. Aber einerseits gibt es dazu recht viele Meinungen und kontroverse Veröffentlichungen im wissenschaftlichen Diskurs, und andererseits kann das Phänomen durchaus auch in mittleren und kleinen Städten auftauchen. Für diesen Roman bietet das Gentrifizierungsthema auf jeden Fall einen hervorragenden Hintergrund.

Zwangsläufiger Wandel mit negativen Folgen

Es geht stets darum, dass zuvor von  Arbeitern geprägte Stadtviertel von Studenten und Künstlern entdeckt und besiedelt werden. Ohne es zu wollen werten die neuen Bewohner die Gegend wirtschaftlich auf und machen sie für  Mittelschichtler (wofür der Begriff Gentry – der niedere Adel in England - verwendet wird) attraktiv, was wiederum Investoren anlockt. Der durch die steigenden Mieten und Immobilienpreise einsetzende Wandel in der Bevölkerungsstruktur verläuft nur selten unproblematisch. Die Autorin zeigt das in ihrem Roman sehr geschickt am Beispiel des Londoner Stadtteils Brixton Hill. Denn auch hier warten Hausbesitzer und Bauunternehmer eben nicht, bis Mieter von sich aus in ein anderes Viertel der Stadt wechseln, sondern Mieterhöhungen und andere Schikanen sind an der Tagesordnung.

Der gläserne Mensch im Internet

Daneben hat sich die Autorin auch noch ein zweites Mega-Thema aufgebürdet – den völligen Verfall der Anonymität im Internet, in den sozialen Netzwerken, und den Hype um die Echtzeit-Kommunikation durch die moderne Technik.  Die Protagonisten tummeln sich allesamt bei Facebook und Twitter, es gibt Hacker und sogar einen Daten-Journalisten. WikiLeaks wird erwähnt, und von den Schwabinger Krawallen 1962 bis hin zur Trauerfeier für Margaret Thatcher 2013 baut die Autorin einige historische Ereignisse in ihre Handlung ein. Das Internet-Thema ist zuweilen wichtig für den Fortgang der Handlung, und könnte fast gleichberechtigt neben der Gentrifizierung stehen. Hier wurden aber zwei in meinen Augen wichtige Aspekte eingeflochten – und das Internet und seine negativen Folgen kommen zwar nicht zu kurz, aber die Folgen und Begleitumstände der Gentrifizierung dominieren. Vielleicht wäre es besser gewesen, nicht diese beiden großen Themen in einen Roman zu packen – man hätte dann mehr daraus machen können. Aber das ist sicher nur eine subjektive Sichtweise.

Eine mehr als lesenswerte Geschichte

In Brixton Hill werden vier Menschen getötet, und die Protagonistin Emma  übersteht nur ganz knapp zwei Mordversuche – das ist für Zoë Beck schon recht viel an Action. Die Ermittler aus den Reihen der Polizei spielen hier nur eine ganz dünne Nebenrolle. Emma Vine steht vielmehr im Mittelpunkt, aber eigentlich ist die Geschichte der Star. Schrittweise werden die perfiden Machenschaften einer Grundstücksgesellschaft enthüllt, und ebenso schrittweise lernen alle Beteiligten, welche negativen Folgen die moderne Kommunikation für sie und für die Gesellschaft hat. Wie gewohnt hat Zoë Beck aus diesem ganzen Berg von Informationen und dramaturgischen Zutaten eine spannende und mehr als lesenswerte Geschichte gemacht. Mir persönlich hätte es trotzdem besser gefallen, nur ein Mega-Thema zu haben – die Internetkommunikation hätte man in einem zweiten Buch auswalzen können. Aber das schmälert den Lesegenuss nur ganz unwesentlich – vielleicht sollte ich das Buch einfach ein zweites Mal lesen.

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