Victoria-Report

  • Weissbooks
  • Erschienen: Januar 2013
  • Frankfurt am Main: Weissbooks, 2013, Seiten: 637, Originalsprache
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Stefan Heidsiek
78°

Krimi-Couch Rezension vonMär 2013

Der Fisch stinkt vom Kopfe her

Es konnte wohl kaum einen besseren Zeitpunkt als den jetzigen geben, um C. B. Stolls Erstlingswerk Victoria-Report zu veröffentlichen, ist doch das Thema Ernährung nicht zuletzt auch durch den Pferdefleisch-Skandal wieder in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. Die Bemühungen des Verbrauchers, sich keine näheren Gedanken um das zu machen, was da dampfend auf ihrem Teller liegt, werden auch durch das vorliegende Buch durchkreuzt, in dem uns der in Zürich lebende Autor eine Geschichte über die Machenschaften von Ernährungs- und Lebensmittelindustrie kredenzt, welche, trotz fehlender blutiger Leichen, vorerst jeglichen Appetit verdirbt. Die vier Jahre, die Stoll in die Recherche für sein Buch investierte, seine Akribie und fundierte Sachkenntnis, sind hierbei das solide Fundament, auf welchem er Hauptprotagonistin Mara Podolski, eine couragierte freie Journalistin, debütieren lässt.

Diese ist gerade von einer Reise aus Tansania zurückgekehrt. Im Gepäck ein enthüllender Bericht über Korruption, Waffenhandel und Kindesmissbrauch, der selbst hochrangige deutsche Politiker schwer belastet und die finanzielle Unterstützung Westafrikas durch die Europäer in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt. Doch die Hoffnung, durch ihren investigativen Journalismus den langersehnten Durchbruch zu schaffen, schwindet rasch. Von Wirtschaftsgrößen und Politikern am Halsband zurückgepfiffen, will niemand ihren Victoria-Report veröffentlichen. Schlimmer noch: Anfangs moderat, später immer schärfer, wird Podolski darum ersucht, ihr Vorhaben fallen zu lassen. Besonders der Dresdner Lebensmittelkonzern Royal Diners scheint bei diesen Vertuschungsversuchen seine Hand im Spiel zu haben. Will man angesichts der neu ausgerichteten Brainfood.-Linie nur keine schlechte Publicity? Oder steckt vielleicht gar mehr dahinter? Was hat der Nilbarsch mit all dem zu tun?

Trotz gut gemeinter Ratschläge stürzt sich Podolski in die Nachforschungen und stößt bald auf ein eng verstricktes Netz von Feinden, das bis in die höchsten Kreise führt. Und als man dort erkennt, dass die junge Journalistin nicht käuflich ist, muss diese plötzlich um sich und ihre Familie fürchten …

Was ist heute noch wirklich die Wahrheit? Und durch wie viele und welche Filter wird diese mittlerweile gepresst, bis sie uns als solche verkauft wird? Zwei zentrale Fragen des Romans, der, ganz im Stile von John Le Carrés Der ewige Gärtner, literarische Mittel nicht nur nutzt, um Missstände anzuprangern, sondern auch um ein klareres Bild der gegenwärtigen Situation zu vermitteln. Im Wissen, dass die Realität stets schlimmer ist, als die Fiktion, lässt Stoll uns seine bitteren Pillen auf leeren Magen schlucken. Seine Figuren, allen voran Mara Podolski, sind scharf gezeichnet, sperrig und echt, wodurch recht früh die üblichen Schranken zwischen Leser und Protagonisten fallen. Erstaunlich, dass es hier besonders die weiblichen Charaktere sind, welche Stoll als "Ermittler" und damit letztlich als Triebfeder seiner Handlung nutzt, wohingegen den Männern in den meisten Fällen die Rolle des zu bekämpfenden Gegenparts zufällt. Trotz dieser Gewichtung verweigert sich der Autor jedoch jeglichem Schwarz-Weiß-Denken. Ganz im Gegenteil: Selbst die "Bösewichte" in Victoria-Report sind auf den ersten Blick nicht als solche zu erkennen. Mit manch einem, wie zum Beispiel dem Opportunisten Kaprolat, beginnt man, trotz fester moralischer Grundsätze, gar unwillkürlich zu sympathisieren. Zu schmal der Grat zwischen Idealismus und Machterhaltungskämpfen, zwischen wohlwollenden Absichten und schlechten Taten. Gerade diese vielen Ecken und Kanten der Figuren sind es, die den Roman abrunden.

Stolls Sprache ist dabei nicht ohne einen gewissen Zynismus, der uns, oftmals ätzend und triefend, den Spiegel vors Gesicht hält und dabei die Komplexität der Handlung unterstreicht. Überhaupt kommt Victoria-Report erstaunlich stilsicher daher. Obwohl eindeutig auf reale Begebenheiten bezogen, baut der Autor sein Wissen äußerst subtil ein und verschont den Leser mit längeren Vorträgen. Dadurch bleibt das Tempo durchgehend hoch, was insofern bedeutsam ist, da es an anderer Stelle leider hapert. Und zwar beim Spannungsbogen.

Dieser wird dem Anspruch eines Thrillers bzw. Kriminalromans nur gegen Ende gerecht, reicht doch die Brisanz der Thematik allein nicht aus, um den Leser die Seiten fester packen zu lassen. Mögliche Bedrohungsmomente werden zugunsten gutgemeinter, aber wenig schlagkräftiger Wendungen verschleppt. Der Erfolg von Podolskis Ansinnen steht, trotz des völlig unausgeglichenen Kräfteverhältnisses, nie wirklich außer Frage. Hinzu kommt, dass das Verschwinden ihres Sohnes Clive einfach zu lange keinerlei Rolle im Gefüge der Handlung spielt. Dies ist auch der einzige Punkt, in dem die Authentizität ein wenig ins Wanken gerät. Das sich eine Mutter, die nach längerer Zeit in Afrika nach Hause zurückkehrt und trotz mehrmaliger Versuche Lebensgefährten und Sohn nicht erreicht, einfach in die Arbeit stürzt, wirkt, auch angesichts ihrer späteren Reaktionen in Bezug auf ihr Kind, schlicht unglaubwürdig.

Ansonsten stellt Mara Podolski allerdings C. B. Stolls Faustpfand dar. Auch weil ihm mit ihr eine Figur gelungen ist, die genug Facetten aufweist, um über mehrere kommende Geschichten interessant zu sein. Diese sind, wie auf der Internetseite des Autors zu sehen, bereits in Planung.

Am Ende ist Victoria-Report vor allem eins: Eine äußerst erhellende, informative und mit knallharten Fakten gespickte Lektüre, dessen schwer verdauliche Botschaft den Magen nachhaltig grummeln lässt, in Punkto Spannung aber (noch!) nicht wirklich satt macht. Nichtsdestotrotz – C. B. Stoll, diesen Namen sollte man sich merken.

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