Des Teufels Kardinal

  • Erschienen: Januar 1999

Nach fast zwanzig Jahren erblickt der amerikanische Chirurg Paul Osborn in Paris, auf offener Straße, den Mörder seines Vaters. Doch scheinbar haben auch andere ein Interesse am Tod des Mannes, der seit vielen Jahren unter der falschen Identität eines Henry Kanarack lebt. Gleichzeitig ruft eine Serie von Enthauptungen, bei denen die Köpfe mit chirurgischer Präzision abgetrennt werden, Interpol auf den Plan... Und in Berlin plant Dr. Salettl das Projekt "Übermorgen", die größte Verschwörung aller Zeiten. Paul Osborn tappt mit der Entdeckung Kanaracks in eine lebensgefährliche Falle. Eine atemlose Hetzjagd, die ihn durch ganz Europa führen wird, beginnt.

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Michael Drewniok
65°

Krimi-Couch Rezension vonFeb 2013

Folsoms Inferno: ein Hirn-aus-Thriller

Seit acht Jahren hat Harry Addison, erfolgreicher Anwalt der Hollywood-Stars, nicht mehr mit seinem Bruder gesprochen. Pater Daniel Addison konnte als Geistlicher Karriere machen und arbeitet im Vatikan als Privatsekretär des Kardinals Marsciano in unmittelbarer Nähe des Papstes. Nun fleht Daniel den Bruder telefonisch um Hilfe an, ohne jedoch darauf einzugehen, wer oder was ihn bedroht. Kurze Zeit später ist er tot - umgekommen bei einem Anschlag auf den Reisebus, der ihn in den Wallfahrtsort Assisi bringen sollte.

Harry reist nach Italien, um die Leiche seines Bruders in die USA zu überführen. Er wird von der Polizei empfangen, die ihn mit der Nachricht konfrontiert, Daniel sei ein Terrorist und Mörder und verantwortlich für das einige Wochen zuvor verübten Attentat auf den Kardinalvikar von Rom. Dies weist Harry vehement zurück, zumal er feststellt, dass im Sarg des Bruders die Leiche eines Fremden liegt. Eine versteckte Warnung Kardinal Marscianos, die Sache auf sich beruhen zu lassen, ignoriert er.

Kurz darauf wird Harry entführt, gefoltert, nach dem Verbleib Daniels befragt und niedergeschossen. Die Polizei erhält gefälschte ‚Beweise‘, die Harry wie seinen Bruder als Terroristen bloßstellen. Hinter diesen Untaten steckt ein hochrangiger Geistlicher, der das Heilige Römische Reich neu gründen und die Katholische Kirche zum Führer der Menschheit erheben will. Dafür ist ihm jedes Mittel Recht. Dummerweise hatte Daniel Addison Wind davon bekommen, weshalb er und nun auch seinen Bruder - der natürlich noch lebt - gejagt werden.

Um sich und Daniel vom Mordverdacht frei zu waschen, plant Harry auf eigene Faust das Komplott aufzudecken. Tief im Herzen des Vatikans treffen schließlich sämtliche Beteiligte aufeinander - und nicht alle werden dies überleben ...

Schwachsinnig, aber spannend?

Ein Kirchenfürst, der sich für die Inkarnation Alexanders des Großen hält (!) und das gottlos-kommunistische China zwangsmissionieren will (!!), um auf diesem Wege ein neues christliches Weltreich zu schaffen (!!!) - bereits dieser Abriss macht deutlich, dass es sich bei „Des Teufels Kardinal“ (ein mattes Wortspielchen; der Original-Titel - „Tag der Beichte“ oder „Tag der Abrechnung“ ist allerdings auch nicht geistreicher) um einen jener Hochgeschwindigkeits-Thriller handelt, die auf der Piste der Glaubwürdigkeit durch geringe Bodenhaftung auffallen.

Dabei muss man Allan Folsom (1941-2014) zugutehalten, dass er sich dieses Mal zurückgehalten hat. In „Übermorgen“, seinem Erstling, ging es noch darum, den tiefgefrorenen Schädel Adolf Hitlers auf einen eigens herangezüchteten Gastkörper zu pflanzen, sodass der auf diese Weise wiedergeborene „Führer“ ein „Viertes Reich“ gründen konnte: In der Umsetzung war dies keine Offenbarung!

Auch in seinem Vatikan-Thriller stellt Folsom die Toleranz der Leser auf harte Proben. Was ist beispielsweise von der ‚Genialität‘ eines Mannes zu halten, der auf seinem Weg zum Herrscher der Welt Gift in die Trinkwasser-Reservoirs Chinas leiten will, um sich anschließend von der Zentralregierung in Peking als Retter in der Not rufen zu lassen? Folsom selbst bringt die Absurdität dieses Vorhabens (unfreiwillig) auf den Punkt, als er den bösen Kardinal ausrufen lässt: „Herrsche über Chinas Wasservorräte, dann beherrschst du China.“

Hau-ruck-Thriller der groben Art

Eine unrealistische Ausgangsidee sagt noch nichts über den Unterhaltungswert eines Romans aus; wäre dem so, gäbe es keinen James Bond und keine fantastische Literatur. Als solche muss man Folsoms Räuberpistole letztlich werten: ein High- Tech-Horror-Thriller und darüber hinaus ein typischer Pageturner, d. h. ein auf Spannung und Tempo getrimmtes Produkt der modernen Unterhaltungs-Industrie, das bereits eine zukünftige Verfilmung berücksichtigt.

Die mehr als 160 (!) Kapitel geben die rasche Szenenfolge eines Films deutlich vor, und die Figuren - der amerikanische Held, auf sich gestellt im fremden = gefährlichen Land; die schöne Nonne, die ihm zu Hilfe eilt; der scheinbar übermächtige Finsterling und sein verrückter Helfershelfer; der bizarre Zwerg aus dem Untergrund etc. - entsprechen exakt jenem Personal, das in einem Mainstream-Hollywood-Thriller der Marke Nr. Sicher besetzt wird.

Es ist schwer zu entscheiden, wie ernst Autor Folsom seine Geschichte eigentlich nimmt; er erzählt sie ohne jeden Anflug von Ironie. Immerhin spielt die knallige Handlung vor einem gut gewählten und recherchierten Hintergrund. Der Vatikan als Kulisse für einen Thriller ist wahrlich keine neue, aber weiterhin gute Idee. Eine Institution wie die (katholische) Kirche, die seit 2000 Jahren existiert, trägt zwangsläufig dunkle Flecken auf der nach außen weißen Weste, und Kirchenleute sind beileibe nicht automatisch die besseren Menschen!

Fromm, gut verknüpft, verdächtig

Schon bevor Dan Brown die (kirchliche) Vergangenheit als Steinbruch entdeckte, aus dem er die Bausteine für seine Bestseller/Blockbuster-Romane brach, war der

Vatikan ein faszinierendes, weil in heutiger Zeit exotisches und anachronistisches Gebilde: ein unabhängiger Staat im Staate (Italien), der nicht von einer gewählten Regierung, sondern von der Kirche nach eigenen Gesetzen und Regeln, die sich von Außenstehenden oft schwer nachvollziehen lassen, geführt wird. Das Gelände selbst, ein auf den ersten (und zweiten) Blick unüberschaubares Gewirr von alten Kirchen, Palästen, Archiven, Höfen, Kellern und Gängen - auf dem Vorsatz- bzw. Nachsatzblatt dieses Romans ist freundlicherweise eine Karte abgebildet - bietet sich als Schlupfwinkel für allerlei zwielichtige Gestalten und ihre üblen Taten geradezu an.

Aber keine Angst - Folsom verliert keine Zeit damit, die (kirchen-) historische Sonderstellung des Vatikans zu erörtern. Die oft ausführlichen Ortsbeschreibungen dienen immer nur als Treibriemen für den auf Hochtouren laufenden Plot-Motors. Dabei werden die letzten beiden Drittel zur reinen Verfolgungsjagd (mit einigen Längen), ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen den gejagten Brüdern, ihren zahlreichen Verfolgern und der Polizei, die im obligatorischen explosiven Finale mündet.

Insgesamt ist „Des Teufels Kardinal“ ein höchst konventioneller Thriller und keineswegs ein Füllhorn überraschender Einfälle, wie der Klappentext vollmundig behauptet, aber wenigstens schwungvoll geschrieben und gut geeignet, ein paar Muße-Stunden zu füllen, ohne das Hirn dabei anstrengen zu müssen.

Fazit

Um jeglichen Realitätsbezug bereinigtes, im Dan-Brown-Kielwasser schwimmendes (bzw. dümpelndes), mit Mord und Todschlag nie geizendes Thriller-Garn hart an der Grenze zum Trash: Wer’s mag, wird sich weder langweilen noch nachdenken müssen.

Des Teufels Kardinal

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