Die pragmatische Jean

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Toronto: McClelland & Stewart, 2010, Titel: 'Practical Jean', Seiten: 294, Originalsprache
  • Berlin: Haffmans & Tolkemitt, 2012, Seiten: 378, Übersetzt: Sky Nonhoff

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Matthias Kühn
Luftig leichte Krimi-Farce

Buch-Rezension von Matthias Kühn Feb 2013

"Gott sei Dank war ich nie mit Jean Vale Horemarsch befreundet." Dieser Stoßseufzer beendet den nicht zwingend notwendigen Prolog – und genau in dem Moment, also nach rund sieben Seiten, weiß man bereits, wie die Geschichte laufen wird. Zumindest grob.

Jean hat die letzten Lebensmonate ihrer Mutter Marjorie hautnah miterlebt; es war für Mutter und Tochter eine qualvolle Zeit. Und weil Jean so unglaublich sympathisch und furchtbar nett ist, beschließt sie, fortan ihren besten Freundinnen Gutes zu tun. Gutes tu heißt: Sie will ihnen die Widerwärtigkeiten des Alters ersparen. Auch wenn die noch in weiter Ferne liegen mögen – das ist eben das Pech, wenn man eine so bezaubernde, fürsorgliche Freundin wie Jean hat:

 

"Freundinnen sind die Menschen, die einem aus Pflichtgefühl und Zuneigung heraus unter die Arme greifen", sagte Jean. "Ohne dass sie dafür Dank erwarten."

 

Wie die meisten ihrer Freundinnen ist Jean nicht mehr ganz jung. Und ebenfalls sind die meisten schon etwas aus der Form geraten, sie haben also ihre beste Zeit in jeder Hinsicht hinter sich. Was jetzt noch auf diese Frauen wartet, ist in erster Linie: Leid. Komisch, dass diese Frauen ihren eigenen Verfall gar nicht in seiner ganzen Härte bemerken – aber zum Glück haben sie ja eine Freundin, die diesen Verfall beenden kann und die ihnen dieses Leid nimmt. Ganz selbstlos – denn mit wem soll sie sich nun austauschen?

Jean wuchs in dem Ort auf, in dem sie lebt: In Kotemee, einer typischen nordamerikanischen Kleinstadt, beschaulich und gruselig. Dort stellt sie ihre Keramiken her, die entweder kaum jemand kauft oder die schon vorher oder gleich danach in tausend Einzelteile zerfallen, weil Jeans Arbeiten eben außergewöhnlichen sind. Jean hat ihren eigenen Kopf – und sie mag nun einmal Pflanzen, vor allem Blätter, die sie dann auch töpfert. Als die Geschichte losgeht, arbeitet Jean gerade an einer "Kudzu-Invasion": Sie schafft Keramiken von einer Pflanze, die alles in Beschlag nimmt und überwuchert. Völlig unpraktisch sind diese Dinger, und das ist auch das, was Jean von klein auf gesagt bekam: Dass sie nämlich unpraktisch sei.

Jetzt will sie aber praktisch werden – nicht unbedingt pragmatisch, wie es der deutsche Titel des Buches nahelegt. Sie wird also praktisch. Und sie wird nachdenklich, geradezu philosophisch, wobei sie die Weisheiten aus ihrem kleinen Umfeld zieht. Wie konnte sie es nur zulassen, dass ihre Mutter so sehr leiden ließ? Warum nur hat sie nicht einfach ein Kopfkissen genommen und die Mutter erlöst? Dieses Erlösen kennt Jean, seit sie denken kann: Die Mutter war Tierärztin und dabei nicht zimperlich. Und Jean immer mittendrin:

 

Schon früh war Jean mit der schrecklich schwabbeligen Konsistenz innerer Organe, mit Blutgefäßen und Körperflüssigkeiten vertraut gewesen, wenn Marjorie in ihrem weißen Kittel Promenadenmischungen, Labradors und andere Hunde auf dem Küchentisch operiert hatte, einmal sogar eine Dänische Dogge, die um einiges größer als Jeans kleine Brüder gewesen war. Schon mit sieben, acht Jahren war ihr der Anblick von rosafarbenen, aufgeschnittenen Tierbäuchen weit weniger nahegegangen als vielen Studenten der Tiermedizin, die manchmal bereits das Bewusstsein verloren hatten, wenn lediglich das erste purpurne Rinnsal aus einem rosafarbenen, rasierten Bauch geflossen war.

 

Will sagen: Die Hemmschwelle ist niedrig. Dass aber eine Synthese aus Tod und Nützlichkeit existiert, bei der ihr diese niedrige Hemmschwelle sehr hilft, ist für Jean eine neue Erkenntnis:

 

Es war eine Sache, wenn man als Kind so oft mit dem Tod konfrontiert wurde, dass er quasi zum Alltag gehörte, aber eine ganz andere, mit der Weisheit der Jahre zurückzublicken. Seltsam war, dass alte oder todkranke Tiere ihre Schmerzen nur selten zeigten. [...] Menschen empfanden Schmerz anders, ebenso wie den Tod, wie Jean an jenem Abend klargeworden war, als sie hilflos neben ihrer Mutter ausgeharrt hatte.

 

Dieser Roman ist also nichts anderes als ein Serienkiller-Thriller. Und natürlich ist er genau das nicht. Dabei hat unsere nette, warmherzige Serienkillerin eine wesentlich bessere psychologische Grundlage als die meisten Kerle, die einem in diesen ganzen bescheuerten Krimis begegnen, wo einer schon dann zum Massenmörder wird, wenn mal sein Gehalt gepfändet werden soll. Jean mordet ja gar nicht, sie verteilt Geschenke, sorgt akribisch für einen letzten Moment vollkommenen Glücks – und spendet so "letzte Gedichte":

 

Leid war kein Naturgesetz. Ein letztes Gedicht war das Mindeste, was geliebte Menschen verdient hatten, und zudem eine Gnade, die man nicht dem Zufall überlassen musste.

 

Man kann auch sagen: Schöne Idee für eine Kurzgeschichte, das, aber zu einer Gesellschaftssatire mit immerhin knapp vierhundert Seiten reicht das nicht. Das war, ehrlich gesagt, nach wenigen Seiten auch mein Einwand. Trevor Cole aber tritt nicht diese eine Idee breit – er sorgt für schöne Überraschungen und einige wunderbar bizarre Figuren, darunter die beiden Polizistenbrüder Jeans, alte Bekannte und ein österreichischer Weinbauer. Er schafft eine ausgeklügelte Kleinstadtmelange mit gut getimten Blicken in die Vergangenheit. Und es gelingt ihm, eine Spannung aufzubauen, die eine solche Persiflage auf den Thriller eigentlich gar nicht zwingend bräuchte.

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