UnterGrund

  • Erschienen: Januar 2000

Polizisten bewachen ein Krankenhauszimmer im Weender Krankenhaus. Sofort ist die Neugier der Journalistin Anna Lehnhoff geweckt. Sie erfährt: Ralf Hebestreit liegt dort zur Behandlung, ein wegen Mordes verurteilter Insasse der JVA Rosdorf, der behauptet, einem Justizirrtum zum Opfer gefallen zu sein. Anna glaubt an eine heiße Story und stellt Nachforschungen an, die sie zurückführen in das Jahrzehnt von Dallas, Michael Jackson und Madonna. Während des Göttinger Altstadtfestes wurde eine junge Frau ermordet, für deren Tod man Hebestreit verantwortlich machte. Anna gelingt es, ein Dokument ausfindig zu machen, das den Fall in einem neuen Licht erscheinen lässt. Doch ihr fehlen die Beweise. Bis das Blatt sich unerwartet wendet.

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Matthias Kühn
70°

Krimi-Couch Rezension von Matthias Kühn Feb 2013

Ungewöhnliche Lebensbeichte

Willi Voss hat etwas zu erzählen. Das weiß jeder, der auch nur einen seiner Krimis gelesen hat: In seinen Büchern tummeln sich lebensechte, bestens recherchierte Figuren, die Geschichten haben oft internationale Verwicklungen – und internationale Qualität. Jetzt hat Voss eine überraschende, beeindruckende und manchmal verwirrende Autobiographie geschrieben. Oder besser: Er hat ein altes Buch überarbeitet und erheblich erweitert. Schon vorher wusste man, dass Voss aus Erfahrung schreibt, wenn es in seinen Krimis um Terrorismus und Geheimdienste geht. Den ganzen Umfang seiner Tätigkeiten aber kannte wohl niemand.

Wer Willi Voss auf Wikipedia sucht, findet ihn gar nicht unter diesem Namen. Dabei ist Voss ein zum eingetragenen Namen gewordenes Pseudonym. Was sich die Wikipedia-Verantwortlichen dabei denken, den unter Krimilesern bestens vertrauten Namen Willi Voss nur so nebenbei zu erwähnen, zeigt, dass diese Online-Enzyklopädie immer noch stocksteif ist. Da steht außerdem, er sei "ein deutscher freier Schriftsteller und ehemaliger Neonazi."

Das ist nicht ganz falsch, aber natürlich auch nicht ganz richtig. Willi Voss ist viel mehr – und genau das will er in UnterGrund klarstellen. "Ein Mann, drei Leben", so titelte der Spiegel in seiner Silvesterausgabe 2012 eine Geschichte über Willi Voss, wobei sich die Autoren zum guten Teil auf dieses Buch hier stützten. Immerhin bestätigte sein ehemaliger Verbindungsmann beim CIA, dass Voss die Wahrheit schreibt. Zum Beispiel, dass er tatsächlich auf den berühmt-berüchtigten Terroristen Carlos angesetzt war.

UnterGrund beginnt mit einer der gefährlichsten Szenen in einem absolut ungewöhnlichen Leben. Die Einführung liest sich wie der Prolog eines internationalen Thrillers: Mit Frau und Kind wird Voss von Milizen verhaftet, von einem Kataeb Kommando – es sieht nicht danach aus, als könnte er davonkommen. Er wird bedroht und gefoltert – die Geschichte wird später weitererzählt. Wesentlich später.

Denn der erste Teil des Buches gehört Kindheit und Jugend. Es ist der poetischste Teil, voller kraftvoller Bilder, die zeigen, wie nahe das Gedankengut in der frühen Nachkriegszeit bei vielen Menschen noch an den gerade offiziell abgelegten Idealen war. Dass die Deutschen zu einem guten Teil nicht befreit wurden, sondern dass sie kapituliert hatten. Manchmal ist die Sprache hier sogar ein wenig überzogen kraftvoll: Noch ein starkes Bild, noch ein Adjektiv, das die Aussage unterstreicht und manchmal ins Beliebige abdriftet. Ein Beispiel:

 

Geblieben ist der Anblick des dunklen Flurs, dessen hohe Wände nur dann sichtbar waren, wenn das mit einem lauten Klick entzündete Halbminutenlicht sich vierzig Watt stark wie eine graugelbe Staubschicht ob seiner Schwäche wohl eher verschämt ausbreitete.

 

Aber lebendig geschildert ist das schon: Das Aufwachsen im tristen Ruhrgebiet, die ersten Schreibversuche, die ersten Versuche als "halbstarker" Kleinkrimineller. Dann, sehr früh, die erste Festnahme – und Jugendknast:

 

Ich war in der Zeitung. Eine halbe Seite über die Halbstarken, die auch in der Landeshauptstadt randalieren, mit Foto von dem einen in der roten Lederjacke, der als Mitglied einer Bande festgenommen, verhört und wieder freigelassen worden ist, verdächtig, zusammen mit anderen brutalen Widerstand gegen die Polizei und andere Delikte wie Körperverletzung etc. pp. begangen zu haben.

 

Der Junge passt sich weiterhin nicht an, er haut ab, landet kurz in einem von Nonnen geleiteten Heim – und schließlich, kurz nach dem Selbstmord eines Freundes, richtig im Knast. Und dann, nach knapp achtzig Seiten, ist der Kindheits- und Jugendteil vorbei.

Dann kommt es, leider, zum Bruch. Denn wie kommt ein rebellischer Kerl aus dem Pott plötzlich dazu, unter dem Einfluss eines Neonazis zu stehen, der später die Wehrsportgruppe Hoffmann mitbegründete? Und warum macht sich Willi Voss nicht die Mühe, uns diese Entwicklung zu erklären? Im Knast lernt Voss nämlich Udo Albrecht kennen, und auch wenn Voss betont, er sei nie ernsthaft Rechtsextremist gewesen: Albrecht ist es wohl bis heute.

Diese Begegnung scheint eine ganz entscheidende im Leben des Willi Voss gewesen zu sein. Denn über Albrecht, "ein blasser junger Mann mit übertrieben soldatischer Haltung", kam Voss in Kontakt zur PLO und zur Terrororganisation "Schwarzer September", die für das Attentat in München 1972 verantwortlich war. Voss drückt sich um Erklärungen, und das hat seine Auswirkungen auf den Erzählstil. Der ist nämlich plötzlich seltsam kraftlos und nominal, Voss zitiert ausgiebig Abu Ijad, den zweiten PLO-Mann, um zu belegen, worum es damals ging – und warum die Darstellungen beispielsweise der DDR-Stasi falsch sind. Das ist mir eigentlich egal: Mir wär’s lieber, Voss erzählt einfach, was passiert ist. Ich brauche keine Quellen. Weder die Stasi noch die PLO halte ich für wirklich glaubwürdig. Mich würde vielmehr interessieren, warum das alles passiert ist – vor allem: Warum hat Willi Voss sich in diese Kreise ziehen lassen? Aber Voss eiert ziemlich rum.

Über viele Seiten verkommt das Buch zu einem nicht einmal journalistisch interessanten, fast hölzernen Bericht. Da reihen sich Konjunktive und Namen von Fatah-Leuten und PLO-Offizieren aneinander, ohne dass sich ein Erzählfluss einstellen würde. Offensichtlich ist es dem Autor selbst nicht ganz klar, wie er überhaupt da reinrutschte. Wäre dies ein Krimi, würde uns Voss einen solchen Bruch niemals anbieten: Dann hätte er sicher genügend Erklärungen dafür, warum seine Figur so plötzlich von einem "Halbstarken" aus dem Ruhrgebiet zu einem wichtigen Verbindungsmann der PLO-Führung werden kann.

Es dauert zwar, aber Voss fängt sich wieder. Und wenn man sich einmal darauf eingelassen hat, dass der Junge, den wir im ersten Teil kennengelernt haben, zu einer internationalen Figur wird, die sich mal in Beirut, mal in Wien oder in Paris aufhält, die internationale Kontakte herstellt und ständig in der Welt unterwegs ist, nimmt die Geschichte wieder erzählerische Fahrt auf.

Immer wieder kommt Voss in große Gefahr, immer wieder wird er verhaftet, von der deutschen Polizei oder von christlicher Miliz im Libanon. Er kommt in Geiselhaft und wird gefoltert. Er wird CIA-Agent und spioniert die PLO aus. Und er lernt Ellen und ihre Tochter kennen, die er ebenfalls in Gefahr bringt.

Am eindringlichsten sind die Szenen, in denen sich Voss das wünscht, was er heute haben dürfte: ein einigermaßen ruhiges, überschaubares Leben in dem Land, in dem er aufgewachsen ist. Am Ende, nach den unglaublich spannenden letzten hundert Seiten, müsste jedem klar sein: Jetzt ist Schluss. Was für ein Leben.

Eines muss ich leider noch erwähnen: UnterGrund ist erbärmlich lektoriert und noch schlechter redigiert. Damit meine ich nicht nur die unverzeihlichen Brüche, die in keiner Weise erzählerisch oder meinetwegen biographisch motiviert daherkommen. Ich meine auch nicht solche Fehler, dass beispielsweise das Kind im Prolog mal zehn, mal elf Jahre alt ist. Nein: Es wimmelt nur so von grammatikalischen Ungereimtheiten und Bezugsfehlern, dass es das Lesen manchmal erheblich erschwert. Dieses Buch ist ein wenig bearbeitetes Manuskript, das auf einen Lektor wartet. Der würde Fragen stellen, Ungereimtheiten ansprechen – und viele Passagen erheblich straffen. Hoffentlich bekommt Willi Voss diese Gelegenheit. Dann kann UnterGrund zu einem wirklich wichtigen Buch werden. Aber erst dann.

UnterGrund

Willi Voss,

UnterGrund

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