Fürchtet euch

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • New York: William Morrow, 2012, Titel: 'A land more kind than home', Seiten: 309, Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2013, Seiten: 352, Übersetzt: Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Couch-Wertung:

87°

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
 50° 100°

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

0 x 91°-100°
0 x 81°-90°
1 x 71°-80°
0 x 61°-70°
0 x 51°-60°
0 x 41°-50°
0 x 31°-40°
0 x 21°-30°
0 x 11°-20°
0 x 1°-10°
B:72
V:0
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":0,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":0,"61":0,"62":0,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":0,"71":0,"72":1,"73":0,"74":0,"75":0,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":0,"83":0,"84":0,"85":0,"86":0,"87":0,"88":0,"89":0,"90":0,"91":0,"92":0,"93":0,"94":0,"95":0,"96":0,"97":0,"98":0,"99":0,"100":0}
Jochen König
Wozu sind wir auf der Welt? Wir sind hier, um zu sündigen und auf diese Weise Gott zu verherrlichen.

Buch-Rezension von Jochen König Feb 2013

Der weniger martialische Originaltitel gibt die Richtung vor: No Land More Kind Than Home (frei übersetzt "Nirgendwo ist es freundlicher als daheim"). Zugleich frommer Wunsch und sarkastischer Kommentar. Madison County, North Carolina, Mitte der Achtziger; Marshall, ein Ort in dem die Bewohner festsitzen, weitgehend abhängig von Tabakanbau und –ernte. Bringt zu wenig ein zum behaglichen Leben und zu viel zum räudigen Krepieren. Also arrangiert man sich. Sucht Nähe in der kargen Einsamkeit, will Teil von etwas sein. In einer gottverlassenen Gegend. Gottverlassen? Da sei Carson Chambliss vor, selbsternannter Prediger und Wunderheiler von Gottes Gnade. Die natürlich seine eigene ist. Denn Chambliss ist ein Scharlatan, ein kleiner Gauner, der in Marshall seinen persönlichen Gottesacker erkennt, den es zu bestellen, pflügen und abzuernten gilt.

Die bedürftige Gemeinde folgt, größtenteils. Trostlosigkeit im Herzen und Hoffnung anschmachtend, lässt man Chambliss gewähren. Die verdunkelte Kirche als Ort obskurer Schlangenspiele, Glaube wird zum Gift, das unweigerlich Opfer fordert. Die 79-jährige Molly Jameson stirbt am Biss einer Mokassinotter, wird von hörigen Gemeindemitgliedern entsorgt. Abgehakt als betrüblicher Unfall. Chambliss darf weiter wildern, obwohl Sheriff Barefield um seine kriminelle Vergangenheit weiß, und es ziemlich offensichtlich ist, dass Mollys Tod kaum ein Gartenunfall war. Doch die Gemeinde schweigt, eine Ermittlung findet nicht statt.

Auch Adelaide Lyle, die langjährige Hebamme, neben Sheriff Clem Barefield und dem neunjährigen Jess Hall eine der drei Erzählstimmen des Romans, hält sich bedeckt. Sie führt zwar die Kinder der Gegend aus Chambliss´ Kirche, vermag aber seine Macht nicht zu brechen. Unverhohlene Drohungen, ein erzwungener Griff in die Schlangenkiste reichen, um sie fast mundtot zu machen.

Der nächste Tote ist ein Kind. Christopher Hall, genannt Stump, Jesses älterer Bruder ist stumm von Geburt an. Ob dazu geistig behindert oder hochintelligenter Autist lässt Cash geschickt offen. Zum Zielobjekt von Carson Chambliss´ vorgeblichem Rettungswahn wird er aus einem rein egoistischen Motiv: Hält der selbsternannte Prediger Stump doch für einen Zeugen, der ihn beim Sex mit Marie Hall beobachtet hat. Doch Stump war nicht der Einzige, der ihn in verfänglicher Situation gesehen hat. So beginnt eine Ereigniskette, an deren Ende es weitere Todesopfer geben wird. Und ein bisschen Hoffnung.

Es sind keine fanatischen Fundamentalisten, die Woche für Woche in die Kirche mit den zugeklebten Scheiben pilgern, die absurde und gefährliche Glaubensprüfungen ablegen. Sondern Menschen, die in einer unwirtlichen Gegend leben, viele am Rand des Existenzminimums, ohne Aussicht auf eine Veränderung. Wie verlockend ist da ein bisschen Nervenkitzel und von einem charismatischen Scharlatan versprochenes Seelenheil.

Besonderes Augenmerk widmet Cash denen, die diesem kirchlichen Treiben skeptisch gegenüber stehen. Wie Ben Hall, der Vater von Stump und Jess, dessen Frau Marie zu Chambliss glühendsten Verehrerinnen gehört. Wie glühend ahnt Ben allerdings nicht. Die ehemalige Hebamme Adelaide Lyle ist so etwas wie die gute Seele der Gegend; entsetzt distanziert sie sich nach und nach von "ihrer" Gemeinde, die der sinistere Carson Chambliss für seine Zwecke missbraucht, ist aber zu unsicher und verängstigt, um ihm Einhalt gebieten zu können.

Sheriff Barefield leidet immer noch unter dem Jahre zurückliegenden Unfalltod seines Sohnes. Den er Jesses Großvater anlastet, dem Alkoholiker Jimmy Hall, der nach jahrelanger Abwesenheit kurz vor dem Tod seines zweiten Enkels wieder nach Marshall zurückkehrt. Ihm wird eine besondere Rolle zuteilwerden, denn dem versoffenen Schläger, der seinen eigenen Sohn Ben jahrelang misshandelt hat, gesteht Cash eine mögliche Veränderung zum Besseren zu.

Es brodelt zwar unter der Oberfläche, doch bewegt sich nicht viel in Madison County. Die Menschen sind gefangen in einem lähmenden Alltagstrott, nehmen Schicksalsschläge scheinbar stoisch hin, leben auf Gedeih und Verderb miteinander oder aneinander vorbei wie Ben und Marie Hall. Marshall scheint etwas Magnetisches zu besitzen, denn nicht einmal einer starken Persönlichkeit wie Ben gelingt es seiner Heimat endgültig den Rücken zu kehren.

Fürchtet Euch ist ein Roman von hoher Intensität, obwohl er von einem fast katatonischen Zustand erzählt. Oder vielleicht gerade deswegen. Dank der drei positiv konnotierten Erzähler vermeidet Cash eine Vorverurteilung der Figuren, deren Treiben er beobachtet. Adelaide Lyle ist die treuherzig Glaubende, die sich aber ihre Kritikfähigkeit und vor allem Emphase bewahrt hat, Clem Barefield ist ein wacher, allerdings etwas phlegmatischer Beobachter, der sich in seine Trauer verkriecht und so versäumt an entscheidenden Stellen zu handeln. Jess Hall erzählt für einen Neunjährigen zwar ein wenig zu abgeklärt von den Ereignissen und Menschen um ihn herum, doch dies ist nur ein kleines Manko. Cash vermeidet dadurch, dass die Geschichte allzu kindlich-naive Züge gewinnt, und sorgt, da der erwachsene Leser dem Jungen meist einen Schritt voraus ist, für nicht unbeträchtliche Spannung. Das Ende kommt zwar nicht unerwartet, ist in seiner bitteren Konsequenz so nachvollziehbar wie bestürzend.

Die im Buch vorkommende Gewalt ist unterschwellig, Cash lässt keinen Zweifel, dass sie strukturell bedingt ist; durch die Ernsthaftigkeit, gepaart mit Understatement gelingen Cash höchst eindrückliche Szenen, die kein explizites Wüten verlangen. Umso verstörender wirken auch die wenigen graphischen Szenen.

Wiley Cash ist mit Fürchtet Euch ein eigenwilliges und eindrückliches Debüt gelungen, das in der Nachbarschaft von Daniel Woodrell und Joe Lansdale (insbesondere die Schilderungen der kleinen Fluchten und Abenteuer Jess Halls) gut aufgehoben ist. Noch näher liegt Philip Ridleys Film "Schrei in der Stille", der eine ähnlich beklemmende Stimmung in einem ländlichen Umfeld beschwört. Und ebenfalls einen neunjährigen Protagonisten besitzt, der, wenn auch auf ganz andere Weise, mit dem Tod konfrontiert wird. Darauf verweist auch das endgültige Cover der deutschen Ausgabe (jenes des Rezensionsexemplars sah wesentlich unscheinbarer aus, und schien den Roman eher in die Chris Carter und verwandte literarische Schlächter-Ecke zu stecken), das fast ein Standfoto aus Ridleys bildgewaltigem und höchst empfehlenswertem Opus sein könnte.

Fürchtet euch

Fürchtet euch

Deine Meinung zu »Fürchtet euch«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
08.07.2013 21:19:44
Falcon

Über den Inhalt wurde ja bereits ausgiebig gesprochen. Deshalb ohne Zusammenfassung direkt zur Kritik:

Die Erzählweise aus den drei Perspektiven; des jüngeren Bruders des Opfers, Jess Hall, der Hebamme Adelaide Lyle, sowie des Sheriff Clem Barefield ist vielversprechend. Diese drei Blickrichtungen auf die Geschichte ergeben eine vielschichtige und breite Innenansicht einer abgesonderten Gemeineinschaft, und dies innerhalb eines grossen Zeitrahmens.
Cash schreibt eine atmosphärisch dichte und dramaturgisch tiefgreifende Geschichte aus dem Süden Amerikas. Er trifft dabei die herrschenden Umstände auf den Punkt. Zugleich geht er äusserst umsichtig mit der Zeit um, macht häufiger Rückblenden, und erklärt ausführlich die zusammenhängenden und verknüpften Schicksale der Menschen in den tiefsten Provinzen der USA.
Das ist hervorragend gemacht und verdient Lob. Nur wo ist hier der Krimi?
Sicherlich ist vieles subtil vorhanden, doch verschwinden diese Elemente in den langen Passagen der Rückblenden. Wirkliche Gänsehaut Atmosphäre kommt nicht auf. Es fehlen schlicht die Spannungsmomente. Das „Böse“ kommt selten rüber, am ehesten noch in der Szene als der Sherif den Pastor Carson Chambliss in der Scheune trifft. Auch das gute Finale mag nicht darüber hinwegtrösten. Zu offensichtlich ist der Verlauf der Dinge. Das am Ende der Geschichte zwischen Jess Grossvater und Clem Barefield eine scheinbare, wenn auch traurige Ausgeglichenheit herrscht, wirkt meines Erachtens gesucht und aufgesetzt.

Noch ein Wort zum viel gelobten Umschlagsbild. Ja, es ist stimmungsvoll. Düster oder gar spannungserzeugend wohl eher nicht. Zudem, weshalb Ähren? Im ganzen Buch ist von Tabakplantagen die Rede und keinesfalls von Getreideanbau.
Passend zur falschen Deklaration als „Thriller“ wird auch hier wird ein falsches Bild vermittelt.
Mein etwa saloppes Fazit ist deshalb: Lesenswert auf jeden Fall. Als Südstaatendrama top, als Krimi flop.

19.06.2013 11:44:39
movebecks

Ein geniales Buch !!! Schuld,Sühne, Vergebung, meiner Meinung nach kein 'normaler' Krimi, sondern eher ein Familiendrama. Die Geschichte wird aus drei Perspektiven erzählt, dies allein macht das Buch schon interessant, ein lebendiger Schreibstil. Innerhalb dieser Erzählstränge arbeitet der Autor zusätzlich mit Rückblenden, klasse. Ein fesselndes Buch, habs in einem Rutsch gelesen :-) Nur wer eben den klassischen Krimi erwartet, Mord, Aufklärungsszenarien, usw. wird vermutlich enttäuscht sein...

05.06.2013 23:57:28
Cysiay

Großer viel versprechender Auftakt, welcher im laufe des Buches sehr stark nachgelassen hat und in meinen Augen nicht hält was er verspricht.
Wirklich nichts hat mich an dem Buch hypnotisiert (ich musste mich regelrecht zwingen weiter zu lesen) jedoch war es an manchen Stellen schon erschütternd.
Leider verspricht auch der Klappentext ein Stück Story welcher im Buch lustigerweise gar nicht stattfindet, denn statt das Jess den Unfall in der Kirche sieht, verschläft er im Auto das Szenario, welches bis zum Ende des Buches zusätzlich ein Geheimnis bleibt.

„Fürchtet euch“ wird aus den Perspektiven von einer wirklich sympathischen älteren Frau, dem Sheriff und dem jüngeren Bruder (des stummen Jungens ) Jess erzählt.
Recht gut umgesetzt finde ich hier die einzelnen Erzählstile, die sich kein Stück gleichen.
Anstrengend wiederum ist es das jeder einzelne, während er die Story aus seiner Sicht erzählt, ständig abschweift … und er schweift in der abgeschweiften Geschichte ab und dann schweift er in der Abschweifung der abgeschweiften Geschichte erneut ab. Und am Ende muss man sich ständig fragen: „ Wieso ist das nun Story relevant?“.
Auch Rückblenden im Allgemeinen waren einfach nicht gut als solches gekennzeichnet, so das man erst mitten in der Rückblende irgendwann geschnallt hat: „ Ahhh das passiert jetzt grade gar nicht Story aktuell “.in meinen Augen ist dies mangelhaft umgesetzt.

Ich denke dieses Buch kann ein wirklich gutes Buch sein, jedoch vermute ich das man es bis in jede Zeile und auch zwischen den Zeilen analysieren muss. Was mir jedoch für eine Abendlektüre zur Entspannung vielleicht auch einfach zu viel war, ich weiß es nicht...

Selten habe ich für 340 Seite 1 ½ Wochen gebraucht ...und ich hätte das Buch so manches mal gerne einfach abgebrochen...
Die Story wird im Großen und ganzen nur auf den ersten 100 Seiten voran getrieben und endet in den letzten 20 Seiten. 220 Seite in der Mitte fehlt einfach jegliche Spannung.
Zu Gute halte ich dem Roman das der Schreibstil, welcher für einen Debütroman wirklich super zu lesen ist.
Wer auf ein Happy-End hofft wird denke ich enttäuscht, jedoch empfindet das vermutlich jeder anders.

Ich empfehle dieses Buch Analytikern und Menschen die sich mit Religiösem Fanatismus auseinandersetzten. Von mir erhält das Buch 58 Punkte und somit 3 Sterne..
Danke an den Fischer-Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

05.06.2013 15:22:45
dendrobium

Bei ›Fürchtet euch‹ (Originaltitel: A Land More Kind Than Home) handelt es sich um den Debütroman von Wiley Cash. Meiner Meinung nach hätte sich der Fischer Verlag am englischen Titel orientieren sollen, der viel besser zum Inhalt passt. Das Cover ist hingegen sehr gelungen und passt zur Geschichte.
Wer der Haupt-Protagonist im Roman ist, lässt sich nicht genau sagen, da drei Personen relativ gleichberechtigt erzählen: der neunjährige Jess Hall, dessen Bruder stirbt, die Hebamme Adelaide Lyle, die sich von der Kirche abgewandt hat, und der Ermittler Clem Barefield. Die Erzählperspektiven wechseln oft unvermittelt und oft auch in der Zeitebene.
Im Mittelpunkt steht ein kleiner Ort in North Carolina. Die Bewohner sind gläubig und gehen jeden Sonntag in die kleine Kirche im Ort, in der ein seltsamer Pastor mit dunkler Vergangenheit predigt und behauptet Menschen, mit Gottes Hilfe, heilen zu können. Und das noch mit relativ unkonventionellen Mitteln: Schlangen und Gift. Als der dreizehnjährige Christopher, während seiner „Heilung“ bei einem Gottesdienst stirbt, gerät die beschauliche Welt aus den Fugen, denn zwei Leute wissen mehr, als sie zugeben: Adelaide und Jess.
Der Roman beginnt rasant und packend wie ein Krimi oder Thriller, er zieht den Leser schnell in seinen Bann. Gleich das erste Kapitel ist sehr spannend geschrieben und erzählt, sodass man sofort weiterliest. Der Schreibstil ist flüssig und locker. Am Anfang kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen, es entwickelt einen starken Sog, der jedoch in der Mitte jäh abreißt, genauso wie der Spannungsbogen. Auf einmal werden Episoden aus der Vergangenheit erzählt, die sich als total unwichtig entpuppen (teilweise Rückblenden in Rückblenden) und den Lesefluss stören, weil sie weder die Geschichte vorantreiben noch zur Figurenentwicklung beitragen. Gegen Ende ärgert man sich als Leser immer öfter, da viele Dinge nicht aufgelöst und zufriedenstellend erklärt werden, stattdessen wird Zeit vergeudet mit Ereignissen, die nebensächlich und irrelevant sind. Der Mordfall an sich wird am Ende gar nicht mehr behandelt. Da kann mich auch der dramatische Showdown nicht mehr komplett trösten.
Die Figuren an sich wären stark und bildhaft beschrieben, agieren authentisch und meist glaubhaft. Als Dozent weiß Wiley Cash natürlich, wie wichtig die Figuren in einem Roman sind, man fühlt mit dem kleinen Jess, der seinen (vermutlich autistischen) Bruder verliert mit und auch mit seiner Angst, sich jemandem anzuvertrauen. Diese Passagen sind sehr einfühlsam und eindrücklich geschrieben. Jedoch scheinen sich die Figuren nur wenig zu entwickeln. Der Schreibstil bleibt durchwegs gut, flüssig, einfach und atmosphärisch dicht. Bisweilen bedient sich Cash einer beinahe poetischen (mit zahlreichen Metaphern bestückten) Sprache, die nicht überall passt. Der Autor versteht es allerdings wunderbar eine düstere Atmosphäre aufzubauen und das Leben in einem kleinen Ort, wo jeder jeden kennt darzustellen.
Mit der Zeit habe ich den Roman nicht mehr als Krimi empfunden, sondern eher als Psychogramm einer Kleinstadt; ein Drama, vielleicht sogar eine Milieustudie. Der Roman wirkt auch sehr gut recherchiert oder er hat diese religiöse Besessenheit selbst erlebt und was dieser Umstand aus Menschen machen kann, bzw. wie (selbsternannte) Prediger, die die Gläubigkeit der einfachen Leute ausnützen und missbrauchen.
Am Ende bleibt man als Leser ein bisschen unbefriedigt zurück, da zuviele Fragen unbeantwortet bleiben, viele Fäden einfach im Sande verlaufen. Das ist schade, denn das Buch und die Geschichte hätte Potenzial zu mehr gehabt, ein paar unerwartete Wendungen hie und da hätten auch nicht geschadet, da man als Leser zu keiner Phase überrascht wurde, sondern immer zu viel über die einzelnen Personen wusste, aber andererseite keine Details über den Mordfall oder den Mörder erfuhr.
Alles in allem hat der Roman zwar unterhalten, aber teilweise enttäuscht, was sicher auch damit zusammenhing, dass man durch die Vorschusslorbeeren eine sehr hohe Erwartungshaltung beim Lesen hat.
Fazit: Ein solides, dramatisches, emotionsgeladenes und durchaus gelungenes Erstlingswerk, mit einer interessanten Geschichte, von einem Autor, der den sicheren Weg gewählt hat. Ich bin gespannt auf seinen zweiten Roman, denn ich glaube, der Autor kann mehr! Vielen Dank an Lovelybooks und dem Fischer-Verlag für die unterhaltsame Lektüre! Prädikat: Klare Leseempfehlung!

03.06.2013 21:21:10
Carigos

Über die Leseprobe bzw. eine Lese-/Diskussionsrunde bin ich auf „Fürchtet euch“ von Wiley Cash aufmerksam geworden.

Die Leseprobe, ein erster Eindruck zum Roman, hat mir auf der Stelle Gänsehaut und Wutgefühle zugleich beschert (1. Teil aus dem 1. Kapitel).

Eine kleiner Ort in den Bergen North Carolinas, eine geheimnisvolle, evangelikale Gemeinde mit einem unheimlichen, charismatischen Pastor, ein Mord…einzelne, packende Themen, die in Kombination noch viel explosiver wirken.

Das Cover des Buches passt hervorragend zu dieser subtilen Thematik (Aufeinanderprallen von Gut und Böse, Vertrauen und Gefahr,…)

Insbesondere die Beschreibung der Gemeinde von Pastor Chambliss hat mein Interesse an diesem Buch geweckt, da ich mich als überzeugte Christin für Gemeindeformen und auch für die Gefahr, die von manipulativen Leitern ausgeht, interessiere.

Eine Gemeinde, wie sie hier in der Leseprobe beschrieben wird, gehört meiner Meinung nach EINDEUTIG zu den schwarzen Schafen - und leider gibt es sie tatsächlich und sind keine Erfindung des Autors.
Gottes Wort wird vom Gemeindeleiter zu dubiosen Zwecken missbraucht. So Etwas "beschmutzt" die Christenheit im Allgemeinen, was sehr schade ist.
Daher war ich (unter anderem!) äußerst gespannt, wie Wiley Cash zu diesem Thema weiter Stellung nimmt, insbesondere ob er indirekt alle in einen Topf wirft.

Aber leider ist schon der erste Teil des Buches mit verwirrenden Zeitsprüngen übersäht. Grundsätzlich entstehen dadurch keine Verständnisprobleme, aber mir fiel es aufgrund dieser Tatsache schwer, richtig in die Geschichte einzutauchen.

Erst befinden wir uns zeitlich nach dem zentralen Ereignis (Mord), dann plötzlich davor, dann hier und da verstreut Rückblenden. Und diese Rückblenden haben im Nachhinein gesehen weder zur Haupthandlung beigetragen, noch dazu geführt, dass man das Handeln der einzelnen Charaktere besser versteht.

Jetzt möchte ich aber einen positiven Aspekt zum Schreibstil einschieben, bevor ich mit meiner negativen Kritik fortfahre:

Der unterschiedliche Umgang der Charaktere mit dem Thema „Tod“ wird hier sehr schön herausgearbeitet. Einzelne Szenen und Gedanken lassen einen beklemmt oder zutiefst traurig zurück. Das Thema kommt beim Lesen plötzlich greifbar nah.

Alles schön und gut…aber ich habe mich während des Lesens einfach gefragt: „Wann wird der berühmte Spannungsbogen endlich gespannt??

Von einem guten Buch, sei es nun dem Genre Krimi/ Thriller oder Drama zuzuordnen, erwarte ich nun mal eine gewisse Spannung bzw. Geschwindigkeit. Aber das Buch nahm auch nach ¾ keine Fahrt auf - und auch auf mein Überraschungsmoment wartete ich vergebens.

Informationen (zur Handlung an sich) fließen sehr einseitig oder spärlich ein und man hat kaum die Möglichkeit, selber mitzurätseln. Und ich wollte unter anderem rätseln; das war meine Erwartungshaltung an das Buch!

Die Geschichte war einerseits spärlich mit Informationen bestückt – andererseits voll Metaphern und Bildern. Ich wurde beim Lesen fast verrückt! Natürlich muss man nicht alles verstehen…aber letzten Endes wird der Leser hier mit vielen offenen Fragen zurückgelassen, obwohl die Haupthandlung an sich völlig banal ist.

Die Geschichte hätte an so vielen Stellen eine interessante Wendung nehmen können (ich hätte selbst grandiose Ideen gehabt) – Aber irgendwie ist NICHTS passiert!

Genau betrachtet macht kaum ein Charakter eine wirkliche Entwicklung durch:
Der Antiheld bleibt der unsympathische Antiheld ohne liebenswürdige Seiten, die Naive bleibt naiv und die Perfekte bleibt perfekt. Das Ende ist genau so, wie es schon im 3. Kapitel den Anschein macht. Was für eine Enttäuschung!

Auf den ersten Blick hatte das Buch für mich also folgende Prämisse: "Ein Unglück kommt selten allein" - oder eher: "Auch aus dem größten Unglück kann etwas Gutes entstehen!"
Aber als so banal schätze ich den Autor dann doch nicht ein...

Die für MICH wichtigste Botschaft des Buches war eindeutig:
Es gibt gute "gottlose" Menschen sowie schlechte "gottesfürchtige" Menschen. Letztendlich ist es nicht an uns zu urteilen, sondern an Gott! Und das sehe ich auch als Statement des Autors zum Thema Glaube. Er zeichnet in seinem Buch eine fehlgeleitete Gemeinde – erwähnt aber zum Schluss, dass es auch anders geht. Das hat mir sehr gefallen.

Fazit:
Für jemanden, der auf detaillierte Szenen- und Gefühlsbeschreibungen steht, bzw. am Ende gerne mit 1.000 Fragezeichen im Kopf zurückbleibt und eine komplett eigene Interpretation für das Buch basteln möchte, ist „Fürchtet euch“ auf alle Fälle etwas! Wer auf Überraschungsmomente steht und gerne mit festem Griff durch die Geschichte geführt wird, sollte besser die Finger davon lassen.
Aufgrund einiger wirklich einfühlsamer Passagen, die einen fast zu Tränen rühren, vergebe ich trotzdem noch 2 Sterne.

02.06.2013 21:32:17
sechmet

Zum Inhalt:
Ein Ort in den Bergen North Carolinas. Eine Kirchengemeinde mit einem selbsternannten Erlöser. In diesem Ort, in dieser Kirchengemeinde, stirbt während der Abendmesse ein dreizehnjähriger Junge. Ein Junge, der sein ganzes Leben lang noch kein Wort gesprochen hat. In besagter Abendmesse sollte er geheilt werden, aber stattdessen stirbt er und die gesamte Kirchengemeinde schweigt. Ein schwerer Job für den Sheriff. Und dann ist da noch Jess, der neunjährige Bruder von dem toten Jungen. Was hat Jess gesehen?

Meine Meinung:
Der Roman um das kurze Leben des Christopher Hall wird von drei verschiedenen Personen erzählt. Da haben wir eine ältere Dame der Kirchengemeinde (Adelaide Lyle), die auch Hebamme ist, den Sheriff (Clem Barefield) und Jess Hall, der kleine Bruder von Christopher (Stump). Jeder der drei „Erzähler“ erzählt das geschehene aus seiner Sicht und gibt zusätzlich noch Erinnerungen an Geschehnisse vor Stumps Tod preis. Durch diese unterschiedlichen Sichtweisen erhält der Roman seine Tiefe und Spannung, auch wenn es von beidem ruhig mehr hätte geben können.

Dieser Roman bringt einen zum Nachdenken. Auch wenn man schon mal gehört hat, dass es in den USA viele verschieden christliche Kirchen gibt, so wird einem durch diesen Roman bewusst, wie anders eine christliche Kirche sein kann. So hatte ich vorher vom sogenannten „Snake Handling“ noch nie etwas gehört. Es ist beängstigend, was für Praktiken während eines christlichen Gottesdienstes vorkommen können. Und es gibt Gegenden, in denen dieser Ritus sogar erlaubt ist.

Fazit:
Ein Roman, der einen überrascht, eine Gänsehaut verursacht. Nicht umsonst ist dieser Roman bereits jetzt preisgekrönt. Und dennoch bleiben da am Ende unbeantwortete Fragen; Puzzlestücke, die nicht wirklich ihren Platz gefunden haben. Aber trotz allem ist Wiley Cash hier ein hervorragendes Debüt gelungen und ich kann dieses Buch trotzt kleiner Schwächen empfehlen. Bin schon auf den nächsten Roman („This Dark Road to Mercy“) von ihm gespannt, der hoffentlich auch in Deutschland erscheinen wird.

31.05.2013 12:35:00
Katis-Buecherwelt

Zum Buch:
Das Cover lässt einen schon zu Gänsehaut verhelfen wie ich finde. Die Kirche im Hintergrund, das goldgelbe Maisfeld mit einem kleinen Jungen, an einem heißen Sommernachmittag. Es stimmt den Leser direkt in eine düstere Stimmung, ein Buch von dem man direkt am Anfang nur grausames erahnen lässt.

Erster Satz:
„Kiesstaub wehte über den Parkplatz, während ich im Wagen saß und das Gebäude als das sah, was es gewesen war; nicht als das, was es jetzt in dem Augenblick im heißen Sonnenlicht war, sondern rund zwölf oder fünfzehn Jahre zuvor: ein großer Gemischtwarenladen, wo sich die Leute vor die Essenstheke drängelten oder in einer Schlange vor dem Limonadenstand warteten, wo kleine Kinder sich Eis in so ziemlich jeder denkbaren Geschmacksrichtung bestellten, wo sie Bonbons in Viertelpfundtüten kauften, Schokokekse, Zuckermandeln und andere Sachen, auf die ich seit Jahren schon keinen Appetit mehr hatte..“

Meine Meinung:
Dieser Roman hat mich oftmals stark schlucken lassen, Gänsehautfeeling ist hier garantiert. Der Klappentext lässt den Leser an einen Thriller denken, jedoch muss ich hier an dieser Stelle sagen, es handelt sich bei „Fürchtet euch“ nicht um einen Thriller, sondern ist ein Roman, der in Richtung Familiendrama und einer Erzählung gleicht.
Es geht hier mehr um eine eingeschworene Gemeinde, die wie ich fand einer Sekte ähnelt, angeführt von Chambliss einem sehr fürchterlichen Mann, der anscheinend die Bibel ganz anders aufgefasst hat und sogar über Leichen geht und darüber hinaus.
Chambliss ist für mich ein Anführer, die Gemeinde hat so viel Vertrauen und Glauben in ihm, dass diese alles für ihn tun, sogar über Leichen gehen und ihm dabei sogar helfen und hinterher Schweigen, als würden diese von nichts wissen.

Der Tod des kleinen Jungen Christopher, auch Stomp genannt, ist eine tragische Geschichte, aber wird im Mittelteil des Buches nicht mehr unbedingt das Hauptgeschehnis sein.

Jess der Bruder des verstorbenen Stomp, hat mich oftmals schlucken lassen. Er tat mir so leid, und ich hätte ihn so gern einfach mal in den Arm genommen, ihn getröstet und ihm versucht zu helfen. Doch er hatte einfach keine Chance, egal was er getan hätte, es wäre beides nicht positiv verlaufen.
Man lernt weitere Charaktere des Dorfes kennen, denn auch diese haben schlimme Geschehnisse erleben müssen, die mich sehr berührt haben und ich war auch entsetzt, wie viele gehandelt haben, aber auch Angst durchlief mich durch diesen Roman.

Der Schreibstil ist sehr flüssig zu lesen, man findet sich sehr schnell in die Geschichte und auch in die Situationen der einzelnen Charaktere ein. Die Kapitel sind immer aus verschiedenen Perspektiven geschrieben. Zum einen aus der Sicht des Bruders Jess, der Dorfältesten Adelaide und dem Sheriff Clem. Mir hat dieser Wechsel sehr gut gefallen, da wie ich fand, einem die Charaktere noch viel näher gebracht wurden, als wäre man ein Teil der Gemeinde, des Dorfes.
Ich selber muss dazu sagen, ich war sehr neugierig auf dieses Buch, doch als ich dann mehrfach gelesen habe, das es doch recht stark über die Kirche geht, fing ich an etwas zu zweifeln, da ich von mir selbst nicht behaupten kann, ein sehr gläubiger Mensch zu sein, und eigentlich nicht viel mit der Kirche zu tun habe. Aber meine Ängste konnte ich schnell über Bord werfen, auch für nicht gläubige Leser, ist dieses Buch lesenswert und in keinster Weise abschreckend.

Fazit:
Ein erschütternder Roman, über eine Dorfgemeinschaft die an einer Sekte erinnert und ein Familiendrama, das unter die Haut geht. Tragisch, emotional und erschütternd! Hier ist Gänsehautfeeling garantiert!

30.05.2013 22:02:15
britta70

Wenn der Glaube zur tödlichen Falle wird...

Ein beschauliches Dorf in North Carolina inmitten der 80er Jahre. Die Idylle trügt. Was hinter den Kirchenmauern und unter der spitituellen Führung des Predigers Chambliss vor sich geht, ist das pure Grauen. Doch die eingeschworene Gemeinschaft steht geschlossen hinter Chambliss, der ihrer Meinung von Gott geschickt wurde und durch den sie die Stimme Gottes zu vernehmen glaubt. Allein Adelaide Lynn, die bereits einmal Zeugin eines Tod bringenden Rituals mit Giftschlangen wurde, hält sich vom Ort des Grauens fern. Zwar traut sie sich nicht gegen Chambliss ihre Stimme zu erheben, doch nimmt sie die Kinder während der Zeit des Gottesdienstes in ihre Obhut, um das Schlimmste zu verhindern. Leider kann sie jedoch nicht verhindern, dass Julie Hall, die dem Prediger gänzlich verfallen ist und die Ehe mit Ben wohl eher noch zum Schein aufrecht erhält, ihren 13jährigen Sohn Christopher mit in die Kirche bringt. Christopher, liebevoll, Stump genannt, ist stumm und Julie vertraut darauf, dass er mithilfe des Predigers und seinen Ritualen geheilt wird. Als sie meint, einen ersten Erfolg vernommen zu haben, gibt es für sie keinen Halt mehr. Jess, der jüngere Bruder, weiß in welcher Gefahr sein Bruder schwebt und dass seine Mutter sich täuscht. Doch er findet nicht die Worte, um dem Treiben hinter den verklebten Kirchenfenstern Einhalt zu gewähren. Christopher stirbt und die Familie treibt rasant dem Abgrund entgegen...

Der mit diversen Auszeichnungen versehene Debütroman von Wiley Cash lehrt einem regelrecht das Fürchten. Betroffen erlebt man mit, wie ein fehlgeleiteter Glaube Unschuldigen zur tödlichen Falle gerät. Entsetzt muss man die Tatenlosigkeit der geblendeten Anhängerschaft des fanatischen Predigers zur Kenntnis nehmen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer am Ende des dunklen Tunnels mildert kaum die erschütternde Wirkung dieses Romans auf den Leser. Zwar kann Wiley Cash die am Anfang erzeugte Spannung nicht durchgängig halten. Dennoch ergibt sich durch die Parallalelität der 3 Erzählperspektiven ein mehr oder weniger stimmiges Ganzes. Einige Fragen bleiben ungeklärt, aber durch die Einblicke, die die 3 Erzähler: die Hebamme Adelaide, der Sheriff Glem und Christophers Bruder Jess, gewähren, kann man sich das, was unausgesprochen bleibt, selbst zusammen reimen.
Insgesamt gesehen, ein gelungenes Debüt, das zum Nachdenken anregt. Ich bin auf weitere Romane aus der Feder von Wiley Cash sehr gespannt!

30.05.2013 15:58:10
Muffin02

Inhalt:
Christopher redet nicht. Sein gesamtes Leben, 13 Jahre lang, hat er kein einziges Wort gesprochen. Das soll sich nun ändern, und zwar in der fanatischen Kirche unter Leitung des skrupellosen Pastors Chambliss. Doch Christopher überlebt seine "Heilung" nicht.
Nun ist es die Aufgabe des Sheriffs herauszufinden, was an jenem Abend in der Kirche geschah. Wer wird ihm den ausschlaggebenden Hinweis liefern? Adelaine, die vor Jahren aus der Kirche austrat? Christophers Mutter, welche an dem Abend dabei war?
Letztendlich ist es Christophers Bruder Jess, der mit dem brechen seines Schweigen ungeahnte, furchtbare Ereignisse in Bewegung setzt.



Meine Meinung:
Wiley Cash ist es gelungen, mich von der ersten Seite an in die Geschichte hinein zuziehen. Sie beginnt mit der Schilderung Adelaines, was sie dazu bewogen hat, aus der Kirche auszutreten. Von Anfang an ist da diese bedrückende Stimmung, dieses Gefühl, dass da etwas nicht stimmt. Denselben Eindruck hat mir übrigens auch schon das Cover vermittelt, weswegen es meiner Meinung nach sehr gut zu dem Buch passt. Und nun, da wir etwas über diese Kirche, den Ablauf der Gottesdienste und die zurückliegenden Geschehnisse erfahren, bewahrheitet sich dieser Eindruck. In diese Hinsicht hat das Buch für mich durchaus die Elemente eines Thrillers, denn die beschriebenen Ereignisse sind schockierend und furchtbar.

Im weiteren Verlauf der Geschichte erzählt der Autor aus der Sicht verschiedener weiterer für die Geschichte wichtiger Personen. So lernen wir Jess kennen, ebenso wie Clem, den Sheriff dieses kleinen Dorfes in North Carolina. Dabei hat jede diese Personen seinen ganz eigenen, unverwechselbaren Erzählstil, mit dem er uns durch die Geschichte führt.

Doch aus welcher Sicht der Autor die Geschehnisse auch gerade schildert, immer begleitet uns sein leichter und atmosphärischer Schreibstil. Während des Lesens konnte ich den Ort des Geschehens praktisch vor mir sehen: Die Tabakfelder mit ihrem typischen Geruch, die steilen Berge ebenso wie die anderen Schauplätze.

Was mich an diesem Buch ein wenig irritiert hat, war der Rückentext. Dieser vermittelt meiner Meinung nach einen falschen Eindruck des Buches. Aufgrund des Rückentextes ist bekannt, das Christopher sterben wird. So erwartete ich, dass sich dieses Buch um die Aufklärung der Geschehnisse in der Kirche drehen würde.
Was mich stattdessen jedoch erwartete, waren viele Ausschnitte und Erlebnisse aus der Vergangenheit der beteiligten Personen. Dabei arbeitet der Autor mit vielen vielen Zeitsprüngen, was vor allem zu beginn des Lesens manchmal etwas verwirrend war.
Es schien sich immer mehr um das ineinander verwobene Leben der Personen zu handeln, welche sich wie ein Puzzle ineinander zusammen setze.

Einerseits mochte ich diesen unterwarteten Verlauf des Buches. Ich mochte es, wie die ganzen Lebensgeschichten immer mehr miteinander in Verbindung traten.
Andererseits war ich auch ein wenig enttäuscht, da ich mir mehr von der Aufklärung von Christophers Tod erwartet hätte. Dieser rutscht irgendwann jedoch völlig in den Hintergrund der Geschichte ab. Hier hat für mich ein wenig mehr Aufklärung gefehlt!



Fazit:
Eine atmosphärische und beklemmende Geschichte, die sich nur schwer in ein bekanntes Genre einordnen lässt. Für mich ein durchaus lesenswertes Buch, was durch den unterwarteten Verlauf jedoch auch für ein wenig Enttäuschung sorgte.

30.05.2013 15:18:37
CarmenM

In den Bergen North Carolinas liegt der kleine abgeschiedene Ort Marshall. Hier hat sich ein fanatischer Prediger einer christlichen Gemeinde angenommen um sie, einer Sekte gleich, zu beeinflussen. Während eines Gottesdienstes geschieht etwas Unfassbares. Der 13-jährige Christopher, der seit seiner Geburt nicht sprechen kann, ist während einer Heilungszeremonie ums Leben gekommen. Der Sheriff versucht diesen Fall aufzuklären, doch die Gemeinde schweigt. Lediglich Jess, der kleine Bruder des Opfers hat Beobachtungen gemacht, die er jedoch zunächst für sich behält. Als er schließlich alles erzählt, kommt es zu einer Katastrophe.
Dieses Buch hat mich gefesselt und schockiert zugleich. Die Schreibweise, aus der Sicht von drei verschiedenen Personen die sich abwechseln, gibt einen tiefen Einblick in das Leben und die Vorgeschichte der Figuren. Im Namen des Glaubens sind ja schon viele Verbrechen begangen worden, aber das schockierende bei der Geschichte ist, dass hier wehrlose Kinder zu Schaden kommen und fast alle Erwachsenen tatenlos zuschauen. Der Bösewicht ist von Anfang an der exzentrische Prediger, dem wohl niemand irgendwelche Sympathien entgegenbringen kann. Doch die Schicksale der anderen Charaktere haben auch alle ihre Schattenseiten und müssen bewältigt werden. Das Ende kam für mich anders als erwartet und hat mich daher auch ziemlich erschüttert.
Insgesamt habe ich das Buch sehr gerne gelesen. Es ist interessant, tiefgründig, unterhaltsam und macht nachdenklich. Ein fesselndes Thema, das ich gerne weiterempfehlen werde.

30.05.2013 08:08:39
Sursulapitschi

Dieses Buch fängt spannend an. Eine Kleinstadt in North Carolina, während eines Gottesdienstes wird ein Junge getötet. Sehr mysteriös.

Die Atmosphäre dort ist packend beschrieben. Eine ländliche Idylle, weltabgeschieden, gepaart mit Armut, Alkoholsucht, strenger Religiosität bis hin zu Aberglauben, beklemmend.
Erzählt wird das Ganze aus der Sicht von drei sehr unterschiedlichen Personen. Man lernt einige Stadtbewohner näher kennen, verfolgt ihre Lebensgeschichte und blickt in Abgründe. Wahrhaft zum Fürchten.

Was aber als echter Pageturner anfängt, verzettelt sich nach etwa der Hälfte des Buches. Plötzlich lesen wir Episoden aus der Vergangenheit, die ganz interessant sind, aber zum Verständnis der eigentlichen Geschichte nichts beitragen. Der Mordfall gerät in den Hintergrund und ist am Ende noch nicht einmal zufriedenstellend geklärt. Inzwischen verwirren die ständigen Rückblenden nur noch. Ab und an muss man erst einmal überlegen, wer und wann bin ich denn nun. Viele der aufgeworfenen Fragen bleiben offen. Dafür werden wir mit einer versöhnlichen Botschaft verabschiedet.

Am Ende fragt man sich, was wollte der Autor uns da erzählen? Es fängt an wie ein Krimi, der aber im Sand verläuft. Für ein Psychogramm bleibt es zu oberflächlich. Vielleicht ist es eher eine Millieustudie, aufgepeppt durch etwas Mord und religiösen Wahnsinn.

Man kann dieses Buch durchaus lesen, hat aber auch nichts verpasst, wenn man es lässt.

27.05.2013 17:47:56
Asmodeus

Ein winziger Ort in den Bergen North Carolinas. Dort findet sich jeden Tag eine eingeschworene Kirchengemeinde im Haus Gottes ein - doch was dort geschieht, ist gottlos. Der 13-jährige Stump, der Zeit seines Lebens kein Wort gesprochen hat, soll mit Hilfe von Vater Chambliss, durch den - so ist sich die Gemeinde sicher - Jesus spricht und wirkt, geheilt werden. Doch der Junge verlässt die Kirche nicht mehr lebend. Die Familie steht vor einem Abgrund. Der Sheriff sieht sich verschlossenen Türen und Gemütern gegenüber. Doch so sehr die Kirchengemeinde auch bemüht ist, ihre Geheimnisse zu schützen, treten schon bald Abgründe und Bösartigkeiten zu Tage, die die erschreckende Zerstörungsmacht von blindem Gehorsam aufzeigen und auch jene, die schweigen und wegsehen, zu Mittätern machen. Wiley Cash greift in seinem Roman ein brisantes Thema auf: gefährliche Mitläuferschaft, religiöser Fanatismus, todbringende Feigheit.

Ausgezeichnet mit dem Dagger Award für den besten Debütroman und von Kirkus Reviews und Library Journal zum besten Roman 2012 gewählt, tritt man diesem Roman nicht gänzlich unvoreingenommen und erwartungslos gegenüber. Doch auch wenn ich mir an mancher Stelle ein wenig "mehr" (mehr Klarheit, mehr sich auflösende Fragen, mehr Background) gewünscht hätte, bietet dieser Roman sowohl Tiefgang als auch Unterhaltung. "Fürchtet euch" stimmte nachdenklich wie ein Roman, bot Spannung bis zur letzten Seite, wie man es sich von einem Krimi wünscht, und ließ Tränen fließen, die nur eine Familientragödie hervorlocken kann. Vielschichtiges Lesevergnügen!

27.05.2013 15:52:28
Hessberger

In seinem Debut Roman erzählt Wiley Cash die Geschichte um den charismatischen Prediger Chambliss, der sich selbst für den Erlöser hält, und einer abhängigen Gemeinde, die erst schlimmes erfahren muss um aufzuwachen.
Die Hauptrolle in dieser Geschichte spielt der neun Jährige Jess, dessen stummer Bruder Christopher, während eines Gottesdienstes, bei einem angeblichem Heilungsversuch, getötet wird, ohne dass ein Gemeindemitglied hilft.
Da auch bei den Ermittlungen niemand bereit ist etwas zu erzählen, sind dem Sheriff zunächst die Hände gebunden.
Die Geschichte wird aus drei verschiedenen Perspektiven beschrieben. Einmal aus der Sicht des kleinen Jess, dann aus der von Adeleide, der Hebamme des Ortes die aus der Kirche ausgetreten ist, und dann noch aus der Sicht des Sheriffs, dessen Sohn vor ein paar Jahren ums Leben gekommen ist. Diese Mischung fand ich sehr gelungen, da die einzelnen Charaktere aus diversen Richtungen beleuchtet werden, und somit viel mehr Tiefe bekommen haben.
Immer wieder gibt es Zeitsprünge die einen Einblick in die Vergangenheit der einzelnen Personen gewähren. Diese Rückblenden sind nicht immer notwendig für die Weiterführung der Geschichte, geben aber einen guten Eindruck warum die einzelnen Charaktere so geworden sind wie sie sind.
Gegen Ende, als Jess nicht mehr länger schweigen kann, und sich seinem Vater anvertraut, eskaliert das Geschehen und findet einen mehr als tragischen Ausgang.
Stellenweise nicht ganz einfach zu lesen, man musste sich erst an die Zeitsprünge gewöhnen, dafür aber ein Thriller mit Tiefgang, der nachdenklich stimmt.
Jeder der Thriller nicht nur der Gewalt willen lesen mag ist mit diesem Buch bestens bedient.

27.05.2013 00:17:34
Art3mis

Cashs’ Sprache ist tief, wortgewaltig und lebt durch assoziative Momente. Das ländliche Milieu Marshall, sowie die Hitze und die Weite des Landes werden so eindrucksvoll vor dem inneren Auge des Lesers lebendig. Die Geschichte wird aus drei Blickwinkeln beschrieben: da ist zum einen Adelaide Lyle, die alte Hebamme und gute Seele der Gemeinde, zum anderen Clem Barefield, der landverbundene Sheriff und nicht zuletzt der kleine Jungen Jess. Durch die einzelnem Erzählstränge und die Rückblicke der Protagonisten erhält der Leser einen guten Einblick in das ländliche Leben Marshalls und die Schicksale und Sorgen der Menschen, die diesen Ort für Cash so einzigartig machen. Obwohl die Handlung durch den Wechsel der Erzählperspektive langsam voranschreitet, ist das Buch zu keinem Zeitpunkt langweilig oder uninteressant. Geradezu spannend lesen sich die einzelnen Erzählungen der Figuren, denn nur aus dem Zusammenspiel ergibt sich ein wirklich gutes Bild der „Wirklichkeit.“ Sehr gelungen und durchaus anspruchsvoll.

Fazit: Mit „Fürchet Euch“ hat Wiley Cash ein großartiges und wortgewaltiges Buch geschrieben, das man diesen Sommer unbedingt gelesen haben sollte!