Fürchtet euch

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • New York: William Morrow, 2012, Titel: 'A land more kind than home', Seiten: 309, Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2013, Seiten: 352, Übersetzt: Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Couch-Wertung:

87°
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Jochen König
Wozu sind wir auf der Welt? Wir sind hier, um zu sündigen und auf diese Weise Gott zu verherrlichen.

Buch-Rezension von Jochen König Feb 2013

Der weniger martialische Originaltitel gibt die Richtung vor: No Land More Kind Than Home (frei übersetzt "Nirgendwo ist es freundlicher als daheim"). Zugleich frommer Wunsch und sarkastischer Kommentar. Madison County, North Carolina, Mitte der Achtziger; Marshall, ein Ort in dem die Bewohner festsitzen, weitgehend abhängig von Tabakanbau und –ernte. Bringt zu wenig ein zum behaglichen Leben und zu viel zum räudigen Krepieren. Also arrangiert man sich. Sucht Nähe in der kargen Einsamkeit, will Teil von etwas sein. In einer gottverlassenen Gegend. Gottverlassen? Da sei Carson Chambliss vor, selbsternannter Prediger und Wunderheiler von Gottes Gnade. Die natürlich seine eigene ist. Denn Chambliss ist ein Scharlatan, ein kleiner Gauner, der in Marshall seinen persönlichen Gottesacker erkennt, den es zu bestellen, pflügen und abzuernten gilt.

Die bedürftige Gemeinde folgt, größtenteils. Trostlosigkeit im Herzen und Hoffnung anschmachtend, lässt man Chambliss gewähren. Die verdunkelte Kirche als Ort obskurer Schlangenspiele, Glaube wird zum Gift, das unweigerlich Opfer fordert. Die 79-jährige Molly Jameson stirbt am Biss einer Mokassinotter, wird von hörigen Gemeindemitgliedern entsorgt. Abgehakt als betrüblicher Unfall. Chambliss darf weiter wildern, obwohl Sheriff Barefield um seine kriminelle Vergangenheit weiß, und es ziemlich offensichtlich ist, dass Mollys Tod kaum ein Gartenunfall war. Doch die Gemeinde schweigt, eine Ermittlung findet nicht statt.

Auch Adelaide Lyle, die langjährige Hebamme, neben Sheriff Clem Barefield und dem neunjährigen Jess Hall eine der drei Erzählstimmen des Romans, hält sich bedeckt. Sie führt zwar die Kinder der Gegend aus Chambliss´ Kirche, vermag aber seine Macht nicht zu brechen. Unverhohlene Drohungen, ein erzwungener Griff in die Schlangenkiste reichen, um sie fast mundtot zu machen.

Der nächste Tote ist ein Kind. Christopher Hall, genannt Stump, Jesses älterer Bruder ist stumm von Geburt an. Ob dazu geistig behindert oder hochintelligenter Autist lässt Cash geschickt offen. Zum Zielobjekt von Carson Chambliss´ vorgeblichem Rettungswahn wird er aus einem rein egoistischen Motiv: Hält der selbsternannte Prediger Stump doch für einen Zeugen, der ihn beim Sex mit Marie Hall beobachtet hat. Doch Stump war nicht der Einzige, der ihn in verfänglicher Situation gesehen hat. So beginnt eine Ereigniskette, an deren Ende es weitere Todesopfer geben wird. Und ein bisschen Hoffnung.

Es sind keine fanatischen Fundamentalisten, die Woche für Woche in die Kirche mit den zugeklebten Scheiben pilgern, die absurde und gefährliche Glaubensprüfungen ablegen. Sondern Menschen, die in einer unwirtlichen Gegend leben, viele am Rand des Existenzminimums, ohne Aussicht auf eine Veränderung. Wie verlockend ist da ein bisschen Nervenkitzel und von einem charismatischen Scharlatan versprochenes Seelenheil.

Besonderes Augenmerk widmet Cash denen, die diesem kirchlichen Treiben skeptisch gegenüber stehen. Wie Ben Hall, der Vater von Stump und Jess, dessen Frau Marie zu Chambliss glühendsten Verehrerinnen gehört. Wie glühend ahnt Ben allerdings nicht. Die ehemalige Hebamme Adelaide Lyle ist so etwas wie die gute Seele der Gegend; entsetzt distanziert sie sich nach und nach von "ihrer" Gemeinde, die der sinistere Carson Chambliss für seine Zwecke missbraucht, ist aber zu unsicher und verängstigt, um ihm Einhalt gebieten zu können.

Sheriff Barefield leidet immer noch unter dem Jahre zurückliegenden Unfalltod seines Sohnes. Den er Jesses Großvater anlastet, dem Alkoholiker Jimmy Hall, der nach jahrelanger Abwesenheit kurz vor dem Tod seines zweiten Enkels wieder nach Marshall zurückkehrt. Ihm wird eine besondere Rolle zuteilwerden, denn dem versoffenen Schläger, der seinen eigenen Sohn Ben jahrelang misshandelt hat, gesteht Cash eine mögliche Veränderung zum Besseren zu.

Es brodelt zwar unter der Oberfläche, doch bewegt sich nicht viel in Madison County. Die Menschen sind gefangen in einem lähmenden Alltagstrott, nehmen Schicksalsschläge scheinbar stoisch hin, leben auf Gedeih und Verderb miteinander oder aneinander vorbei wie Ben und Marie Hall. Marshall scheint etwas Magnetisches zu besitzen, denn nicht einmal einer starken Persönlichkeit wie Ben gelingt es seiner Heimat endgültig den Rücken zu kehren.

Fürchtet Euch ist ein Roman von hoher Intensität, obwohl er von einem fast katatonischen Zustand erzählt. Oder vielleicht gerade deswegen. Dank der drei positiv konnotierten Erzähler vermeidet Cash eine Vorverurteilung der Figuren, deren Treiben er beobachtet. Adelaide Lyle ist die treuherzig Glaubende, die sich aber ihre Kritikfähigkeit und vor allem Emphase bewahrt hat, Clem Barefield ist ein wacher, allerdings etwas phlegmatischer Beobachter, der sich in seine Trauer verkriecht und so versäumt an entscheidenden Stellen zu handeln. Jess Hall erzählt für einen Neunjährigen zwar ein wenig zu abgeklärt von den Ereignissen und Menschen um ihn herum, doch dies ist nur ein kleines Manko. Cash vermeidet dadurch, dass die Geschichte allzu kindlich-naive Züge gewinnt, und sorgt, da der erwachsene Leser dem Jungen meist einen Schritt voraus ist, für nicht unbeträchtliche Spannung. Das Ende kommt zwar nicht unerwartet, ist in seiner bitteren Konsequenz so nachvollziehbar wie bestürzend.

Die im Buch vorkommende Gewalt ist unterschwellig, Cash lässt keinen Zweifel, dass sie strukturell bedingt ist; durch die Ernsthaftigkeit, gepaart mit Understatement gelingen Cash höchst eindrückliche Szenen, die kein explizites Wüten verlangen. Umso verstörender wirken auch die wenigen graphischen Szenen.

Wiley Cash ist mit Fürchtet Euch ein eigenwilliges und eindrückliches Debüt gelungen, das in der Nachbarschaft von Daniel Woodrell und Joe Lansdale (insbesondere die Schilderungen der kleinen Fluchten und Abenteuer Jess Halls) gut aufgehoben ist. Noch näher liegt Philip Ridleys Film "Schrei in der Stille", der eine ähnlich beklemmende Stimmung in einem ländlichen Umfeld beschwört. Und ebenfalls einen neunjährigen Protagonisten besitzt, der, wenn auch auf ganz andere Weise, mit dem Tod konfrontiert wird. Darauf verweist auch das endgültige Cover der deutschen Ausgabe (jenes des Rezensionsexemplars sah wesentlich unscheinbarer aus, und schien den Roman eher in die Chris Carter und verwandte literarische Schlächter-Ecke zu stecken), das fast ein Standfoto aus Ridleys bildgewaltigem und höchst empfehlenswertem Opus sein könnte.

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