Das Urteil

Erschienen: Januar 1997

Bibliographische Angaben

  • New York: D. I. Fine, 1994, Titel: 'The 13th Juror', Seiten: 484, Originalsprache
  • München: Heyne, 1997, Seiten: 639, Übersetzt: Gerd Burger

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Peter Kümmel

Rezension von Peter Kümmel Mai 2003

"Das Urteil" ist der vierte Roman um Lescroarts Serienhelden Dismas Hardy. Da dies aber das erste Buch der Reihe ist, welches ich lese, kann ich den Protagonisten nur aus der Sicht dieses einen Romans darstellen und dabei nur einige spärliche Informationen nutzen von dem, was in der Vergangenheit bereits geschehen ist.

Angefangen hat Hardy als Polizist. Dort hat er auch seinen Freund, den dunkelhäutigen Abe Glitzky, kennengelernt. Da dieser bei der Mordkommission arbeitet, ersucht Hardy ihn des öfteren um offiziellen oder auch inoffiziellen Rat. Durch seinen Polizeidienst hat Hardy seine Frau Frannie kennengelernt. Deren früherer Mann war ebenfalls Polizist und wurde im Dienst erschossen. Auch Hardy war bereits vorher einmal verheiratet. Die Ehe mit seiner Frau Jane zerbrach nach dem Unfalltod ihres kleinen Sohnes. Nun leben Frannie und Dismas mit ihren Kindern Rebecca - aus Frannies erster Ehe - und Vincent zusammen. Sowohl Frannies als auch Dismas' Eltern leben nicht mehr, so daß sich bei Bedarf die Eltern von Frannies früherem Mann um die Kinder kümmern.

Nachdem Dismas bei der Polizei ausgeschieden ist, besaß er zusammen mit Frannies Bruder Moses eine Kneipe, in der er als Barmixer arbeitete.

Danach wurde er Assistent der Staatsanwaltschaft. Mittlerweile ist er Anfang 40 und will nun die andere Seite des Gerichtswesens kennenlernen und als Anwalt arbeiten

Da Dismas ein Eigenbrötler ist, steigt er nicht als Partner in einer Kanzlei ein, sondern mietet beim Staranwalt David Freeman Büroräume an und arbeitet auf eigene Faust. Dabei unterstützt ihn Freemans Sekretärin Phyllis. Seine große Leidenschaft ist das Dartspielen. Deshalb ist seine Dartscheibe auch sein wichtigstes Büroutensil.

Wenn er aber an einem Fall arbeitet, dann ist er ganz für seinen Mandanten da, gibt niemals auf und nimmt auch auf seine eigene Gesundheit keine Rücksicht.

Da der Staranwalt David Freeman gerade verhindert ist, gerät Dismas Hardy zufälligerweise an einen Mordfall. Die attraktive Jennifer Witt soll ihren Mann Larry, einen erfolgreichen Arzt, aus Habsucht erschossen haben, um die hohe Lebensversicherungsprämie zu kassieren. Auch ihr sechsjähriger Sohn Matt wurde dabei durch einen Kopfschuss getötet. Man vermutet, dass dies nicht beabsichtigt war. Obwohl sie fest ihre Unschuld beteuert, sprechen sehr viele Indizien gegen sie. Erschwerend kommt hinzu, dass Jennifer zusätzlich noch eines dritten Mordes angeklagt wird. Ihr erster Ehemann kam vor Jahren ums Leben. Aufgrund des aktuellen Falles wurde seine Leiche exhumiert und man stellte fest, dass er vergiftet wurde.

Offiziell übernimmt Freeman den Fall, doch bilden Hardy und Freeman bei der Gerichtsverhandlung ein Team. Hardy wird im Falle eines Schuldspruchs Jennifers Anwalt bei der anschließenden Verhandlung über das Strafmaß sein.

Durch Jennifers Psychologen Ken Lightner finden die Anwälte heraus, dass Jennifer sowohl von ihrem Mann Larry als auch von ihrem früheren Mann ständig geschlagen wurde. So wollen sie sich bei der Verteidigung auf das Battered-Wife-Syndrome berufen. Ein Grundsatz, der von den Gerichten zwar nicht offiziell anerkannt, aber schon des öfteren angewendet wurde. Demzufolge kann eine permanent mißhandelte Ehefrau freigesprochen werden, selbst wenn sie ihren Mann vorsätzlich getötet hat. Doch Jennifer erlaubt ihren Anwälten nicht, diese Strategie heranzuziehen, da dies für sie einem Schuldeingeständnis gleichkäme, sie aber mit den Morden nichts zu tun hat.

Durch Fehler des Staatanwaltes ist die Anklage des Mordes an ihrem früheren Mann nicht mehr haltbar. Doch gerade diesen Mord hat Jennifer gegenüber ihren Anwälten zugegeben. Deshalb fällt es Hardy schwer, an die Unschuld seiner Mandantin zu glauben.

Doch er sucht verzweifelt nach weiteren Personen, die Motiv und Möglichkeit gehabt haben, die Morde zu begehen. Dabei stösst er auf Jody Bachman, einen Kollegen von Larry Witt und auf weitere Morde in dessen Umfeld. Bei obskuren Wertpapiergeschäften der Ärztevereinigung, der sowohl Witt als auch Bachman angehörten, hat Bachman eine Millionensumme verdient. Witt, so vermutet Hardy, könnte versucht haben, diese Geschäfte aufzudecken.

Mit seinem Protagonisten Dismas Hardy hat der Autor einen sympathischen Charakter erschaffen. Wieder einen dieser beliebten Antihelden mit vielen menschlichen Stärken und Schwächen. Sehr glaubhaft wirkt dabei, wie er zunächst selber von der Schuld seiner Mandantin überzeugt ist, er dann aber nach und nach Zweifel bekommt. Schließlich glaubt er fest an ihre Unschuld und kämpft mit allen Mitteln, um sie zu retten.

Auch mit Hardys älterem Kollegen David Freeman ist Lescroart eine glaubhafte Figur gelungen. Der berühmte Staranwalt, der gerne im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht. Sehr uneinsichtig dem jüngeren Hardy gegenüber macht er während des Prozesses einige Fehler. Hardy gegenüber gibt er diese zu, an der Öffentlichkeit bleibt er jedoch standhaft.

Ebenfalls interessant die außen hin so kühl wirkende Angeklagte Jennifer Witt, die jedoch innerlich sehr zerrissen wirkt und sich immer wieder in Widersprüche verwickelt sowie Hardys Frau Frannie, die zwar volles Verständnis für ihren Mann hat, sich jedoch mit ihren Kindern eingeengt fühlt.

Dem gegenüber stehen jedoch auch Charaktere, die sehr klischeehaft wirken. Zum einen die ältere dunkelhäutige grauhaarige Richterin, die zwar überaus streng, aber gerecht urteilt, sowie zum anderen der Staatsanwalt, der rücksichtslos seine politischen Ziele verfolgt, zu keinen Kompromissen bereit ist, aber durch seine impulsive Art immer wieder Fehler macht.

Gerichtsthriller kennt man ja schon zur Genüge. Ein Vergleich mit dem bekanntesten Autor dieses Genres, John Grisham, scheint angebracht, nicht nur, weil auch von ihm ein Roman mit gleichlautendem Titel erschienen ist. Grisham schreibt wesentlich oberflächlicher, aber auch einfacher und spannender. Lescroart geht bei seinen Charakteren wesentlich mehr in die Tiefe, kann jedoch dadurch die Spannung lange nicht so gut halten wie sein bekannterer Kollege.

Wie so oft hat der Verlag die Originaltitel der Dismas-Hardy-Reihe nicht übersetzt, sondern den Büchern neue Titel vergeben. Warum dabei aber die Methode der Grisham-Titel übernommen wurde (ein Wort mit vorangestelltem Artikel) und der Titel "Das Urteil" sogar doppelt vergeben wurde, ist mir absolut nicht verständlich. Mit dem Originaltitel "The 13th Juror" ist übrigens der Richter, in diesem Falle die Richterin, gemeint, der als 13. Geschworener gilt und der das Recht hat, das von den Geschworenen gefällte Urteil zu überstimmen.

Mit 640 Seiten ist Lescroarts Roman, wie ich finde, um einiges zu lang geraten. Man muß doch immer wieder über einige Längen hinweg kommen, wirklich fesselnd ist das Buch immer nur kurzzeitig. Beeindruckend wirken wie so oft in diesem Genre wieder die Wortgefechte der Anwälte, die Kreuzverhöre mit ihren ständigen Einsprüchen.

Man mag als Europäer ja von der Umständlichkeit des amerikanischen Gerichtswesens überzeugt sein, doch hat so eine Geschworenenverhandlung immer wieder einen großen Unterhaltungswert. Die Amerikaner haben ja sehr viele Eigenheiten bei ihren Gerichtsverfahren. Hier habe ich wieder mal was dazu gelernt: in Kalifornien wird ein Prozess, bei dem die Todesstrafe droht, in zwei Phasen abgewickelt. Der erste Teil des Verfahrens ist dafür zuständig, die Schuld oder die Unschuld des Angeklagten festzustellen. Erfolgt dabei ein Schuldspruch, so bestimmt ein zweites Verfahren mit einem anderen Anwalt die Strafe: entweder lebenslange Haft ohne Möglichkeit einer Entlassung auf Bewährung oder die Todesstrafe.

Doch die 640 Seiten beinhalten nicht nur Gerichtsverfahren. Auch das Privatleben seiner Protagonisten kommt bei Lescroart nicht zu kurz. So bleibt das Buch zumindest sehr abwechslungsreich. Dabei hat der Autor die Haupthandlung mit den Nebenhandlungen sehr gut verknüpft.

Die Auflösung des Falles wirkt schließlich doch sehr konstruiert und nicht sehr überzeugend hergeleitet. Die Lösung mag zwar überraschend wirken, ist jedoch für den einen oder anderen Leser sicherlich auch vorhersehbar.

John T. Lescroarts "Urteil" bietet sicherlich einiges an Unterhaltungswert, ragt aber aus der Masse von amerikanischen Gerichtsthrillern nicht heraus. Der Autor bietet solide Krimikost mit sympathischen Charakteren und dem TV-bekannten Geschachere aus amerikanischen Gerichtssälen.

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