Paria

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • London: Serpent´s Tail, 2009, Titel: 'Pariah', Seiten: 280, Originalsprache
  • Berlin: Pulp Master, 2013, Seiten: 368, Übersetzt: Frank Nowatzki & Angelika Müller

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Jochen König
Die Autobiographie eines sentimentalen Killers

Buch-Rezension von Jochen König Jan 2013

Kyle Nevin ist ein Soziopath mit Charme und voller Energie. Als er nach acht Jahren, ohne Bewährungsauflagen, aus dem Gefängnis entlassen wird, beginnt er nahtlos dort weiterzumachen, wo er vor dem Strafvollzug positioniert war. Als irischer Mobster mit Einfluss, in "Southie", dem Süden Bostons. Bis ihn Mentor, Freund und Boss Red Mahoney ans FBI verriet. Kyle schluckt es, und hat nach seiner Entlassung klare Aufgaben: a) den früheren Status wiederherstellen und den kleinen Bruder Danny vom Pfad der Tugend abbringen, b) Kohle machen, c) Red Mahoney finden und eliminieren.

Verlorene Zeit muss aufgeholt werden, Kyle Nevin stampft berserkerhaft zurück in sein altes Leben. Schutzgelderpressung, brutale Schlägereien, die durchaus tödlich enden können (wen kümmert’s), Gangster-Groupies ficken (auch wenn es manchmal schwer fällt. Doch wofür gibt es blaue Pillen…), saufen, Drogen nehmen und eine Entführung vorbereiten, die genügend Lösegeld einbringen soll, um ein unbeschwertes Leben auf Jahre hin zu ermöglichen und außerdem die Jagd auf Red Mahoney zu finanzieren.

Mitmenschlichkeit, Gewissen; einen Schlussstrich ziehen – darauf geschissen. Es läuft, und wenn´s mal nicht läuft wird jemand zu Klump gehauen, danach sind die Aussichten zwar immer noch nicht rosig, aber man fühlt sich einfach besser.

Doch dann häufen sich die Pannen, und je mehr schief geht, umso besser wird es für ironischerweise Kyle. Ein rasanter, wenn auch kurzer Aufstieg beginnt. Ganz anders als Nevin sich das vorgestellt hat. Er wird zum Medienstar, bis… Das wird nicht verraten, ist aber eine großartige Volte. Dedicated to: Annette Schavan und Theodor zu Guttenberg.

Am Ende, Apocalypse Now. Vielleicht. Selbst lesen.

Paria ist rabenschwarzer Noir, arbeitet so geschickt mit klassischen Mustern wie er hochaktuell ist. Durchdrungen von einer Komik, die finsterer ist als die Nacht in einem Tunnel und um ihre enge Verbindung zu Vergeblichkeit und Trauer weiß. Auf den ersten Blick behandelt der Roman die Geschichte vom Fall und Aufstieg und erneutem Fall eines Gangsters. Erweitert um mindestens noch einen Aufstieg…

Von Beginn an ist klar, dass Kyle Nevin am Laptop sitzt und seine ganz eigene autobiographische Version in die Tastatur hämmert. "Anm. f. d. Lektorat" zieht sich über die ganzen 368 Seiten des Buchs. Und es endet auch damit. Gelegentlich informiert Nevin das Lektorat, wo und wie er die Ereignisse verfälscht (ein flotter Dreier kommt schließlich besser als ein Kokain/Viagra-Kollaps mit Dauererektion, der im Krankenhaus endet). Nirgendwo Einsicht in die Verwerflichkeit des eigenen Tuns, bestenfalls Bedauern, wenn etwas nicht so abläuft wie es sollte.

Zeltserman erweist sich dabei als geschickter und hintersinniger Autor, denn er stellt Kyle keineswegs als unsympathische Figur dar. Er versetzt den Leser in seinen (schreibenden) Protagonisten, lässt ihn die scheinbare Konsequenz der Denkungsart Nevins miterleben als wäre es die eigene. Man drückt dem Erzähler unwillkürlich die Daumen, dass er seinen Bruder dazu "überredet", ihn bei der Entführung zu unterstützen, seinen verzweifelten Versuch eines bürgerlichen Lebens aufzugeben und seiner Freundin den Laufpass zu geben (oder sie über den Jordan zu schicken). Denn Kyle kann Eve nicht ausstehen. Weil sie ihn, seinen Lebenswandel und seinen Einfluss auf Danny verachtet. Außerdem ist sie zu blass, zu spröde und hat viel zu kleine Titten. Spaßverderberin.

Zeltserman stellt allerdings nie in Frage (auch wenn er es verschleiert), dass der einzige wahre Spielverderber Kyle ist. Da kann sich seine Sicht der Dinge aufdrängen wie sie will.

Dabei ist Kyle der ideale Mitbürger. Er macht sich Gedanken um die Verschmutzung von Wohnvierteln, organisiert Grillpartys, um die Kommunikation unter Nachbarn zu fördern. Hölle sind wie üblich die anderen. Die ihr Leben in unterbezahlten Jobs ertragen, die sich um ihre eigenen Belange, Frau und Kinder kümmern, und die Welt nicht als Selbstbedienungsladen betrachten, in dem am meisten zählt, wer das Meiste abgreifen kann. Nevin ist über Zweifel erhaben. Meistens. Doch begeht er Fehler über Fehler, findet aber immer jemanden, der die Schuld übernehmen muss.

Paria ist ein spannender Gangster-Roman, die Geschichte eines derangierten Geistes, der sich die Welt untertan machen möchte, um am Ende einen James-Cagney-Abgang spendiert zu bekommen: "Made it Ma, Top of he World", während alles um ihn herum explodiert.

Zugleich ist Paria ein Paradebeispiel für die Unsicherheit des Erzählten und Erzählenden; wir erfahren nur das, was Kyle Nevin uns wissen lassen will. Und das ist mehr als das FBI für eine Verurteilung braucht. Oder doch nur Fiktion innerhalb der Fiktion?

Kyle Nevin ist das perfekte Abbild der Gesellschaft, in der er (wir alle) leben: Effizient, zielorientiert, interessiert nur an Ergebnissen, die zum Erfolg führen. Die Marktwirtschaft schafft ihre Monster selbst. Nachteilig ist natürlich, dass Kyle mental unberechenbar ist, viel zu emotional reagiert, wenn seine Planungen über den Haufen geworfen werden müssen. So werden ihm nicht seine Verbrechen das Genick brechen, sondern der Wunsch, jemand Wichtiges zu sein, in dieser Welt, die von Medien geprägt ist. Endlich zu erfahren, worin die eigene Begabung liegt und damit unterzugehen. Hauptsache, es dient der Verkaufsquote.

Paria ist die Hölle zwischen Buchdeckeln. Unterhaltsam, klug und von analytischer Brillanz ohne aufdringlich damit umzugehen.

 

Wie auch immer, es wird auf jeden Fall ein Gemetzel geben. Scheiß drauf, nicht zuletzt sollte es den Verkauf des Buches ankurbeln.

 

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