Das Verbrechen

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • New York: Pan Macmillan, 2012, Titel: 'The killing', Seiten: 400, Originalsprache
  • Köln: Random House Audio, 2013, Seiten: 8, Übersetzt: Anneke Kim Sarnau

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Jürgen Priester
David Hewson schöpft aus dem Vollen

Buch-Rezension von Jürgen Priester Jan 2013

WOW! Kommissarin Lund: Das Verbrechen – ein Roman "nach" der gleichnamigen Fernsehserie. Der Rezensent ist nicht so sehr der Fernseh-Gucker, zudem Frühaufsteher – so hat er denn auch die hochgelobte, dänische Fernseh-Produktion um Kommissarin Lund verpasst. Als im Januar diesen Jahres die Romanadaption von David Hewson mit erstaunlich wenigen, aber guten Kritiken bedacht wurde, war das Interesse des Rezensenten geweckt und ihm präsentierte sich ein Kriminalroman, der sich auf fast 800 Seiten nicht einen Durchhänger erlaubt, der in Bezug auf Tempo, Spannung und Ideenreichtum zum Besten gehört, was der Rezensent in diesem Genre gelesen hat. Meisterlich!

David Hewson, Jahrgang 1953, ist englischer Kriminalschriftsteller und hat es in den 20 Jahren seines Schaffens auf eine stattliche Anzahl von Einzel- und Serienromanen gebracht. Hierzulande ist er eher weniger bekannt. Wahrscheinlich aufgrund zu geringer Nachfrage werden seine Romane seit 2007 nicht mehr ins Deutsche übersetzt. Der Rezensent hat drei Romane von David Hewson gelesen und, ohne näher auf ihre teils mystischen Inhalte einzugehen, soll festgehalten werden, dass der Autor ein exzellenter Erzähler ist. Mit Erfahrung und Leidenschaft hat Hewson sich in 2011 dem Projekt gewidmet, einen Roman nach den Vorgaben des dänischen Drehbuch-Autors Søren Sveistrup zu schreiben. Die zugrundeliegende erste Staffel der Serie (mittlerweile gibt es schon eine zweite und dritte) wurde in 20 Folgen zu 50-55 Minuten erstmalig im dänischen Fernsehen im Jahre 2007 ausgestrahlt. Die Serie wurde in mehrere Länder verkauft und fand besonders in Deutschland, Österreich und Großbritannien großen Anklang. Siebzehn Stunden Film und jetzt ein Buch von 800 Seiten über ein einziges Ausgangsverbrechen, dem bestialischen Mord an einem jungen Mädchen.

Eigentlich ist sie schon gar nicht mehr da. Die Koffer sind gepackt; der Flug gebucht. Ihre Fälle in der Kopenhagener Mordkommission sind entweder abgeschlossen oder vertrauensvoll in die Hände ihrer Kollegen gegeben. Ihr Nachfolger hockt schon in den Startlöchern.

Vize-Kommissarin Sarah Lund zieht es mit ihrem Sohn Mark und ihrem neuen Lebensgefährten Bengt nach Schweden. An ihrem letzten Arbeitstag, einem Montag, wird sie nach sieben Jahren erfolgreicher Tätigkeit vom Leiter der Mordkommission doch noch einmal zu einem möglichen Tat- oder Fundort geschickt. Spaziergänger hatten in der sumpfigen Ödnis nahe am Kopenhagener Flughafen ein blutbeflecktes Mädchen-Top und einen Videotheken-Ausweis auf den Namen Theis Birk Larsen gefunden. Eine grobe Durchsuchung des Geländes bringt keine weiteren Ergebnisse. Lund und ihr Nachfolger Kommissar Jan Meyer kontaktieren den Besitzer des Ausweises. Familie Birk Larsen betreibt eine kleine Spedition, die sie mehr schlecht als recht ernährt. Am zurückliegenden Wochenende waren die Eltern mit den beiden jüngeren Söhnen am Meer gewesen. Die 19-jährige Tochter Nanna wollte nach einer Halloween-Party am Freitag bei ihrer besten Freundin bleiben. Diese weiß aber von nichts. Seit der Party hat keiner mehr was von Nanna gesehen oder gehört. Die Ermittler befürchten das Schlimmste. Noch einmal wird das Gelände am Flughafen mit großem Aufwand durchkämmt. In einem Drainage-Kanal stoßen die Einsatzkräfte auf eine versenkte, brandneue Limousine. In ihr befindet sich der geschändete Leichnam von Nanna Birk Larsen. Der Fundort ist nicht der Tatort – wie der Erkennungsdienst später feststellen wird.

Mit wem war Nanna während und nach der Party zusammen? Mit wem ist sie weggegangen oder wen hat sie später noch getroffen? Im Fokus der Ermittler stehen da viele, manche äußerst verdächtig.Verschmähte Verehrer, Mitschüler, Lehrer – Nanna war sehr beliebt, nicht nur in der Schule. Das Auto, in dem ihre Leiche gefunden wurde, weist in die Kommunalpolitik. In Kopenhagen tobt der Wahlkampf. Stadtrat und Oberbürgermeister müssen neu gewählt. Die Parteien und ihre Galionsfiguren liefern sich einen erbitterten Schlagabtausch, der gerne auch unter der Gürtellinie geführt wird. Es wird koaliert, intrigiert und verleumdet. Unterm Strich zeigt es sich, dass alle Dreck am Stecken haben und dass es allein um Macht und Machterhalt geht. Auch hier scheint es eine Verbindung zu dem ermordeten Mädchen zu geben. Der (falschen?) Spuren nicht genug – in der Spedition der Eltern treiben sich einige zwielichtige Gestalten herum, selbst Vater Theis hat einige dunkle Flecken in seiner Vergangenheit. Licht ins Dunkle zu bringen, ist für das Ermittler-Duo ein schwieriges Unterfangen. Da sind sie echt gefordert und da sie einander nicht grün sind, meist auch überfordert. Nur Sarah Lunds Beharrlichkeit, die schon an Besessenheit grenzt, ist es zu verdanken, dass es überhaupt vorangeht.

Mit Sarah Lund erleben wir eine Ermittlerin, die sich in einen Fall verbeißt wie ein Terrier in seine Beute. Ihrer Arbeit opfert sie ihr Privatleben, setzt die Zuneigung ihres Sohnes aufs Spiel, stößt ihrem jeweiligen Lebenspartner vor den Kopf. Ihre schier grenzenlose Einsatzbereitschaft ist nicht einem übersteigerten Ehrgeiz geschuldet, sondern resultiert aus altruistischen Motiven. Mit der festen Überzeugung, den Opfern eine Aufklärung zu schulden, setzt sie sich über Dienstvorschriften und den Anweisungen ihrer Chefs hinweg. Riskiert ihr Leben, gerät selbst unter Verdacht. Selbst als sie schon suspendiert ist, macht sie weiter. Am Ende steht zwar eine Lösung, aber auch eine Frau einsam vor ihrem beruflichen und privaten Scherbenhaufen.

Die Erzählung erstreckt sich über 20 Tage und setzt sich im Wesentlichen aus vier Erzählperspektiven zusammen. Das sind die Ermittlungen aus der Polizei, die Machtspiele der Lokalpolitiker, das Leben und Leiden der Opferfamilie Birk Larsen und nicht zuletzt die Dämonen der Kommissarin Lund. Die einzelnen Komponenten sind eng miteinander verwoben und wechseln manchmal in unglaublicher Schnelligkeit. Man merkt die rasanten Schnitte der filmischen Vorlage, die sich auch in der schlaglichtartigen Beschreibung der einzelnen Szenen ausdrückt. David Hewson arbeitet oft mit Satzfragmenten, singulären Substantiven und Adjektiven zur Skizzierung seiner Bühnenbilder. Das bedarf einer gewissen Eingewöhnung. Ansonsten ist die Erzählung seinen Wurzeln entsprechend sehr dialogfreudig, was der Story zusätzlichen Drive gibt.

Kommissarin Lund: Das Verbrechen ist Kriminalliteratur vom Feinsten. Ein "Police procedural", das die Ermittlungsarbeit fast minutiös beschreibt, ohne auch nur einen Augenblick langweilig zu sein. Das ganze Füllhorn an Irrungen, falschen Spuren, Fallen und Wendungen, das der Drehbuchautor schon zusammengetragen hat, um die Zuschauer 20 Folgen lang zu fesseln, schöpft David Hewson voll aus und unterfüttert es noch mit vielen eigenen Ideen. Herausgekommen ist kein Meilenstein der Innovation, sondern ein Klassiker des Genres, der sowohl Freunde des Whodunnits, als auch Thrillerfans ansprechen wird.

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