Die Flucht

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Stuttgart: Klett-Cotta, 2013, Seiten: 208, Übersetzt: Petra Strien

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Andreas Kurth
Existenzkampf in lebensfeindlicher Umgebung

Buch-Rezension von Andreas Kurth Jan 2013

Ein Junge flieht aus seinem Dorf, und wird schon bald verfolgt. Polizist, Lehrer, Familie und weitere Dorfbewohner suchen das Kind. Der Junge versteckt sich in einer dreckigen und unbequemen Erdhöhle, hört seine Verfolger, bleibt jedoch unentdeckt. Sein Weg durch die karge Landschaft ist anstrengend und geradezu qualvoll. Als er auf einen alten Ziegenhirten trifft, schließt er sich dem Mann nach kurzem Zögern an. Der Flüchtling teilt das entbehrungsreiche Leben des Alten für ein paar Tage, aber schon bald tauchen die Verfolger wieder auf. Es kommt zu Gewaltausbrüchen, der Junge bleibt unentdeckt, aber der Hirte muss seine Hilfe teuer bezahlen. Die beiden flüchten gemeinsam weiter, aber ihr Kampf um Leben und Tod ist damit noch lange nicht ausgestanden.

Die Flucht von Jesús Carrasco ist ein eher kurzer, aber überaus intensiver Roman. Der Titel des Buches beschreibt exakt, um was es in der Geschichte geht. Ein Jugendlicher, stets nur "der Junge" genannt, flieht aus seinem Dorf. Der Leser erfährt keine Namen. Personen, Ortschaften, sogar das Land in dem die Flucht sich ereignet – alles bleibt völlig anonym. Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass die Geschichte in der spanischen Heimat des Autors angelegt ist. Und zwar in einer eher ärmlichen Gegend, vermutlich zur Zeit der Franco-Diktatur, oder kurz davor. Denn der Leser erfährt, dass einzig der Dorfpolizist über ein motorisiertes Fahrzeug verfügt. Mit seinem Motorrad fährt er oft durch das Örtchen – und der Junge ist im Beiwagen mit von der Partie. Wie zwiespältig das Verhältnis zwischen dem Heranwachsenden und dem Polizisten war, erfährt der Leser gewissermaßen scheibchenweise, aus kleinen Andeutungen. Irgendwann wird klar, dass der Ordnungshüter einer der Gründe – wenn nicht der Hauptgrund – für die Flucht aus der Heimat ist.

So erklärt sich auch zunehmend, warum der Junge derartige Gefahren und Strapazen in Kauf nimmt, um seinen hartnäckigen Verfolgern zu entkommen. Das Ausharren in einem lehmigen Erdloch, der mühevolle Marsch über die ausgedörrte Ebene, begleitet von körperlichen und seelischen Qualen – das erträgt niemand ohne guten Grund. Die Flucht wird zu einem gnadenlosen Kampf ums Überleben, in den auch der alte Ziegenhirte verwickelt wird. Dessen Motive bleiben jedoch völlig im Unklaren. Der Junge – und mit ihm der Leser - fragt sich ein ums andere Mal, warum der Alte ihm hilft, und dabei wirtschaftliche Verluste ebenso in Kauf nimmt wie gesundheitliche Schäden. Die Begleitung und Hilfe durch den alten Mann lindert die Entbehrungen des Jugendlichen in entscheidendem Maße, aber dafür muss er dem Hirten auch beim Melken der Ziegen zur Hand gehen. Schneller voran kommt er dadurch jedenfalls nicht.

Erschwert wird die Situation für den Jüngling dadurch, dass er bis zuletzt nicht sicher ist, voran er bei dem Alten eigentlich ist. Erst als die Häscher das Duo aufspüren und den Hirten schwer misshandeln, wird ihm angesichts des Schweigens des Alten in seinem Versteck deutlich, dass der Hirte sich tatsächlich für ihn aufopfert – trotz der Gefahr für das eigene Leben. Als die Verfolger wieder verschwunden sind, beginnt das überaus dramatische Finale des Romans. Carrasco versteht es meisterhaft, die Spannung für den Leser abermals zu steigern, denn die unerwarteten Wendungen im Schlussdrittel sorgen für ungeahnte Dynamik in der Handlung.

Mutig und für viele Leser wohl auch gewöhnungsbedürftig ist die Beschränkung der Handlung auf die tatsächliche Flucht. Der Autor spricht keine gesellschaftlichen Probleme an, die Vergangenheit des Jungen wird nur angerissen, aber nicht nachhaltig thematisiert. Offensichtlich soll unklar bleiben, wo und wann genau sich diese Ereignisse abspielen. Die jeweilige Umgebung wird dafür genau beschrieben, jeder einzelne Moment der Flucht wird geradezu seziert. Die latente Bedrohung durch die Verfolger und vor allem das gewalttätige Finale sorgen für eine stets düstere Atmosphäre, die auch in den Empfindungen des Jungen zum Ausdruck kommt.

Neben dem Flüchtling und seinem Begleiter lernt der Leser nur den Dorfpolizisten und dessen Handlanger sowie einen beinlosen Krüppel kennen – aber alle Protagonisten bleiben ohne Namen und ohne konkretes Alter. Carrasco treibt diesen erzählerischen Minimalismus förmlich auf die Spitze, indem er die kargen Dialoge ebenfalls auf ein Mindestmaß stutzt. Der Autor erzählt eine brutale Geschichte voller Verzweiflung und unbändigem Überlebenswillen, lässt nichts aus, deutet aber vieles andere an. In diesem "kurzen" Roman steckt so viel – den wird man wohl zweimal lesen müssen, um ihn komplett würdigen zu können. Ein Buch zum Genießen, zum Nachdenken – oder einfach um sich hervorragend unterhalten zu lassen.

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