Die Bürde der Wahrheit

Erschienen: Januar 1991

Bibliographische Angaben

  • New York: Franklin Library, 1990, Titel: 'The Burden of Proof', Seiten: 515, Originalsprache
  • München: Droemer Knaur, 1998, Seiten: 605, Übersetzt: Günter Seib
  • München: Droemer Knaur, 1991, Seiten: 605, Übersetzt: Günter Seib
  • München: Droemer Knaur, 1993, Seiten: 601
  • München: Heyne, 2007, Seiten: 603

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Peter Kümmel

Rezension von Peter Kümmel Mai 2003

"Sie werden nicht mehr aus dem Haus gehen wollen, ehe Sie diesen packenden Roman zu Ende gelesen haben...", soll die Chicago Tribune über diesen Roman laut Klappentext geschrieben haben. Der Rezensent dieser Zeitung muß wohl das Haus schon verlassen haben, bevor er zu lesen begann, denn spannend wäre wohl so ziemlich das letzte Adjektiv, das ich mit diesem Buch assoziieren würde.

Alejandro Stern, genannt Sandy, argentinischer Abstammung, ist ein renommierter Rechtsanwalt in Kindle County, 56 Jahre alt, korpulent und glatzköpfig, seit über dreißig Jahren verheiratet mir seiner Frau Clara, der Tochter seines ersten Chefs und Vater von drei erwachsenen Kindern. Zum einen Peter, ein Frauenarzt, dann Marta, ebenfalls aufstrebende Rechtsanwältin und schließlich Kate, zusammen mit ihrem Ehemann John in Erwartung ihres ersten Kindes. Zum engen Familienkreis zählt außerdem noch Sterns Schwester Silvia, mit der Sandy seit dem Tod ihrer Eltern ein sehr enges Verhältnis verbindet und Silvias Ehemann Dixon Hartnell, der Sterns bester Mandant ist. Dixon ist Börsenmakler und hat es zu großem Reichtum gebracht, so daß er Silvia ein schönes Leben bieten kann. Doch Treue und Ehrlichkeit zählen nicht zu seinen Stärken, so daß er seiner Frau auch viel Kummer bereitet und Sandy regelmäßig Arbeit verschafft.

Auch die Dienstreise nach Chicago musste Stern im Auftrag seines Schwagers unternehmen. Als er spätnachmittags in sein Haus zurückkehrt, findet er seine Frau tot im Auto in der Garage vor -Selbstmord.

Völlig geschockt ist Stern der Verzweiflung nahe und kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Absolut unklar sind ihm die Motive seiner Frau, die sie zu dieser Tat getrieben haben könnten.

Kurz bevor die Familie zur Beerdingung fahren will, bekommt sie Besuch von zwei FBI-Agenten, die Dixon eine Vorladung der Grand Jury zustellen. Doch es ist völig unklar, worauf sie abzielen und ob Dixon beschuldigt wird. Erst nach und nach erhält Stern eher tropfenweise weitere Informationen. Es sieht so aus, als sei Dixon in Schiebereien mit Warentermingeschäfen verwickelt, doch der Staatsanwaltschaft fehlen wohl schriftliche Unterlagen, die beweisen, dass Dixon selber einen finanziellen Vorteil daraus gezogen hat. Stern findet heraus, dass die unrechtmäßigen Geschäfte anscheinend offiziell von Sterns Schwiegersohn John getätigt wurden, dem Dixon einen Job in seiner Firma vermittelte. Und John soll jetzt bei zugesicherter Straffreiheit als Zeuge gegen Dixon aussagen.

Unterdessen findet Stern bei den Unterlagen seiner Frau die unbezahlte Rechnung einer Klinik. So vermutet er, sie könnte unter einer unheilbaren Krankheit gelitten haben und stellt Nachforschungen an. Diese verlaufen jedoch zunächst im Sand. Erst später findet er heraus, dass sie unter einer Geschlechtskrankheit litt und daß der Schuldige dafür wohl sein Nachbar und Claras Frauenarzt Nate war.

Nur schwer findet Sandy wieder in den Alltag zurück, doch landet er, der bis dahin ausschließlich mit seiner Frau Clara sexuellen Kontakt hatte, schnell in den Betten verschiedener Frauen und ist erstaunt über sich selber.

Schließlich macht er sich selbst strafbar, indem er Unterlagen seines Mandanten zurückhält und gerät in Gefahr, eine Haftstrafe zu erhalten.

So unspektakulär, wie diese Inhaltsangabe klingt, ist der komplette Roman aufgebaut. Juristische Spitzfindigkeiten bilden einen großen Teil der Handlung. Für den Leser ist es nicht gerade aufregend, wenn Stern immer wieder Verschiebungen für Termine zur Vorlage irgendwelcher Unterlagen beantragt oder von der Staatsanwaltschaft zu erfahren versucht, was diese überhaupt zur Anklage bringen will. Dabei erfährt man zwar wieder mal einiges Neue aus dem komplizierten amerikanischen Rechtssystem, doch ist dies nicht alles auch verständlich erklärt.

Weit über die Hälfte des Buches hinaus fragt sich der Leser, worauf das eigentlich hinaus laufen soll. Erst nachdem man drei Viertel des Romanes gelesen hat, erhält man so langsam Aufklärung. Dabei wird die eigentliche Auflösung, die für mich ziemlich überraschend war, doch relativ schnell abgehandelt. Mit dem Schlußgag macht es sich der Autor dann, wie ich finde, relativ einfach, um für alle Seiten eine zufriedenstellende Lösung zu finden.

Die etwa 600 Seiten des Buches sind in 50 Kapitel unterteilt. Jedes dieser im Schnitt also 12 Seiten langen Kapitel bildet dabei eine einzige Szene, allerhöchstens unterbrochen durch längere Rückblicke aus Sandy Sterns Leben, die durchweg kursiv gedruckt wurden. Daraus kann man schon ersehen, dass es in dem Roman alles andere als hektisch zugeht. Scott Turow hat einen sehr angenehmen, aber selten mitreißenden Schreibstil, dem der Leser gut folgen kann. Die einzelnen Personen werden zwar nicht unbedingt bei ihrem ersten Erscheinen, dafür aber mit Sicherheit im Verlaufe der Handlung sehr ausführlich dargestellt. Auch seinen Protagonisten Sandy Stern stellt der Autor durch Rückblicke aus dessen Leben, die über das ganze Buch verteilt sind, nach und nach immer genauer vor.

Ich persönlich hätte die Ich-Form aus Sicht des Protagonisten Sandy Stern in diesem Fall für angebrachter gefunden. Denn durch die Erzählung in der 3. Person schafft der Autor eine zu große Distanz, um den Leser genügend in das Geschehen mit einzubeziehen.

"Die Bürde der Wahrheit" ist mein zweiter Roman von Scott Turow. Vor einigen Jahren habe ich sein bekanntestes Buch "Aus Mangel an Beweisen" gelesen, was mit diesem Werk - weil ungleich spektakulärer aufgebaut - nicht zu vergleichen ist. Aber auch in diesem Buch tauchte bereits Sandy Stern in einer Nebenrolle auf, und zwar als Anwalt des Protagonisten Rusty Sabich. Dieses Konzept scheint Turow auch weiter zu verfolgen, denn Sonja Klonsky, die hier eine Rolle als Staatsanwältin hat, bekommt wiederum in einem anderen Turow-Roman die Hauptrolle zugedacht.

Turow wird oft mit John Grisham verglichen, wohl hauptsächlich aufgrund des Themas. Denn für mich hat Turow mit Grisham außer eben dem Thema so gut wie nichts gemeinsam. Während Grisham eine rasante Geschichte entwickelt und als Figuren der Handlung austauschbare Charaktere einsetzt, stehen bei Turow die Personen im Mittelpunkt. Turow gibt ihnen Zeit, sich zu entwickeln und lässt sie realistisch erscheinen. Natürlich geht dies alles zu Lasten der schnelle Lesbarkeit, d.h. es ist nicht unbedingt ein Buch für den Gelegenheitsleser.

Im Mittelpunkt des Romans stehen die Figuren und ihre Beziehungen zueinander. Psychologisch schön verwoben zeigt Turow auf, welche Probleme innerhalb einer Familie entstehen können, wenn jeder für sich das Beste zu tun gedenkt, dies durch mangelnde Kommunikation und falscher Interpretation aber zu Problemen und gar Katastrophen führt.

Die Stärken von Turows Roman "Die Bürde der Wahrheit" liegt vorwiegend im psychologischen Bereich. Als Kriminalroman ist das Buch zu weitläufig und allgemein aufgebaut. So gelingt es dem Autor zu keiner Zeit, die nötige Spannung aufzubauen. Turows angenehmer Schreibstil sorgt jedoch dafür, dass man auch die Kapitel durchhält, in denen das Geschehen so vor sich hinplätschert, und dafür am Ende noch belohnt wird. Trotz des relativ unspektakulären Inhalts halte ich das Buch durchaus für lesenswert.

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